Hörbuch „Oroppa“: Europa qua Mosaik aus Identitäten
Die marokkanisch-jüdische Künstlerin Salomé Abergel, genannt Salma, ist verschwunden. Von der vereinten Suche nach der Dissidentin erzählt der Roman „Oroppa“ von Safae el Khannoussi, übersetzt von Stefanie Ochel (Carl Hanser Verlag, 2026). In den Niederlanden ist Safae el Khannoussi als Schriftstellerin und Philosophiedozentin sehr erfolgreich. Salma wird gefunden, das erfahren wir schon im Prolog. Doch ihr Anblick ist erschütternd, sie wiegt kaum noch vierzig Kilo, ein Lungenflügel der starken Raucherin ist zerstört, der Tod schwebt über ihr. Was ist da nur passiert, fragt sich außer den Hörenden auch die Bühnendarstellerin und Schauspiellehrerin Gabriele Blum, die dieses Debüt über mehr als zehn Stunden hinweg mit Spürsinn und nie nachlassender Neugierde vorträgt. Sie wirkt tastend, rätselnd, forschend mit den zahlreichen Fährtenlesern, als würde sie beim Lesen überrascht, als hätte sie alles gerade erst erfahren. Diesem Gestus schließt man sich mit Spannung an.
Als Erste betritt Hind el Arian den Schauplatz, ihr hat der Imbissinhaber Hbib Lebyad die verwaiste Amsterdamer Wohnung Salmas überlassen. Ihr wird aber auferlegt, keinesfalls dem Verbleib der Eigentümerin nachzuforschen. Im Café Rainblow City ist sie Teil einer Gemeinschaft von „Golems in Gottes Hinterzimmer“. Wie dort wimmelt der Roman von schillernden „Verlierern“ mit einem zweifelhaften Status zwischen Rolle und Realität, Vergangenheit und Gegenwart. Im Zentrum steht zunächst Hbib, früher ein Zirkusartist, dann Reinigungskraft in der Psychiatrie, der einst von einer Amerikanerin als „verlumpter Niemand“ aufgegriffen, geheiratet und wieder verlassen wurde. Dann hat er sich neu erfunden, irgendwann glaubt er, Salma „hätte seine Frau werden können“.

Einer seiner Freunde ist Levi Shotz, Übersetzer aus dem Hebräischen. Der soll den bizarren Roman „Wir waren Freunde“ übertragen, darin kommt ein sprechender Hund als Zellengenosse eines politischen Gefangenen vor, der jedoch den Namen Levi Shotz trägt. Die nach Israel ausgewanderte Verfasserin, früher Mitbewohnerin Salmas, mag den Übersetzer so gezielt geärgert haben. Soll er den Spieß einfach umdrehen und dem Hund, der vielleicht gar kein Hund ist, den Namen der Autorin geben? Solche eingelagerten „Geschichten“, „Begebenheiten“ oder „Märchen“ sprechen wie die mäandernden Figurenstränge und die Verweigerung einer zielstrebigen Handlung für einen literarischen Stil, den zuletzt der Buchpreisroman „Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger bekannt machte.
Bemerkenswert ist der Fall eines Narkoleptikers in der Bar des Pariser Hotels „Le Souterrain“, die von Salmas Sohn Irad als „Anlaufstelle für Randexistenzen“ betrieben wird. Dort sucht beispielsweise eine Frau nach einem Folterer aus marokkanischen Gefängnissen, der unter dem Namen „der Pilger“ vielleicht nur ein traumatisches Phantom ist. Er soll ihren Bruder in Marrakesch getötet haben, seither verfolgt die Frau ihn quer durch Europa. Ein Detektiv setzt sich auf beider Spur, denn diese Zusammenhänge können unmöglich Zufall sein. Auch Salomés Galeristin Hannah Melger taucht hier auf, ohne der Verschwundenen näher zu kommen, später wird ihre eigene Geschichte entfaltet.
Lebenswege weisen über Europas Außengrenzen hinaus
Vielversprechender sind die Lebenswege von Salmas Sohn Irad, der einst Amsterdam fluchtartig in Richtung Paris verließ. Jetzt kehrt er ins Haus der Mutter in der Churchill-laan 270 zurück, wo er auf die Mietnomadin Hind und im Keller auf die Bilder seiner Mutter stößt, bis im Haus ein Feuer ausbricht. An dieser Tür stand zuvor schon Yousef Slaoui, Zentralfigur des zweiten Teils, ein abgerockter Trinker und nierenkranker Psychopath. In Casablanca misshandelte er Salma im Gefängnis, nach dreißig Jahren sucht er sie in Amsterdam wieder auf.
Im dritten Teil kommt es zur „Wiederauferstehung der Salomé Abergel“ in Tunis, einer „Schnapsdrossel“, die seit der Haft in Casablanca an einer mysteriösen Lungenkrankheit leidet. Hier stöbert die Galeristin Hannah sie auf, doch das „Gerippe in schwarzem Mantel“ entzieht sich mit einem „Nichtsnutz“ und Alkoholiker durch eine Reise in die südliche Hafenstadt Gabès, um dort den Tod zu suchen. Eine „Coda“ beschließt el Khannoussis Roman, der ein höchst komplexes Figurengeflecht aus dem Maghreb in Europa entfaltet. „Frau O.“, die ehemalige Journalistin aus einem Frauengefängnis in Tanger, die später Philosophie an der Sorbonne studiert, meldet sich am Ende als Ich-Erzählerin mit neun „Fragmenten“ zu Wort.
Hat sie all die Fäden verwickelt und verknüpft? Offenbar stammen sie aus der Vergangenheit, weisen aber – wie das in Paris diskutierte, stadterweiternde 21. Arrondissement – zugleich in die Zukunft des neuen Jahrtausends. Die unterschiedlichsten Erzählfäden führen in Regionen großer Sinnlichkeit und Farbenpracht. Darin die Orientierung zu behalten, ist keine Kleinigkeit. Nach und nach werden aber Kreuzungspunkte zwischen den Lebensgeschichten sichtbar, die alle etwas mit der verschwundenen Salma teilen. Die Bewegungen der Figuren führen immer wieder über die Außengrenzen „Oroppas“, verbunden mit dem Ringen um die dafür erforderlichen Papiere. Das Bild Europas als Rücken einer großen Kreatur, die einen jederzeit abschütteln kann, geht dem Hörenden noch lange nach.
Safae el Khannoussi: „Oroppa“. Roman. Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel. Gelesen von Gabriele Blum. Audiolino, Hamburg 2026. 1 MP3-CD, 640 Min., 24,90 €.
Source: faz.net