Social-Media-Verbot: Sollen die Kids real möglichst im Darknet herumlungern qua gen TikTok?
Plötzlich scheinen sich CDU und SPD überraschend einig: Kinder und Jugendliche in Deutschland sollen vor Snapchat, TikTok und Instagram geschützt werden – also zumindest vor süchtig machenden und manipulativen Algorithmen bei Social-Media-Plattformen, wie es so schön heißt.
„Ist ein Verbot sinnvoll oder nicht?“, lautet die vermeintliche Gretchenfrage. Dabei zeichnen sich Verbotsdebatten in der Regel dadurch aus, dass sie verkürzt geführt werden. In Australien zeigt sich, wie viel komplexer das Thema ist: Jugendliche finden diverse Wege, die Altersblockade zu umgehen, und landen dabei schnell auf wesentlich gefährlicheren Plattformen. Aber der Reihe nach.
Worum geht es konkret? Das am 15. Februar veröffentlichte SPD-Papier fordert zunächst ein vollständiges Verbot zur Nutzung von Social-Media-Plattformen für Kinder unter 14. Die Anbieter würden verpflichtet, „den Zugang technisch wirksam zu unterbinden. Verstöße werden konsequent geahndet“. Bis 16 Jahre soll eine „verpflichtende Jugendversion gelten“.
Das beinhaltet, dass es „keine algorithmisch gesteuerten Feeds oder Empfehlungssysteme“ mehr gebe, keine Inhalte personalisiert ausgespielt und „suchtverstärkende Funktionen wie Endlos-Scrollen, automatisches Abspielen von Inhalten, Push-Benachrichtigungen, Gamifizierung“ deaktiviert werden. Die SPD fordert eine Altersverifizierung über die EUDI-Wallet.
Selbstverpflichtung der Socialmedia-Plattformen „funktioniert halt nicht“
Die stellvertretende CDU-Parteivorsitzende Silvia Breher sagte in einem Interview mit dem NDR, dass es unbedingt ein Social-Media-Verbot für Jugendliche und Kinder bräuchte, „weil es abhängig macht“.
In der möglichen Ausführung klingt das aber anders: „Ob man es über ein Verbot macht oder dass man die Plattformen verpflichtet … Letzteres gibt es und das funktioniert halt nicht. Dann müssen wir andere Schritte gehen. Ich halte Social Media für unter 14-Jährige wirklich für eine Gefahr.“ In dem Beschluss aus Stuttgart heißt es nun, „eine gesetzliche Altersgrenze von 14 Jahren für die Nutzung sozialer Netzwerke einzuführen und das besondere Schutzbedürfnis bis zum 16. Lebensjahr im digitalen Raum auszugestalten“.
Während die SPD TikTok, Meta und Co. in die Pflicht nehmen will, hat die CDU, oder zumindest Silvia Breher, dahingehend schon resigniert. Offensichtlich geht man hier nicht davon aus, dass die Plattformen ihre Produkte wesentlich anpassen und umgestalten. Statt ihre schädlichen Systeme und Inhalte zu regulieren, wird die Verantwortung in die Hände der Eltern und Kinder gegeben, ein mögliches Verbot auch tatsächlich umzusetzen. Ein Gesetz wird das Problem schon regeln.
Ganz wie beim Rauchen. Aber tut es das? Kommen Kinder nicht trotz Verbot an Zigaretten?
Gaming-Plattform Discord: Jetzt sind eben alle bei TeamSpeak
Ein aktuelles Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, mit Alterskontrollen des Problems habhaft zu werden. Die populäre Kommunikationsplattform Discord kündigte für März an, Identitätsverifizierungen für ihre User einzuführen. Discord ist vor allem bei jungen Gamern beliebt. Nun sollen all jene, die ihr Alter nicht verifizieren, als minderjährig eingestuft werden, was zum großen Exodus führte, wodurch nun die fast vergessene Voice-Chat-Plattform TeamSpeak einen enormen Zulauf erfährt.
Kritik gibt es auch, weil der Service Persona, der die Altersverifizierung bei Discord durchführt, durch den Founders Fund von Peter Thiel finanziert wird. Die Sorge vor Datenlecks ist in der Community groß. Bereits im Oktober 2025 kam es bei Discord zu einem Leak von 70.000 Ausweisfotos durch einen anderen Anbieter.
Auch in Australien wachsen die Userzahlen bei jenen Diensten, die nicht Snapchat, Instagram, TikTok, Facebook, YouTube, X, Reddit und Twitch heißen. Wege in unkontrollierte Räume suchen sich nicht nur Jugendliche, sondern auch jene, die eine potentielle Gefahr für Kinder und Jugendliche darstellen: Groomer, rechtsextreme Influencer oder Menschen, die pornografische und gewaltverherrlichende Inhalte verbreiten.
Lieber auf TikTok und Instagram statt im Darknet
Wie möchte die Bundesregierung diese Vielfalt an digitalen Angeboten überblicken? Zynisch könnte man fragen, wäre es nicht besser, Kinder dann doch lieber auf TikTok und Instagram zu lassen, bevor man sie auf dubiosen Plattformen oder gar im Darknet völlig verliert?
Die Situation ist also, wie so oft, komplizierter als von vielen gewünscht. Ob ein Verbot von Social Media sinnvoll ist oder nicht, wird auch von Jugendlichen auf der Webseite des Nachrichtenformats logo diskutiert. „Also ich finde diesen ganzen Verbot (bitte kein Hate) ist zurecht weil bleiben wir ehrlich es ist sooo gefährlich z.b diese ganze KI sache ist auch so gruselig weil ich meine KI speichert sich deine Daten und so also voll creepy meiner Meinung nach…“, schreibt ein User.
Für viele ist Social Media nicht gleich Social Media: „Ich finde es kommt auf die Soziale Medien Plattform an. Bei TikTok, Snapchat oder Instagram bin ich für einen Verbot. Bei YouTube kommt es für mich auf die Funktion davon an, weil es gibt bei YouTube auch viele Inhalte die einen Weiterbilden können. Ich bin aber gegen ein Verbot bei WhatsApp, Signal o.ä. weil man jetzt bei diesen Plattformen nicht Süchtig wird und sie zum Austausch sehr Hilfreich sein können und sie wirklich für zumindest mein Leben wichtig sind“, schreibt Niklas.
Der User mit dem Namen SpeziSaufer ist gegen ein Verbot: „Ich bin dagegen, also wie soll ich dann mit meinem Freuden kommunizieren oder spielen? Mit einer Taube oder was?“
Alter fälschen, VPN, mehr Freizeit: Jugendliche gehen unterschiedlich mit Verbot um
Andere finden ein Verbot nur unter der Bedingung gut, dass es auch kindertaugliche Alternativen gibt. Hier liegt ein wesentlicher Punkt. Wo sind diese Alternativen? Wie man sieht, gibt es in der betroffenen Zielgruppe in Deutschland durchaus eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung mit dem Thema.
Gegner des Verbots in Deutschland führen gerne an, dass der Versuch in Australien gescheitert sei. Allerdings wird von dort seit dem Verbot berichtet, dass Kinder und Jugendliche sehr unterschiedlich mit der Situation umgehen. Einige freuen sich über die neu gewonnene Freiheit und treiben mehr Sport und treffen sich aktiver mit Freunden. Andere fälschen ihr Alter und hängen trotzdem die ganze Zeit auf TikTok und Instagram ab.
Andere nutzen VPNs, um über Umwege ihrer Social-Media-Sucht nachzugehen. Den oder die Jugendliche, die uns Medien und Politik gerne aufzeichnen wollen, gibt es nämlich einfach nicht. Familiäre Verhältnisse, Wohlstand, verfügbare Zeit der Eltern, Freizeitangebote in Jugendzentren und Sportvereinen, außerschulische Aktivitäten, Schul-AGs sind wichtiger als die Existenz oder Nichtexistenz von sozialen Medien. Auch wenn deren potenzielle Gefahr allen bewusst sein sollte.
Aber genau hier liegt das Problem. Schulen bieten kaum noch AGs an. Musische Fächer spielen heute eine untergeordnete Rolle. Sich mit den eigentlichen Sorgen der jungen Generation zu beschäftigen, könnte Aufgabe der Koalition sein. Aber solange die nicht wählen dürfen, sind sie auch keine Zielgruppe. Dann doch lieber so: Mit einem Verbot könnte sich das Problem schon versenden. Wird es aber nicht.