Von welcher Wirklichkeit vollendet – welcher Film „A Letter to David“
Es ist etwas, das es in der 76-jährigen Geschichte der Berlinale noch nie gegeben hat: Ein Film wird in einem Jahr vorgeführt – und kehrt im folgenden Jahr zurück, aber mit einem anderen Schluss. Und jetzt heißt der Film nicht mehr einfach „A Letter to David“, sondern „A Letter to David – Completed Version“.
Am Ende der ersten Version im Februar 2025 sah man Eitan Cunio, einen Mann Anfang Dreißig, Kurzhaarschnitt und Vollbart, und er erzählte vom Morgen des 7. Oktober, als er seinem genetisch identischen Zwilling David eine Textnachricht schickte: Sein Haus brenne, er müsse ihn herausholen, und David textete zurück, das könne er nicht, die Hamas sei auch bei ihm.
Der Interviewer fragt ihn, wie er sich die Rückkehr seines Bruders, der zu diesem Zeitpunkt mit dem dritten Bruder Ariel seit einem Jahr Geisel in Gaza ist, vorstelle. Mit langen Bärten, meint Eitan, vielleicht mit langen Haaren und sehr, sehr abgemagert. Und dann werde er sie umarmen und sagen, sie sollten nie mehr fortgehen.
Die Berlinale hielt es nicht für nötig, an Cunios Schicksal zu erinnern
Der Filmemacher heißt Tom Shoval, und seine Geschichte mit den Cunio-Zwillingen und der Berlinale reicht noch weiter zurück, ins Jahr 2013, als „Youth“ dort im Panorama lief. Es war sein erster Spielfilm, und dafür hatte er zwei phänomenale Schauspiellaien entdeckt, die Zwillinge David und Eitan, die in dem Film ein Mädchen entführen, um Lösegeld zu erpressen.
Weder David noch Eitan begannen danach eine Schauspielkarriere, sie gründeten Familien und wurden Handwerker in ihrem Kibbuz. Bis die Realität die Fiktion einholte und sie selbst entführt wurden. Die Berlinale, ein paar Monate später, hielt es nicht für nötig, an das Schicksal von David Cunio zu erinnern.
Tom Shoval sehr wohl. „Nach Davids Entführung bin ich – das ist mir nun klar – durch eine existenzielle Krise gegangen. Soll ich wirklich weiter Filme machen?“ Schließlich entstand „A Letter to David“, über die alten Dreharbeiten, den Überfall, die Effekte auf die Cunio-Familie und vor allem über deren couragierte Kampagne, die Geiseln zu befreien. Sie ist sogar nach Washington geflogen, um die US-Regierung dazu zu bringen, Druck auf ihre eigene Regierung auszuüben, die keine Anstalten zeigte, die Geiseln heimzuholen.
„Wir haben versucht, den Film bei uns Entscheidern zu zeigen, aber auf deren Seite gab es keine Bereitschaft, ihn anzuschauen.“ Shoval offeriert dafür zwei mögliche Erklärungen: „Entweder wollten sie sich keine Gefühle gestatten – oder, was noch schlimmer wäre, es war ihnen egal. Der Premierminister, das wussten wir vorher, wird ihn nicht ansehen, und selbst wenn, wird er nicht reagieren.“
Vielleicht sei er zu romantisch gewesen, erzählt Shoval am Rande der „Completed Version“ in Berlin, aber er habe versucht, durch seinen Filmmonolog mit dem Bruder in der Sprache des Kinos zu kommunizieren – „in der Hoffnung, dass etwas davon in seinen Tunnel durchsickern würde, ein Zeichen, dass er nicht vergessen war“.
Es ist nichts durchgesickert. Die Kerkermeister redeten David ein, die Welt habe die Gefangenen vergessen, sie seien der Außenwelt gleichgültig geworden. Und selbst wenn sie das nicht glaubten, je mehr Zeit verging, desto mehr schlichen sich Zweifel ein.
Den Film zu beenden, hat Shoval Lebensenergie gegeben
Shoval ist mit „A Letter“ fast ein Jahr durch die Welt gereist, von Berlin nach Karlovy Vary, nach Paris und London und schließlich gar nach Argentinien und Mexiko; selbst in muslimische Länder wie Albanien und die Türkei. „Ich habe mir eingeredet, einen unvollendeten Film zu zeigen“, erinnert sich Shoval, „und dass ich ihn eines Tages beenden würde. Das hat mir Lebensenergie gegeben.“
Endlich kam der 13. Oktober 2025, als nach 738 Tagen die letzten überlebenden Geiseln freigelassen wurden, darunter David und Ariel Cunio. Und Shoval hat seinem Film fünf Minuten hinzugefügt. Darin laufen David und Eitan aufeinander zu und umarmen sich wild, bis sie umfallen. Doch das ist nicht das Wiedersehen nach der Freilassung, das ist das Ende von „Youth“.
Die wiedervereinte Familie sieht man später zu Tisch, und irgendwann geht Eitan ins Freie und zündet sich eine Zigarette an, und David folgt ihm, und sie rauchen stumm gemeinsam. Es ist exakt wie eine Einstellung aus „Youth“, nur sind die beiden nun 15 Jahre älter. Ein Kreis hat sich geschlossen. Das ist die vom Lauf der Geschichte komplettierte Version, die auf der Berlinale 2026 zu sehen war, mit Shoval und David und Ariel Cunio als Gästen.
In die Debatte um die politische Stellung der Berlinale lässt sich Tom Shoval nicht hineinziehen: „Ich bin kein Festivaldirektor, und das ist auch gut so. Es gibt keinen anderen Ort als ein Festival, wo man über die Essenz des Kinos reden könnte. Wir reden sonst nur über das Oberflächliche, und das ist die Politik. Ich glaube daran, dass Festivals ein sicherer Ort für Künstler sein sollten, wo sie mittels ihrer Kunst über alles reden können.“
Und er will als Zuschauer alles sehen dürfen, ohne zensierende Eingriffe: „Das wäre mein ideales Festival. Ich will Filme aus Palästina sehen, aus Russland, aus Amerika.“ Würde er auch einen Film aus dem Iran sehen wollen, der von einem Wissenschaftler handelt, der an der Atombombe bastelt? „Wenn der Film künstlerische Qualitäten besitzt – ja.“
Doch das ist weit entfernt. Die israelische Gesellschaft wird noch lange brauchen, den 7. Oktober zu verarbeiten. Die Boykotte israelischer Kultur werden nach dem Gazakrieg weitergehen. „Man sagte mir das nicht ins Gesicht“, erzählt Shoval, „aber einige Festivals wollten unseren Film nicht zeigen. Ich hatte das deutliche Gefühl, das war nicht so, weil er schlecht wäre, sondern weil die Programmmacher den scharfen Gegenwind fürchteten.“ Er selbst versucht, sich davon zu lösen. Er habe Projekte, die er entwickle: „Und ich kann Ihnen sagen: Keines davon ist eine Komödie.“
Source: welt.de