Die bemerkenswerte Warnung des Ex-Airbus-Chefs vor einem deutschen Kampfjet
Das gemeinsame europäische Kampfjet-Projekt FCAS steht vor dem Aus, zuletzt hatte die deutsche Seite vorgeschlagen, ein eigenes Flugzeug zu entwickeln. Zu dieser Idee gibt es jetzt prominenten Widerspruch.
Bei einem Ende des FCAS-Projektes wird von Industrie, IG Metall und Airbus ein nationales Kampfjet-Programm vorgeschlagen. Das wäre ein großer Fehler, urteilt Ex-Airbus-Chef Thomas Enders. Er bezeichnet Überlegungen für den Bau eines deutschen Kampfflugzeugs bei einem Scheitern des deutsch-französischen Projektes als „industriepolitische Selbstüberschätzung“. Dies wäre der falsche Weg. „Es droht eine gigantische Fehlallokation von Ressourcen“, schreibt der 67-Jährige in einem Beitrag für das Redaktionsnetzwerk Deutschland.
Enders widerspricht damit einem gemeinsamen Vorstoß vom Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI), der Gewerkschaft IG Metall, aber auch jüngsten Äußerungen von seinem Nachfolger an der Airbus-Spitze, dem Franzosen Guillaume Faury. Dieser hält auch einen Alleingang von Airbus gegebenenfalls mit neuen Partnern beim Bau eines neuen Kampfjets für möglich.
Hintergrund ist der Dauerstreit zwischen Airbus und Frankreichs Dassault-Konzern über die Führung und industrielle Augenhöhe im kriselnden deutsch-französisch-spanischen FCAS-Projekt (Future Combat Air System) für die Entwicklung eines neuen Luftkampfsystems. Jüngst stellte Bundeskanzler Friedrich Merz das FCAS-Projekt infrage, weil Frankreich ein atomwaffen- und trägerfähiges Flugzeug brauche, was Deutschland nicht benötige.
Der Widerspruch Enders‘ für eine nationale Lösung ist bemerkenswert, weil er selbst von 2005 bis 2012 Präsident des Branchenverbandes BDLI war und nunmehr dem Verband, der Gewerkschaft und selbst dem Airbus-Konzern in die Parade fährt. Dort gehörte er ab 2007 dem Vorstand an und war von 2012 bis 2019 Vorstandschef.
Deutschland wäre technologisch in der Lage, ein eigenes Kampfflugzeug zu entwickeln, räumt Enders ein. „Die Kosten und der Zeitaufwand wären allerdings enorm.“ So lägen beispielsweise die Entwicklungs- und Programmkosten des US-Modells F-35 bei weit über 400 Milliarden Dollar. „Selbst konservativ gerechnet müsste Deutschland allein für die Entwicklung einen dreistelligen Milliardenbetrag aufbringen. Einsatzreife: frühestens Ende der 2040er-Jahre.“ Enders: „Wir hätten ein nationales Prestigeprojekt, das die Verteidigungsbudgets für Jahrzehnte aussaugt und selbst mittelfristig nichts zur Kampfkraft der Luftwaffe beiträgt.“
Enders argumentiert, dass der gemeinsame Vorstoß vom Industrieverband BDLI und der Gewerkschaft kein nüchterner Blick auf militärische und technologische Notwendigkeiten sei. Rückblickend sei 2017 die Entscheidung der Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel, die nächste Generation von Kampfflugzeugen nicht mit London, sondern mit Paris zu entwickeln, ein strategischer Fehler gewesen. Auch der Kauf der „exorbitant teuren F-35 – eingeleitet noch unter der Merkel-Regierung – war, nach der Aufgabe der langjährigen Partnerschaft mit den Briten, ein weiterer großer Fehler“.
„Wir brauchen diese Fähigkeiten nicht im Jahre 2040+, sondern so bald wie möglich“
Deutschland könne sich an der Entwicklung der nächsten – womöglich letzten – Generation bemannter Kampfflugzeuge beteiligen, argumentiert Enders. „Dafür bieten sich die Briten mit ihrem internationalen GCAP-Programm oder die Schweden als Partner an.“ (GCAP: Global Combat Air Programme) Saab sei – neben Dassault – der einzige europäische Hersteller, der seit Generationen eigenständig Kampfflugzeuge entwickele.
Der Denkfehler von BDLI und IG Metall sei, dass die Luftkriegsführung nicht in immer komplexeren, bemannten High-End-Plattformen mit zwanzigjährigen Entwicklungszeiten liege. Vielmehr würden hochintelligente autonome Systeme (UCAV – Unmanned combat aerial vehicle – also z.B. Drohnen) in Massenproduktion benötigt. Enders: „Wir brauchen diese Fähigkeiten aufgrund der Bedrohungslage nicht im Jahre 2040+, sondern so bald wie möglich.“ Bei den unbemannten Kampfflugzeugen könnte Deutschland mit seinen breiten industriellen und technologischen Fähigkeiten eine Führungsposition in Europa erringen.
Auf diesem neuen Feld sollte die Bundesregierung klug investieren und auch der Versuchung widerstehen, amerikanische Plattformen zu kaufen, nur weil diese vielleicht ein paar Jahre früher zur Verfügung stehen, fordert Enders. Absolute Priorität sollte die Stärkung der europäischen und deutschen Industrie- und Technologiebasis haben.
Er ist der Überzeugung, dass sich Autonomie, Robotik und KI in der militärischen Luftfahrt durchsetzen werden. Enders verweist auf Tests von Saab und dem deutschen Rüstungs-Start-up Helsing, bei dem Enders Co-Verwaltungsratschef ist. „Bemannte Kampffliegerei wird in zwanzig Jahren nur noch eine Randrolle spielen“, sagt Enders.
Tatsächlich investieren aber China, die USA und Europa in Entwicklungen für bemannte Kampfjets der 6. Generation. Sie sollen den fliegenden Kontenpunkt für Kampf- und Aufklärungsdrohnen im Luftkampf der Zukunft bilden.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Gerhard Hegmann ist freier Wirtschaftsredakteur und berichtet seit Jahrzehnten insbesondere über die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie.
Source: welt.de