Vorsitz jener Bischofskonferenz: Wer wird Bätzings Nachfolger?

Es gehört zu den nicht wenigen Besonderheiten der katholischen Kirche in Deutschland, dass die meisten Ortsbischöfe nicht vom Papst bestimmt werden, sondern von einem Wahlgremium, dem Domkapitel, aus einer im Vatikan zusammengestellten Dreierliste gewählt werden. So sehen es die Konkordat genannten Staatskirchenverträge vor, die in der Weimarer Zeit mit Preußen und Baden geschlossen wurden. Der Freistaat Bayern akzeptierte damals das Ernennungsrecht des Papstes, wie es fast überall in der Weltkirche gilt, für die bayerischen Diözesen und das Bistum Speyer, das damals kirchlich zu Bayern gehörte.

So gerne aber der Vatikan überall in Deutschland die Vorrechte der Domkapitel beseitigen will, so aussichtslos wäre dieses Unterfangen. Denn Vertragspartner des Heiligen Stuhls sind nicht die Kirchen, sondern die Regierungen der Länder. Die haben sich gleich welcher Couleur bislang gehütet, dem absolutistischen Papst-Regime noch mehr Durchgriffsmöglichkeiten auf die Kirche vor Ort zu geben als ohnehin. Neue Töne schlägt bislang nur die AfD an. Käme sie in Sachsen-Anhalt an die Macht, wollte sie den „Kirchensteuerkirchen“ auf allen Ebenen den Garaus machen.

Lehmann wurde dreimal zum Vorsitzenden gewählt

Doch nicht nur das Wahlrecht der Domkapitel ist weltkirchlich betrachtet ein Sonderfall. Ungewöhnlich ist auch die Praxis der zu der Deutschen Bischofskonferenz zusammengeschlossenen gut sechzig Orts- und Weihbischöfe hierzulande, ihren Vorsitzenden nicht auf drei Jahre zu wählen, sondern auf sechs. Auf den Schutz des Staates können sich die Bischöfe bei diesem Sonderweg nicht berufen. Die Dauer der Amtsperiode ist in dem Statut der Bischofskonferenz festgelegt, das sie sich selbst gegeben hat und dessen Bestimmungen nur mit Zweidrittelmehrheit geändert werden können.

Eine Mehrheit für eine Verkürzung der Amtszeit ist bislang nicht zustande gekommen. Dabei hat es in der Vergangenheit weder an Bestrebungen aus den eigenen Reihen noch an Winken aus Rom gefehlt, die Deutschen mögen ihre Praxis doch umgehend dem in den meisten Ortskirchen üblichen Rhythmus anpassen. Während dem Vatikan jede Form von regionalem Eigensinn prinzipiell suspekt ist, galt der Unmut in den eigenen Reihen lange Zeit einer Person: 1987 hatte sich der Mainzer Bischof Karl Lehmann als Systemsprenger erwiesen, indem er sich nicht der ungeschriebenen, seit 1945 geltenden Regel unterwarf, dass der Vorsitz der Bischofskonferenz zwischen den mit der Kardinalswürde ausgestatteten Erzbischöfen von Köln und München wechseln müsse.

Konflikt um die Schwangerenkonfliktberatung

Überdies wuchs sein Rückhalt in der Konferenz über dem Konflikt mit Papst Johannes Paul II. und Joseph Kardinal Ratzinger über den Verbleib der Kirche in der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung in den 1990er Jahren so sehr, dass er gleich drei Mal in geheimer Abstimmung im Amt des Vorsitzenden bestätigt wurde. Seine Widersacher um den Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner konnten innerhalb der Konferenz wie auch in Rom noch so sehr Stimmung gegen Lehmann machen, es half nichts.

Zu einer nicht unerheblichen Novellierung des Statuts fanden sich die Bischöfe in Deutschland indes nach den Lehmann-Jahren dann auf Drängen Roms doch bereit: Zu Zeiten Lehmanns, der im Frühjahr 2008 nach 21 Jahren von seinem Amt als Vorsitzender zurücktrat, war „Wiederwahl möglich“. Mittlerweile ist eine Wiederwahl „einmal“ möglich, wobei der Vorsitz wie bisher in dem Moment erlischt, in dem ein Bischof (zumeist mit Erreichen der Altersgrenze von 75 Jahren) auf sein Amt verzichtet.

Warum Marx auf eine zweite Kandidatur verzichtete

Beide Bestimmungen sind indes bislang nicht wirksam geworden. Als Robert Zollitsch, der Nachfolger Lehmanns im Vorsitz der Bischofskonferenz, im September 2013 aus Altersgründen auf das Amt des Erzbischofs von Freiburg verzichtete, bestimmte Papst Franziskus, dass Zollitsch den Vorsitz bis zum Ende seiner sechsjährigen Amtszeit im Frühjahr 2014 fortführen solle. Zu dessen Nachfolger wählten die Bischöfe denjenigen, der sich schon 2008 Hoffnungen auf den Vorsitz gemacht hatte: den Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx.

Dessen Amtszeit stand unter keinem guten Stern. Mochte er in Rom als Mitglied des Kardinalsrates von Papst Franziskus zumindest auf dem Papier Macht und Einfluss genießen, so versank die Kirche hierzulande immer tiefer in den Sumpf namens „Missbrauch“. Nicht nur, dass immer mehr Abscheulichkeiten an Licht kamen und in Studien und Gutachten dokumentiert wurden. Auch ein Lügengebäude nach dem anderen brach zusammen, allen voran das des Kölner Kardinals Meisner, der von den Untaten seiner Priester, wie er 2015 im Deutschlandfunk beteuerte, „nichts geahnt“ und „nichts gewusst“ habe. Ein privater Aktenordner, der mit „Brüder im Nebel“ betitelt war, sollte später das ganze Ausmaß an bischöflicher Ruchlosigkeit offenlegen.

Marx wiederum hatte Papst Franziskus im Frühjahr 2021 den Rücktritt vom Amt des Erzbischofs von München und Freising angeboten, aber der Papst hieß ihn weitermachen. Damals war er aber schon nicht mehr Vorsitzender der Bischofskonferenz. Drei Wochen vor dem Ende seiner Amtszeit teilte er im Februar 2020 seinen Mitbischöfen mit, dass er für eine weitere Wahlperiode nicht zur Verfügung stehe. Als Begründung führte der damals 67 Jahre alte Geistliche die Notwendigkeit eines Generationswechsels an. Tatsächlich hatte er sich nicht sicher sein können, dass er die in den beiden ersten Wahlgängen erforderliche Zweidrittelmehrheit hinter sich gebracht hätte. Viele haderten mit seinem als robust beschriebenen Führungsstil, der ihnen im Frühjahr 2019 unter anderem den „Synodalen Weg“ beschert hatte.

Bätzing begründete seine Entscheidung nicht

Marx hin oder her, hinter das gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ins Leben gerufene Reformprojekt führte kein Weg zurück. Im Gegenteil. Allen Widerständen einer kleinen Gruppe deutscher Bischöfe um Meisners Kölner Nachfolger Erzbischof Rainer Maria Woelki und allen Interventionen aus dem Vatikan bis hinauf zu Papst Franziskus zum Trotz präsentierte sich Marxens Nachfolger Georg Bätzing zusammen mit der Präsidentin des ZdK, Irme Stetter-Karp, je länger, desto unbeirrbarer als reformerische Doppelspitze der katholischen Kirche in Deutschland.

Doch anders als 1999, als die deutschen Bischöfe ihrem Vorsitzenden Lehmann auf dem Höhepunkt des Konflikts über die Schwangerenberatung durch Wiederwahl demonstrativ den Rücken stärkten, konnte sich der bald 65 Jahre als Bätzing zum Ende seiner ersten Amtszeit in diesem Februar der Wiederwahl nicht sicher sein. Ähnlich Marx vor sechs Jahren ließ er es nicht auf einen Versuch ankommen, sondern teilte Mitte Januar schriftlich mit, er stehe bei der Frühjahrs-Vollversammlung, die an diesem Montag in Würzburg beginnt, für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung. Begründung: keine.

Sinnbildlich für das Ungeschick, das Bätzing in den Augen seiner Gegner wie seiner Mitstreiter bei der Vermittlung der deutschen Reformanliegen im Vatikan und in der Weltkirche an den Tag legte, steht die häufig zu hörende Bemerkung, er könne kein Italienisch. Tatsächlich ist der aus dem Bistum Trier stammende Geistliche, der seit fast zehn Jahren an der Spitze des Bistums Limburg steht, im eigentlichen wie im übertragenen Sinn nie aus dem Dunstkreis des rheinischen Katholizismus herausgetreten.

So viele Kirchenaustritte wie nie zuvor

Andererseits machte ihn sein biographisch wie theologisch begrenzter Horizont zu einem unter vielen. Lehmann sowie dessen Vorvorgänger Julius Döpfner (gestorben 1976) hatten ihre mehrjährigen theologischen Studien in Rom absolviert. Über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte standen sie nicht nur immer wieder im Zentrum kirchenpolitischer Konflikte, ihre Stimme war auch in vielen politischen Debatten der Bundesrepublik zu vernehmen.

Dagegen ist der Erfahrungshorizont der meisten Bischöfe heute beschränkt auf die Administration der Implosionsprozesse in ihrer eigenen Diözesen. So sind während der Amtszeit Bätzings nicht nur etwa 1,8 Millionen Katholiken aus der Kirche ausgetreten und damit mehr als in jedem Vergleichszeitraum zuvor. Niemals seit dem frühen 19. Jahrhundert wurden weniger Männer zu Priestern geweiht, und auch die Zahl der Theologiestudenten, die sich für einen Dienst in der Kirche qualifizieren wollen, ist so niedrig wie seit Menschengedenken nicht. Mittlerweile sinkt auch das Kirchensteueraufkommen so, dass trotz sinkender Personalkosten immer mehr Immobilien aufgegeben werden, Kirchengebäude eingeschlossen.

Zudem tun sich weite Teile der verfassten Kirche mit dem Thema Missbrauch noch immer schwer. Bis heute hat sich unter den Bischöfen keine Mehrheit dafür gefunden, den Rollenkonflikt aufzulösen, der aus dem Umstand folgt, dass eine Täterorganisation in eigener Sache als Aufarbeitungsinstanz tätig sein will.

Sicher ist nur, wer nicht Bätzings Nachfolger wird

Koordiniert oder wenigstens moderiert wurden Dynamiken wie diese auf überdiözesaner Ebene schon unter Bätzings Vorgängern nie. Die Bischofskonferenz ist nun mal, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kein Beschluss- sondern ein Beratungsorgan. Kein Ortsbischof ist an wie auch immer geartete Ergebnisse gebunden, erst recht ist kein Bischof einem anderen Rechenschaft über sein Tun und Lassen schuldig, am wenigsten dem Vorsitzenden. Fehlt es diesem aber an Charisma oder an persönlicher beziehungsweise theologischer Autorität, bleibt ihm nur die Rolle eines Repräsentanten einer von Transformationskrämpfen geplagten, wenn nicht gelähmten Institution.

Angesichts dieser Erfahrungen und der Mentalitäten, aus denen sie entspringt, folgt die Wahl eines Vorsitzenden weniger dem Kalkül der Bestenauslese als der einfachen Mehrheitsfähigkeit, diesmal womöglich verbunden mit dem Ausschlusskriterium, die italienische Sprache zu beherrschen. Der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz etwa, der seine ersten kirchenpolitischen Schritte vor 25 Jahren als Kaplan an der Seite von Bischof Lehmann gemacht hat, spricht italienisch nur im übertragenen Sinn. Das Italienische im wortwörtlichen Sinn beherrschen dagegen die Absolventen des Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom, etwa der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und der Trierer Stephan Ackermann. Letzterer war mehr als zehn Jahre als Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz tätig, Overbeck ist indes auch Militärbischof.

Zu Höherem berufen fühlt sich schon lange der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Als vormaliger Generaloberer eines Männerordens hat er ähnliche Erfahrungen in der Weltkirche gemacht wie der jetzige Papst Leo XIV. als Oberer der Augustiner. Aber weder hat ihn Papst Franziskus an die vatikanische Kurie berufen noch weht im Bistum Hildesheim ein anderer Geist als in den anderen Diözesen. Im Gegenteil: Jüngst musste ein Vertreter des Bistums, der an den Beratungen des Synodalen Wegs teilgenommen hatte, feststellen, dass ein Interview, in dem er mit der Rolle der Bischöfe während des Synodalen Weges haderte, von der Internetseite des Bistums entfernt wurde.

Sicher ist indes mit Blick auf die Wahl des Vorsitzenden nur eines. Eine Rückkehr zum status quo ante Lehmann wird es nicht geben. Der Münchner Erzbischof Marx hat seine Chance gehabt, sein Kölner Pendant Rainer Maria Woelki würde nicht einmal die Stimmen seiner Nachbarbischöfe bekommen. Was Woelki wiederum von der Bischofskonferenz wie auch von dem Synodalen Weg hält, verhält sich umgekehrt proportional zu der Summe der Stunden, die er sich während der Vollversammlungen des Reformprojekts Bildschirmspielen wie „Solitaire“ widmete.

Aber noch etwas ist im Blick auf die Frühjahrsvollversammlung sicher, wenn sie am Montagnachmittag in Würzburg beginnt. Nach fast 13 Jahren wird der Apostolische Nuntius in Berlin, der aus Kroatien stammende Erzbischof Nikola Eterovic, den Bischöfen in seinem nach wie vor gebrochenen Deutsch in einem Grußwort ein letztes Mal die Leviten lesen. Der Diplomat, den Papst Franziskus 2013 wenige Monate nach seiner Wahl nach Deutschland weglobte, weil er ihn als Generalsekretär der Weltbischofssynode im Vatikan nicht mehr brauchen konnte, hat im Januar die Pensionsgrenze von 75 Jahren erreicht. Die meisten seiner kirchlichen Ansprechpartner in Deutschland werden ihm keine Träne nachweinen. Im Konflikt zwischen dem Vatikan und der Mehrheit der deutschen Bischöfe über den Synodalen Weg zeigte er wenig Geschick als Brückenbauer.

Die Entscheidung über die Nachfolge Eterovics soll in Rom schon gefallen sein. Nach Informationen der F.A.Z. ist der Niederländer Hubertus van Megen, seit 2019 Apostolischer Nuntius in Kenia, als neuer diplomatischer Vertreter des Papstes in Berlin vorgesehen. Der 64 Jahre alte Diplomat spricht fließend Deutsch und weitere Sprachen, er wird als sehr intelligent und kirchenpolitisch konservativ beschrieben. Mit der Amtsführung von Franziskus habe er sich nicht anfreunden können, heißt es, ebenso wenig mit dem Synodalen Weg. Bätzings Nachfolger dürfte es zu spüren bekommen.

Source: faz.net