Kaiserreich erlebt: Pfarrer Bruno Kant wird 110 – mit Zahlenrätsel und Humor






In hohem Alter löst Pfarrer Bruno Kant noch jedes Sudoku und nimmt selbst sein schlechtes Gehör mit einem Augenzwinkern. Woraus schöpft er seine Kraft?

Als Bruno Kant zur Welt gekommen ist, ist Deutschland von Kaiser Wilhelm II. regiert worden und hat mitten im Ersten Weltkrieg gesteckt. Er erlebte die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, Deutschlands Teilung und Wiedervereinigung. Erfindungen wie Fernsehen, Computer und Internet veränderten die Welt um ihn herum. Am 26. Februar wird er 110 Jahre alt und ist damit einer der ältesten lebenden Deutschen.



Für den Titel des ältesten lebenden Deutschen fehlen Bruno Kant offensichtlich nur wenige Tage: Nach Auskunft des Bundespräsidialamtes hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bereits Anfang Februar einem anderen Mann zum 110. Geburtstag gratuliert.

„Ich verstehe den lieben Gott nicht“ 

Dass er dieses hohe Alter erreicht hat, ist für Bruno Kant ein Rätsel. „Ich verstehe den lieben Gott nicht, dass ich so alt geworden bin und was er mit mir vorhat“, sagt Kant bei einer kleinen Feier vor seinem eigentlichen Geburtstag, zu der sich einige Verwandte und Wegbegleiter in dem Häuschen im osthessischen Eichenzell versammelt haben, in dem Kant wohnt.


Der katholische Pfarrer im Ruhestand ist geistig noch fit und trainiert sein Gehirn mit Zahlenrätseln. Kein Sudoku sei für ihn zu schwer, berichtet seine Nichte Beate Kant. Der bald 110-Jährige braucht einen Rollator und hat einen Herzschrittmacher, außerdem macht ihm sein schlechtes Gehör zu schaffen.

Beate Kant beugt sich deshalb immer wieder zu seinem „guten“ rechten Ohr und erklärt ihrem Onkel mit deutlicher Stimme, was gerade bei Kaffee und Kuchen so erzählt wird. Bruno Kant nimmt sein schlechtes Gehör mit Humor. „Ich bin zwar schwerhörig“, sagt er. „Der liebe Gott da oben hört aber gar nichts mehr“, sagt der Hochbetagte über seinen Wunsch, sich nach so vielen Jahren auf Erden verabschieden zu dürfen. Dabei liegt ein Lächeln auf seinen Lippen.




Sportübertragungen und viele Gebete

Gerne sieht Kant Sportübertragungen im Fernsehen. Am liebsten schaut er Tennis, das er früher selbst einmal gespielt hat, sowie Schach und die Billard-Variante Snooker, wie der Pfarrer von Eichenzell, Guido Pasenow, erzählt. Und natürlich auch TV-Gottesdienste. Das Fernsehen gehört für Kant zum Tagesablauf ebenso dazu wie das Beten des Stundengebets, des Breviers.


„Bruno Kant stand noch mit 100 Jahren hier in Eichenzell-Löschenrod am Altar und hat die heilige Messe gefeiert“, erzählt Pfarrer Pasenow. Mit 102 habe Kant, der erst in ganz hohem Alter nach Eichenzell gezogen sei, noch Hausbesuche erledigt und beispielsweise kranken Gemeindemitgliedern die heilige Kommunion gebracht. 

Für den bald 110-Jährigen sei es wichtig, dass er bis zum heutigen Tag in seiner gewohnten Umgebung in Eichenzell habe bleiben können, wo er von seiner polnischen Betreuerin rührend umsorgt werde und einen geregelten Tagesablauf habe, erzählt seine Nichte Beate. „Sonst hätte er nicht dieses hohe Alter erreicht.“ Die 71-Jährige kümmert sich für ihren Onkel um alles, was es beispielsweise mit Behörden und der Krankenkasse zu regeln gibt.





Auch Verwandte des Pfarrers wurden sehr alt

Ein tiefer Glaube an Gott, ein stets geregelter Tagesablauf sowie Obst und Gemüse aus dem Pfarrgarten: Ist das Bruno Kants Rezept für ein langes Leben? Der Hochbetagte selbst weiß es nicht. 

Vielleicht sind es auch die Gene. Nichte Beate Kant weiß, dass Bruno Kants Großmutter fast 100 Jahre alt wurde und zwei seiner insgesamt sieben Geschwister 106 beziehungsweise 108 Jahre alt wurden.

Bruno Kant wurde in Werblinia (deutsch Werblin) bei Danzig geboren und spricht auch Polnisch, was ihm die Verständigung mit seiner polnischen Betreuerin erleichtert. Als Soldat geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft. „Es ist mir heute noch unverständlich, dass ich überlebt habe. Ich habe damals mit dem Tod gerechnet“, erinnert er sich. Die aktuellen TV-Nachrichten über Russlands Krieg in der Ukraine kann er nicht ertragen, sie wühlen ihn zu sehr auf.





Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft setzte Kant sein Theologiestudium fort und wurde 1950 in Fulda zum Priester geweiht. Rund 30 Jahre wirkte er als Pfarrer im osthessischen Petersberg-Marbach, bevor er schließlich nach Löschenrod zog, wo ein Altersruhesitz für Pfarrer frei geworden war. 

„Sehr präsent in den Herzen der Menschen“

In der Gemeinde genießt der Pfarrer a.D. hohes Ansehen. „Er ist trotz seines hohen Alters sehr präsent in den Herzen der Menschen“, erzählt Bürgermeister Johannes Rothmund (CDU). Den Platz vor der katholischen Kirche haben die Löschenroder zu Ehren des Hochbetagten in „Pfarrer-Bruno-Kant-Platz“ umbenannt.

Seinem Geburtstag am 26. Februar blickt Bruno Kant mit gemischten Gefühlen entgegen. Der bescheidene Mann mag es nicht, wenn viel Aufhebens um seine Person gemacht wird, wie Pfarrer Pasenow erklärt. 





Wenn an Bruno Kants 110. Geburtstag wieder ein paar Kameras vor dem kleinen Haus stehen, wenn Hände geschüttelt und Glückwünsche übermittelt werden, wird der Hochbetagte trotz des Trubels, der ihm nie so recht geheuer war und ist, mit Humor und Freundlichkeit die Gratulanten empfangen. Besonders der Besuch der Messdienerinnen und Messdiener bereite Kant an seinen Geburtstagen stets große Freude, sagt Pfarrer Pasenow.

„Geht mit Gott – aber geht“

Falls Bruno Kant der ganze Rummel doch zu viel werden sollte, wenn die Stimmen durcheinandergehen und er sich nach der liebgewonnenen Ruhe sehnt, wird er vermutlich mit einem verschmitzten Lächeln seinen Lieblingssatz sagen: „Geht mit Gott – aber geht.“

DPA

lpb

Source: stern.de