Rüstungsindustrie in Europa: Was Deutschland von der Ukraine lernen kann

Oleksandr Kamyshin wirkt etwas erschöpft an diesem Vormittag. Kamyshin sitzt ganz hinten in einem Café nahe dem Hotel Bayerischer Hof, drei Tage Münchner Sicherheitskonferenz liegen hinter ihm. Vom Café aus blickt man auf das „Ukraine House“, mit dem die Ukraine in diesem Jahr erstmals einen eigenen Ort für Veranstaltungen bei der MSC hatte. Im Foyer des Hauses, das sonst die Hypo-Vereinsbank beherbergt, ist eine russische Shahed-Drohne ausgestellt – und mehrere Drohnen, mit denen die Ukraine gegen Russland kämpft. In diesen Tagen jährt sich der Beginn des Kriegs zum vierten Mal.

Kamyshin hat in diesen vier Jahren viele Rollen gehabt. Zuerst hat er die ­ukrainische Staatsbahn saniert, die bis heute pünktlicher sein soll als ihr deutsches Pendant. Dann hat er als Rüstungsminister die brachliegende Waffenindustrie revitalisiert, Munitionsfabriken hochgezogen, den Boden bereitet für die Entstehung Dutzender Drohnen-Start-ups.

Seit 2024 hat Kamyshin als einer der engsten Vertrauten von Wolodymyr Selenskyj eine neue Mission: Er soll dafür sorgen, dass die Rüstungsindustrie in Europa und in der Ukraine näher zusammenrückt. Kaum ein Termin ist hierfür so wichtig wie die MSC. Die Drohnen, die im Ukraine House ausgestellt sind, demonstrieren nicht nur die ukrainische Expertise in moderner Kriegstechnologie. Sie sind auch eine Einladung an den Westen, von den Erfahrungen der Ukraine an der Front zu lernen.

Der Krieg hat erstaunliche Innovationen der Ukrainer hervorgebracht – nicht zuletzt aus einer großen Not heraus, weil der Westen nicht ausreichend konventionelle Waffensysteme und Munition ins Land geliefert hat. Mit Drohnen und fortschrittlichen Technologien zur Aufklärung und Kommunikation behauptet sich das Land seit Jahren gegen einen Feind, dessen Truppenstärke und finanzielle Ressourcen die eigenen deutlich übersteigen. Wo die Frontlinie in der Ukraine verläuft, darüber entscheidet, wer gerade seine technischen und taktischen Vorteile ausspielen kann – und wer sich schneller an den Gegner anpasst.

NATO-Übung legt Schwächen offen

Auf Hightech kommt es dabei nicht zwangsläufig an. Als die Ukraine immer größeren Erfolg hatte mit der elektronischen Störung von Drohnen, nutzte das russische Militär plötzlich Glasfaserkabel, um Drohnen und Operator miteinander zu verbinden. Wie Spinnweben ziehen sie sich durch die Regionen entlang der Front. Die Ukraine wiederum reagierte mit Maschinen, die die Kabel am Boden aufrollen – bis sie schließlich reißen. In der „Operation Spinnennetz“ zerstörte die Ukraine mit Drohnen wesentliche Bestände an russischen Militärflugzeugen.

Die Armeen der NATO-Länder haben mit einer solchen Art der Kriegsführung keine Erfahrung. Die Sorgen sind groß, dass ihnen dieses fehlende Wissen bei einem russischen Angriff im Baltikum zum Verhängnis werden könnte. So berichtete das „Wall Street Journal“ vor einigen Tagen über eine Übung des Bündnisses in Estland, an dem 16.000 NATO-Soldaten beteiligt gewesen sein sollen.

Zehn ukrainische Soldaten hätten in dem simulierten Gefecht innerhalb kürzester Zeit mithilfe von Drohnen 17 gepanzerte Fahrzeuge ausgeschaltet und mehr als zwei Dutzend weitere Angriffe geflogen, Tausende Soldaten seien praktisch wehrlos gewesen, berichtete die Zeitung. Es soll ein großes Problem gewesen sein, dass sich die westlichen Truppen vor den Aufklärungsdrohnen nicht verstecken konnten. „Wir sind erledigt“, soll ein Kommandeur resümiert haben.

Die Übung verstärkt eine Erkenntnis, die sich in Europa ohnehin gerade durchsetzt: Die Ukraine ist nicht mehr nur ein Land, das Europas Hilfe dringend braucht. Es ist zugleich zu einem Zentrum und Testgelände für militärische Innovationen geworden, auf die wiederum die europäischen Staaten eines Tages angewiesen sein könnten. Drohnen seien mit Abstand für die meisten Todesfälle im Krieg verantwortlich, sagt Kamyshin. „Deshalb ist es sehr wichtig, dass ihr die Lehren aus der Ukraine berücksichtigt, wenn ihr jetzt eure Verteidigungsindustrie aufbaut.“

Neue Fähigkeiten und Arbeitsplätze

Wie das in der Industrie konkret aussehen kann, zeigte sich vor gut einer Woche beim bayrischen Drohnenhersteller Quantum Systems, der nun mit der ­ukrainischen Firma Frontline Industries an einem geheimen Ort in Süddeutschland Drohnen des ukrainischen Herstellers fertigt. Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz übergab das Gemeinschaftsunternehmen Quantum Frontline Industries (QFI) offiziell die erste dort produzierte Drohne an die Ukraine, im Beisein von Selenskyj und Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius. Am neuen deutschen Standort wird die Mehrzweckdrohne Linza 3.0 von Frontline Industries gefertigt, im Laufe der nächsten Monate soll die Produktionskapazität auf 10.000 Stück pro Jahr steigen.

„Wir tragen das Skalierungs-Know-how bei“, sagt Quantum-Systems-Chef Florian Seibel der F.A.S., „außerdem Ressourcen wie die Produktionsstätte und die Mitarbeiter.“ Es seien auch Leute eingestellt worden, die aus der Ukraine geflüchtet sind und bisher keine Anstellung in Deutschland hatten. Sein Unternehmen wiederum lerne dazu, weil es einen solchen Drohnentyp bisher nicht fertigt: „Mit der Kooperation schaffen wir hierfür in Deutschland die industriellen Kapazitäten.“

Kamyshin nennt es das „Deutsche Modell“, in dem er viele Vorteile sieht: „Das ist gut für unsere Soldaten an der Front, weil wir mehr Systeme bekommen, um uns zu verteidigen. Es ist gut für unsere Unternehmen, weil sie sich in Europa etablieren können.“ Aber auch für die Deutschen habe die Zusammenarbeit Vorteile, weil sich die Industrie neue Fähigkeiten ins Land hole und Arbeitsplätze schaffe.

Zehn-Punkte-Plan für mehr Kooperation

Die Verbindungen sollen auch im zivilen Bereich intensiviert werden. Vor wenigen Tagen empfing die Landesregierung Schleswig-Holsteins eine Delegation aus ihrer ukrainischen Partnerregion Cherson, um sich über zivile Verteidigung und Katastrophenschutz auszutauschen. „Wir haben gelernt, wie kritische Infrastruktur trotz permanenter Angriffe stabilisiert wird, wie Krankenhäuser und Schutzräume unter die Erde verlegt werden, wie Schulen und Kitas weiter funktionieren, wie Minenräumung organisiert und wie Verwaltung arbeitsfähig gehalten wird“, sagte Ministerpräsident Daniel Günther (CDU).

Die politischen Bemühungen laufen in beide Richtungen. Mitte Dezember stellte die Bundesregierung bei einem Besuch von Selenskyj in Berlin einen Zehn-Punkte-Plan zur Stärkung der Rüstungskooperation beider Länder vor. Die ukrainische Rüstungsindustrie soll ein Büro in Berlin mit dem Namen „Ukraine Freedom House“ eröffnen, das der Vernetzung von Unternehmen dient. Zudem will man gemeinsam Rüstungsgüter entwickeln und militärische Forschung betreiben. Auch die Weitergabe von Daten aus der Ukraine an Deutschland soll gefördert werden. Dieser Punkt könnte sich als besonders wichtig erweisen, weil deutsche Unternehmen mit der Nutzung von Daten aus dem Gefechtsfeld ihre eigenen Systeme trainieren könnten.

Gleichwohl würde ein Krieg gegen Russland unter der Beteiligung der NATO fundamental anders aussehen als in der Ukraine. Darauf verweisen Experten auch im Zusammenhang mit der „Hedgehog“-Übung aus dem vergangenen Mai. „Man kann viel lernen von der Ukraine, aber fast nichts kopieren“, sagt Julian Werner, der sich an der Universität der Bundeswehr mit militärischer Innovation und Strategien der modernen Kriegsführung beschäftigt. „Die Ukraine hat mit ihren Billig-Drohnen zum Teil Lücken gestopft, die die NATO gar nicht hat.“ So hat die NATO andere Möglichkeiten, mit weitreichender Präzisionsmunition zu kämpfen, mit umfassender Luftüberlegenheit und fortschrittlichen Luftverteidigungssystemen.

Erkenntnisse von der Front in Produkte einfließen lassen

Trotzdem lassen sich gewisse Lehren aus dem Krieg ziehen: „Wir sehen, dass ein flächendeckender Schutz vor Luftangriffen nicht möglich ist – umso wichtiger ist es, hochwertige Systeme zur Zerstörung im gegnerischen Hinterland zu haben“, sagt Werner. Das Ziel der Übung Hedgehog sieht der estnische Leiter des Programms für unbemannte Systeme jedenfalls als erfüllt an: Dieses sei gewesen, „die Teilnehmer zum Nachdenken anzuregen, sie selbstkritisch zu machen und sicherzustellen, dass sie nicht selbstzufrieden mit dem sind, was sie gerade tun“.

Kamyshin betont, sein Land stehe bereit, den Verbündeten zu helfen. Soldaten seien jederzeit in der Ukraine willkommen, um von den dortigen Truppen zu lernen. Bisher war es eher so, dass ukrainische Soldaten an deutsche Bundeswehrstandorte kamen, um den Umgang mit Waffensystemen zu üben, die Deutschland dem Land zur Unterstützung lieferte.

In der Ukraine könnte die Bundeswehr beobachten, wie schnell die Erkenntnisse von der Front in die Produkte einfließen. Doch dieses Prinzip sei nicht so leicht übertragbar, sagt Wissenschaftler Julian Werner: „Die Ukraine ist sehr dezentralisiert, mit teils abenteuerlichen Beschaffungswegen.“ So entstehe ein großes Gefälle, was die Qualität der Ausstattung angehe. Innerhalb Deutschlands und anderer NATO-Länder zählten hingegen „gleiches Material für alle, einheitliche Ausbildung und ein zentrales Beschaffungssystem“.

An diesen Prinzipien sollte man festhalten: „Um die Systeme hat sich eine Fettschicht angesetzt, aber sie sind eigentlich nicht schlecht.“ Wie man die praktischen Erfahrungen der Soldaten bei der Entwicklung neuer Produkte berücksichtigen kann, zeigen neuere Drohnenbeschaffungsprojekte der Bundeswehr. In diesen werden die Roboter von Soldaten getestet und im Laufe des Beschaffungsprozesses weiterentwickelt.

Europa als wichtiger künftiger Exportmarkt für die Ukraine

Das System bleibt dennoch geprägt von einer Logik der Vergangenheit. Wesentliche Teile des Budgets für die Aufrüstung flossen bisher in konventionelle Waffensysteme und Ausrüstung. Die etablierten Rüstungskonzerne gelten als Torwächter zum Beschaffungsamt. Umso wichtiger ist es, dass sie die Zeichen der Zeit sehen. „Morgens programmieren, am Nachmittag fliegen“ – mit diesem Slogan bewirbt der schwedische Rüstungskonzern Saab seinen Kampfjet Gripen. Es ist eine Botschaft, die die Lehren aus der Ukraine aufgreift. In einer Allianz mit dem deutschen Start-up Helsing hat Saab sein Flugzeug zudem mit einem KI-Agenten ausgerüstet, der in Testflügen erfolgreich die Steuerung übernommen haben soll.

In der Zusammenarbeit mit ukrainischen Start-ups sind gerade etablierte Hersteller aber oft zögerlich. Eine Sorge besteht im Teilen von kritischem Know-how, weiß Hans Christoph Atzpodien, Chef des Rüstungsverbands BDSV. „Wenn der Krieg endet, werden die ­ukrainischen Hersteller auf den europäischen Markt drängen.“ Tatsächlich ist die verstärkte Integration der ukrainischen Rüstungsindustrie in den europäischen Markt ein Ziel, das sogar explizit im Zehn-Punkte-Plan der Bundesregierung auftaucht. Kiew selbst will mit Niederlassungen in Berlin und Kopenhagen die Exporte in Europa ankurbeln.

Für die Ukraine geht es bei den Verkäufen darum, den Krieg zu finanzieren. Ein Ende des Konflikts scheint auch nach vier Jahren noch in weiter Ferne. Aber wenn es so weit ist, braucht die ­Ukraine die Rüstungsindustrie, um Geld für den Wiederaufbau zu verdienen. „Wir wollen das Waffenarsenal der freien Welt aufbauen“, sagt Oleksandr Kamyshin. Ein starkes Europa und eine starke Ukraine – das bedinge sich gegenseitig.