Ukraine | Vier Jahre unter Beschuss in Charkiw: „Ich verbiete mir schon nachhaltig dasjenige Hoffen“

Der 29. Dezember 2023 nach einer Notiz auf meinem Handy: 22 Explosionen zwischen fünf und acht Uhr morgens.

Diesmal habe ich nicht einmal Angst, es ist eher eine tiefe Beunruhigung. Noch vor der Entwarnung gehen die Leute wieder ihren Geschäften nach. Im Nachbarschafts-Chat auf Telegram wird der Bus in unsere Straße besprochen. Seit sechs Uhr früh fuhr er offenbar nach Plan. „Was ist mit den Angriffen?“, fragen die einen. Geantwortet wird: „Was hat der Bus damit zu tun? Der fährt wie immer.“

Auch wir haben viel vor und gehen vor der Entwarnung los. Auf dem Büchermarkt ist nur ein Zehntel der Stände offen, Kunden gibt es kaum. „Danke, dass Sie an einem Tag wie diesem kommen“, sagt die Verkäuferin. Wir gehen zur Bank und unterschreiben Dokumente, in einem Einkaufszentrum besorgen wir Christbaumschmuck und Neujahrsgeschenke. Dann gibt es Pizza im Café – stets unter dem Summen tragbarer Generatoren. Die Stadt ist seit zwei Tagen ohne Strom.

22 Explosionen zwischen fünf und acht Uhr morgens. 35 Tote und Verletzte. Es ist einer dieser Tage.

Stolze Sowjetmetropole im postsozialistischen Niedergang

In der zweiten Kriegswoche habe ich Charkiw verlassen, im Sommer 2023 kam ich erstmals zurück. Seither reise ich mehrfach im Jahr aus Deutschland hin und her. Vor dem Krieg war Charkiw mit 1,5 Millionen Menschen die zweitgrößte Stadt der Ukraine, nur 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Als typisch sowjetische Metropole gebaut, war die Stadt ein Zentrum von Industrie und Wissenschaft: Um seine riesigen Fabriken wuchsen Wohnviertel, mehrere Unis bildeten Führungskräfte für die Industrie aus, Forschungsinstitute lieferten Innovationen. Menschen aus der ganzen UdSSR wurden zum Studieren und Arbeiten in die Stadt geschickt.

Das Charkiw, in dem ich Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre aufgewachsen bin, erlebte den nicht minder typischen post-sowjetischen Niedergang: Deindustrialisierung und Marktreformen. Dennoch blieb es eine internationale, russischsprachige Stadt voll Studierender und junger Leute. „Charkiw – die erste Hauptstadt“: Lange war das der Marken-Slogan. Voll Stolz bezog man sich auf das Erbe der ersten Hauptstadt der Sowjetukraine von 1919 bis 1934, dann erst von Kiew abgelöst.

Placeholder image-2

Am 24. Februar 2022 kam mit den ersten russischen Raketen und Panzern der Krieg. Charkiw wurde zur Frontstadt – täglicher Beschuss, unterbrochene Versorgungsketten, kein Wasser, kein Strom, kein Internet. Im September 2022 verdrängten ukrainische Truppen die russischen aus der Oblast und die Stadt fand in ein „normaleres“ Kriegsleben. Der Beschuss ließ nach, Stromausfälle wurden seltener – und die Bevölkerung wuchs wieder etwas: teils durch zurückkehrende Einwohner, teils durch Flüchtlinge aus zerstörten und besetzten Dörfern. Dennoch ist bis heute die Leere der dominante Eindruck, wenn man weiß, wie lebendig diese Stadt einmal war.

Auch das Stadtimage hat sich angepasst. Erst griff die Verwaltung ein Aktivisten-Motto auf: „Charkiw ist unzerstörbar, Charkiw ist Stahlbeton.“ Die Mainstream-Medien erzählen mit beunruhigender Begeisterung romantische Geschichten von einem Ort, an dem sich die Menschen zum patriotischen Aufbruch zusammenschließen, die Feindsprache aufgeben und trotz aller Widrigkeiten sogar neue Restaurants eröffnen. „Charkiw lebt und funktioniert“, ist der aktuelle Slogan der Stadtverwaltung. Und das Charkiw dieser Slogans und Berichte existiert tatsächlich.

Die Stadt ist gepflastert mit Postern, die den Eintritt ins Militär bewerben. In trendigen Cafés und Galerien gibt es patriotische Veranstaltungen, auf denen Spenden für die Armee gesammelt und Klassiker der russischen Literatur dem Altpapier zugeführt werden. Dort halten bekannte Künstler, Schriftsteller und Journalisten Hof, die öffentlich ihren Aufbruch an die Front angekündigt haben. In Schönheitssalons lassen sich Frauen die Nägel machen und die Haare stylen; in Supermärkten bilden sich Warteschlangen. Essenslieferungen sind bis zur Ausgangssperre möglich.

Kostenloser Nahverkehr und eine Illusion von Frieden

An Tagen ohne Beschuss liegt eine Illusion von Frieden über der Stadt. Trotz der Soldaten in den Straßen, trotz zersplitterter Fenster, hier und dort sichtbarer Ruinen und improvisierter Gedenkstätten für die Toten lebt die Stadt weiter. Die Verwaltung fördert diese Normalität nach Kräften: Die Stadtreinigung sorgt für vorbildliche Sauberkeit, der öffentliche Nahverkehr ist kostenlos und die Weihnachtsdekoration wird von Jahr zu Jahr aufwendiger. Man kann sich ziemlich weitgehend vom Krieg isolieren – zumindest, wenn man wohlhabend genug ist.

Nur sind die meisten das eben nicht. „Die Leute sind arm geworden. Das Licht ist aus ihren Gesichtern verschwunden“, sagt meine Freundin Evgeniya. Das spürt man, sobald man das Zentrum verlässt. In den Bussen, die auf unbeleuchteten Straßen in die Außenbezirke fahren, fragt man nach Verteilungszentren für Hilfsgüter oder danach, wo sich Entschädigung für zerborstene Fenster beantragen lässt. Was wird man an den Feiertagen kochen, wenn man seit drei Monaten kein Gehalt mehr bekommen hat? Als Neujahrsgruß wünschen sich Nachbarn, „dass das Ganze so schnell wie möglich vorbei ist“. Die Stadt ist vereint in Erschöpfung, sagt Evgeniya. Ich kann nur zustimmen.

Placeholder image-3

Wir stehen vor dem Historischen Museum. Neben dem U-Bahn-Eingang verteilt eine Frau Flyer: „Männer, Rabatte auf Militärausrüstung.“ Bei der ersten Explosion blicke ich mich um: Mädchen, die einen Tiktok-Trend filmen, unterbrechen nicht einmal ihren Tanz. Ein küssendes Paar auf einer Bank zeigt keine Reaktion und die Schlange am Kaffeestand wird auch nicht kürzer. Die Leute im Café gegenüber löffeln weiter ihre Suppe.

Nach der zweiten Explosion gehen wir dann doch in die U-Bahn hinunter. Ein Kind weint laut in den Armen der Mutter. Ein Passant macht einen Scherz: „Ich kann ihn gern nehmen – ich könnte ein drittes Kind gebrauchen.“ Väter großer Familien dürfen nämlich das Land verlassen. Eine Gruppe von Schülern diskutiert darüber, wann dieser Krieg nun eigentlich begonnen hat: „Wir waren in der sechsten Klasse!“ – „Nein, in der siebten!“ Sie können sich nicht einigen. Derzeit haben sie Onlineunterricht.

Nun geht der Krieg also ins fünfte Jahr. Allein 2025 wurde Charkiw laut Stadtverwaltung 728-mal angegriffen. Die Luftschutzsirenen heulten 1826-mal, insgesamt 2.590 Stunden und 56 Minuten. Das sind 108 volle Tage. Mehr als dreimal so viel wie in Kiew und zwanzigmal mehr als in der Westukraine.

Die tägliche Schweigeminute ist den meisten eher lästig

Postämter, Banken, Theater und Geschäfte sollen bei Luftalarm schließen. Das würde aber Verluste bringen, also schließt so gut wie nichts. Fast jede Kinovorstellung wird von Luftalarm unterbrochen. Ein Mitarbeiter fordert dann routiniert zum Aufsuchen eines Bunkers auf, aber niemand folgt dem. „Wir sind hier, um einen Film zu gucken“, murmelt jemand. Fünf Minuten später geht es weiter, Entwarnung wird nicht gegeben.

Neben den Sirenen ertönt jeden Morgen um neun Uhr ein Signal, das eine Schweigeminute ankündigt – ein gesetzlich vorgeschriebenes Ritual, das die Gefallenen und Getöteten ehren und eine bestimmte Erinnerungskultur rund um den Krieg erschaffen soll. Das erste Mal erlebe ich das in einem U-Bahnhof-Tunnel. Die Idee ist, dass man nicht nur schweigt, sondern auch regungslos stillsteht. Doch die allermeisten hasten weiter zu den Zügen, telefonieren oder drängen sich an der Rolltreppe. Den Krieg vergisst man ohnehin nicht, wenn es dauernd ums Überleben geht.

Placeholder image-4

In der U-Bahn kann man viel über das Leben in der Stadt lernen. Selbst zur Hauptverkehrszeit entsteht der Eindruck, die Bevölkerung bestehe hauptsächlich aus Frauen und Senioren. Junge Leute und Kinder sieht man seltener – und erwachsene Männer fast gar nicht. Sie unterliegen im Alter zwischen 22 und 60 der Wehrpflicht. Viele von ihnen meiden es daher, nach draußen zu gehen, wo sie Einberufungsoffizieren begegnen könnten. Sie sind in ihren Wohnungen gefangen.

Ich habe Bekannte, die so leben: Sie klagen über Einsamkeit und dass sie keine Arbeit haben, sie organisieren ihr Leben mithilfe von Kurieren und Verwandten. Einer hat sich sogar den Zahnarzt nach Hause bestellt. In Telegram-Chats warnt man einander vor Einberufungsbeamten und verflucht dieselben mit allen denkbaren Kraftausdrücken. Der Staat versucht das zu unterbinden, auch mit Strafverfahren wegen „Behinderung der Arbeit der Streitkräfte“. Dennoch tauchen immer wieder neue Chats auf, und Männer im Wehralter, die sich in der Stadt bewegen, nutzen sie wie eine Art Navigationshilfe.

Es entsteht eine Art Charkiw-Identität, die sich von der ukrainischen unterscheidet

Der Krieg hat zweifellos das Selbstbild der Stadtbevölkerung verändert. Es gibt eine klarere ukrainische Identität, das Bewusstsein, dass die Stadt untrennbarer Teil der Ukraine ist. Zugleich scheinen sich aber auch schon länger bestehende Tendenzen zu einer Art von eigenständiger Charkiw-Identität verstärkt zu haben, die sich von der ukrainischen unterscheidet. Trotz der Vorwürfe, es gebe hier zu wenig Nationalbewusstsein, greift auch der Bürgermeister auf solche Gefühle zurück und startet Kampagnen wie „Wir stehen zusammen, wir sind Charkiwer“ und „Stolz, ein Einwohner von Charkiw zu sein“.

Marina, Soziologin an einer Charkiwer Uni, erklärt diesen „introvertierten“ Patriotismus mit der Randstellung der Stadt. Wegen ihres von der russischen Sprache geprägten Charakters, ihrer Nähe zur Grenze und ihrer langjährigen Wahlpräferenzen wird Charkiw oft als pro-russisch bezeichnet. Die Stadtbewohner gelten anderswo in der Ukraine oft als Leute, die nur auf die Ankunft der Russen warteten. Marina berichtet im Gespräch auch von eigenen Erfahrungen auf beruflichen Inlandsreisen: Häufig werde sie gefragt, warum sie in Charkiw bleibe, wo die Gefahr so nahe sei: „Ihr müsst doch auf etwas warten. Ihr in Charkiw seid doch für die Russische Welt, oder nicht?“ Kommt man aus Charkiw und ist dort geblieben, meint Marina, wird man schnell der Loyalität mit Russland verdächtigt. Zumal, wenn man weiter die gewohnte Sprache spricht.

Diese ist tatsächlich zu einem Politikum geworden. Laut Gesetz ist im öffentlichen Raum nur noch Ukrainisch erlaubt – in Bildungseinrichtungen, in der Wissenschaft, in Medien und Unterhaltung bis hin zu den Geschäften, Bars und der Bahn. Russische Schilder werden oft mit skurrilen, manchmal absurden DIY-Korrekturen versehen.

Placeholder image-5

Am konsequentesten umgesetzt wird diese gesetzliche Sprachordnung wahrscheinlich an den Orten, an denen sich die „kreative Klasse“ trifft. Überwacht wird sie nicht nur von staatlichen Stellen, sondern auch von besonders engagierten Bürgern. Ein Taxifahrer beklagt sich über einen Passagier, der ihn gemeldet hat, weil russische Musik im Auto lief. Ein Apotheker berichtet, wie ein Kunde einen riesigen Skandal samt Bloßstellung auf Facebook startete, weil er auf Ukrainisch bedient werden wollte.

Bekannte, die im Bildungssektor arbeiten, erzählen von Denunziationen durch Schüler, Studierende und Kollegen, wenn jemand im Unterricht oder im Seminar ins Russische verfallen war. Noch nach Kriegsbeginn gaben 80 Prozent der Charkiwer Bevölkerung das Russische als Alltagssprache an.

Am letzten Tag des Friedens war der Krieg noch unvorstellbar

Am letzten Tag meines Lebens in Frieden, am 23. Februar 2022, verließ ich in der Mittagspause mein Büro im Stadtzentrum. Ich holte mir einen Kaffee und ging spazieren. Die Stadt war voller vorfrühlingshafter Geschäftigkeit: Neue Läden bereiteten sich auf ihre Eröffnung vor. Fenster wurden geputzt, Schaufenster dekoriert, die Cafés waren voll. Hausmeister räumten die schmelzenden Schneemassen weg. Mütter mit Kinderwagen spazierten durch den Schewtschenko-Park. Studenten lachten auf Bänken sitzend, Lehrer führten Gruppen von Schulkindern zum Opernhaus – und ein endloser Stau verstopfte die Hauptverkehrsstraße.

Immer wieder sagte ich mir: Nein – wie könnte hier Krieg sein? Schon am nächsten Tag weckten mich Explosionen.

Seit vier Jahren attackieren russische Drohnen, Bomben und Raketen die Stadt. Jeder Angriff zerstört auch jegliche denkbare Sympathie für das Moskauer Regime. Doch anderswo in der Ukraine wird den Einwohnern von Charkiw noch immer oft vorgeworfen, „pro-russisch“, weil russischsprachig, zu sein. Manchmal geht das so weit, dass man sie für den Krieg selbst verantwortlich macht.

Placeholder image-6

Mein alter Bekannter Maksim beschreibt die Lage fast poetisch: „Die Metapher, die am besten zum heutigen Charkiw passt, ist die einer Person, die zwischen Himmel und Erde schwebt. Je lauter die einen behaupten, dass der Sieg unvermeidlich sei, und die anderen ankündigen, dass sie uns bald befreien würden, desto klarer wird: Es gibt in der Wirklichkeit keinen Platz für Charkiw – weder im heutigen Weltbild noch in dem von morgen.“

Immer wenn ich mich heute in deutschen Städten umschaue, denke ich, dass ich genau das sehe, was ich in Charkiw nur einen Tag vor dem Krieg noch gesehen habe. Ein ganz normales Alltagsleben, das – wie sich gezeigt hat – ein Privileg ist. Es kann so schnell verloren sein. Der Krieg kommt in nur einer Sekunde, der Frieden dann manchmal für Jahre nicht.

Trotz mancher Momente von Normalität ist das heimgesuchte Charkiw voller Trauer. Einer Trauer, über die oft nur beiläufig gesprochen wird, während das Leben weitergeht. „Dieser Krieg macht uns alle nicht-normal“, sagt eine Kindheitsfreundin. „Jeden Tag sehen wir zu, wie Mütter mit ihren eigenen Körpern ihre Babys schützen, sehen weinende Kinder, die aus dem Keller eines bombardierten Kindergartens geführt werden – und dann machen wir einfach weiter mit unseren Besorgungen.“

Das erinnert mich an meinen letzten Heimatbesuch. Mit meiner Mutter saß ich am Tisch, trank Tee und plante das Weihnachtsessen. Doch – Bang! – geht plötzlich eine Sirene los. „Oh“, sagten wir, „ein Luftangriff.“ Und wendeten uns wieder dem Tee zu. Unterdessen haben fünf Kilometer entfernt zwei Raketen ein dreistöckiges Haus dem Erdboden gleichgemacht. 16 Tote, sechs Verwundete. Unter den Toten ein dreijähriges Kind. Es wurde in den Krieg geboren und hat sein kleines Leben lang nichts anderes gekannt.

Meine Stadt braucht so dringend Frieden, aber ich verbiete mir das Hoffen

Auf der Neujahrsfeier sagte mir eine Bekannte: „Vielleicht hat das Ganze diesmal wirklich ein Ende. Vielleicht bringen diese Verhandlungen ja was. Diesmal muss wirklich Schluss sein!“ Im Dezember 2025 hatte es ja wieder einmal Gespräche gegeben, ein Hin und Her um Pläne und Vorschläge, von denen jetzt nichts mehr zu hören ist.

Ich hingegen verbiete mir schon lange das Hoffen – um nicht zu verzweifeln, wenn eine weitere Verhandlungsrunde scheitert. Aber eins weiß auch ich ganz sicher: Was meine Heimatstadt wirklich am dringendsten braucht, ist Frieden. Erst dann werden die Charkiwer zurückkehren. In ihre Leben, in ihre Stadt, und zu sich selbst.

Placeholder image-1

Anna Ivanova, geboren in Charkiw, hat dort und dann in Frankfurt am Main studiert. Sie ist Doktorandin am Institut für Soziologie der Justus-Liebig-Universität Gießen und Mitarbeiterin am dortigen Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC). Sie forscht unter anderem zu Gedenkpolitik und der Politik des öffentlichen Raumes in der Ukraine