SATCOMBw 4: Endspiel um dies deutsche Starlink

Die Maschinen im Reinraum sind einsatzbereit. Kommt auf den letzten Metern nichts dazwischen, startet Airbus in Toulouse an diesem Montag die Serienfertigung neuer Satelliten für den erdnahen Orbit (Low Earth Orbit, Leo). Monatlich 16 Stück will der französisch-deutsch-spanische Luft- und Raumfahrtkonzern hier dann produzieren. Jeweils fünf Wochen soll es dauern, um einen aus rund 3800 Einzelteilen bestehenden Satelliten fertigzustellen. Die erste Auslieferung ist für Ende dieses Jahres geplant. Auch eine höhere Rate wäre möglich, betont man bei Airbus. Aus Rücksicht auf die Zulieferer, die sich je zur Hälfte auf Nordamerika und Europa verteilen, bleibe man aber erst mal bei den angestrebten 16 im Monat.

Die weitgehend automatisierte Endmontagelinie in Toulouse wäre damit für gut zweieinhalb Jahre gut ausgelastet. Hat der französische Kunde Eutelsat Ende 2024 doch erst 100 und vor wenigen Wochen weitere 340 neue Satelliten bestellt, also insgesamt 440. Für die lange Zeit kriselnde Rüstungs- und Raumfahrtsparte von Airbus gehört die Doppelbestellung zu den jüngst ergatterten Großaufträgen, die die Konzernführung zufrieden stimmen.

Rekordaufträge im Wert von 17,7 Milliarden Euro zog die Sparte im vergangenen Jahr an Land. Sie habe „einen echten Turnaround hingelegt“, sagte Finanzvorstand Thomas Toepfer am Rande der Bilanzpressekonferenz der F.A.Z. Details zur Eutelsat-Bestellung gab er nicht preis. Er machte aber deutlich, dass man damit Geld verdiene. „Wir nehmen keine nicht profitablen Aufträge entgegen“, so Toepfer weiter.

Goldgräberstimmung in der Raumfahrtindustrie

Die Doppelbestellung von Eutelsat, das mit den neuen Leo-Satelliten seine Kommunikationskonstellation Oneweb modernisieren will, ist für Airbus indes kein Auftrag wie jeder andere, sondern einer mit besonderer Signalwirkung. Spätestens seitdem die Bundesregierung im September angekündigt hat, 35 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 in die ­Weltraumverteidigung zu investieren, herrscht eine Art Goldgräberstimmung in der europäischen Raumfahrtindustrie. Neue milliardenschwere Projekte sind in Planung, nicht zuletzt zum Bau von Satellitenkonstellationen. Das heißt: nicht bei null anfangen zu müssen, sondern wie hier in Toulouse schon in Serie Satelliten zu fertigen. Das könnte Airbus im Buhlen um neue Großaufträge einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Dabei richtet sich der Blick neben der geplanten EU-Konstellation IRIS2 und einem Satellitenprojekt der italienischen Streitkräfte vor allem auf die geplante Kommunikationskonstellation der Bundeswehr, SATCOMBw 4. Diese soll aus mindestens hundert Leo-Satelliten bestehen und wegen der akuten Bedrohungslage schon 2029 ihren Betrieb aufnehmen. IRIS2 dauert den Deutschen zu lange. Auch haben Paris und Brüssel ihrer Ansicht nach die militärischen Anforderungen, die man an die Konstellation gestellt hatte, kaum berücksichtigt. So setzen sie auf ein eigenes System.

„Größtes deutsches Space-Programm aller Zeiten“

Die Angebotsaufforderung wird in Kürze erwartet, der Auftragswert auf bis zu zehn Milliarden Euro veranschlagt. „SATCOMBw 4 ist das größte deutsche Space-Programm aller Zeiten“, sagt ein Airbus-Sprecher. Entsprechend groß ist das Bemühen, gegenüber Berlin die eigenen Stärken wie die etablierte Leo-­Serienfertigung zu demonstrieren – implizit auch zur Abgrenzung von der Konkurrenz. Neben Airbus könnte bei ­SATCOMBw 4 unter anderem ein Konsortium aus dem Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall und dem Bremer Satellitenbauer OHB zum Zuge kommen.

Während Rheinmetall ein Neuling in der Raumfahrtindustrie ist, sind Airbus und OHB schon seit Jahrzehnten Lieferanten der Bundeswehr. Deren 2009 und 2010 unter den Namen COMSATBw 1 und 2 gestartete Kommunikationssatelliten sind allerdings große, schwere Systeme im nicht erdnahen geostationären ­Orbit. In Serie wie die kleineren Leo-Satelliten gefertigt wurden sie nicht. Auch die beiden Nachfolger im sogenannten ­SATCOMBw-3-Programm, für deren Bau Airbus vor zwei Jahren den Zuschlag erhalten hat, sollen als Geo-Satelliten in rund 36.000 Kilometer Höhe Kommunikation ermöglichen. Radaraufklärungssatelliten wie SAR-Lupe (inzwischen abgelöst durch SARah) kreisen zwar als Leo-Systeme in deutlich weniger als 1000 Kilometern flexibel um die Erde. In Summe bestellten die europäischen Staaten für den militärischen Bedarf bislang aber vor allem Geo-Satelliten bei der Industrie.

Bei Weitem nicht so leistungsfähig wie Starlink

Die Hinwendung zu Leo ist eine neuere Entwicklung. Katalysator ist der ­Ukrainekrieg, in dem terrestrische Systeme versagen und Elon Musks Leo-Konstellation Starlink den militärischen Nutzen von Satelliten im erdnahen Orbit vor Augen führt. Deren Latenz, also die Übertragungszeit von Datenpaketen, ist geringer als die von Geo-Satelliten. Das sorgt für eine bessere Kommunikation der Streitkräfte und präzisere Drohnensteuerung. Oneweb hatte zwar schon kurz vor Starlink Anfang 2019 damit begonnen, eine Leo-Konstellation für weltraumgestützte Kommunikation aufzubauen. Doch kurz darauf schlitterte das in den USA gegründete Start-up wegen Finanzierungsschwierigkeiten in die Insolvenz. Nach der Rettung durch den britischen Staat und den indischen Bharti-Konzern fusionierte Oneweb 2023 mit Eutelsat, einem bis dato auf Geo-Satelliten für kommerzielle Anwendungen wie Fernseh- und Rundfunkübertragung spezialisierten Anbieter.

Mit rund 650 Satelliten im Orbit ist die Oneweb-Konstellation heute bei Weitem nicht so leistungsfähig wie Starlink, das inzwischen mehr als 9000 Satelliten zählt. Geschlagen gibt sich Eutelsat dennoch nicht. Das Unternehmen konzentriert sich mit dem Mix aus Geo- und Leo-Satelliten auf Geschäftskunden (B2B), während Starlink auch im großen Stil Privatkunden adressiert, und erhält dabei immer stärkere Rückendeckung aus Paris. Weil man dort aus Souveränitätsgründen europäische Alternativen zu Starlink fördern will, wurde der französische Staat vergangenes Jahr mit rund 30 Prozent größter Einzelaktionär von Eutelsat – und im Dezember ebnete er den Weg für eine Kapitalerhöhung über 1,5 Milliarden Euro. Diese ermöglichte dann die Bestellung der weiteren 340 Oneweb-Satelliten bei Airbus. Die Zeit drängt; beträgt die Lebensdauer der größtenteils Anfang der Zwanzigerjahre ins All geschossenen Satelliten doch nur rund sieben Jahre.

„Ziel ist wesentlicher Teil der Wertschöpfung in Deutschland“

Auch aus Sicht von Airbus ist die neue Großbestellung „ein weiterer wichtiger Schritt für die europäische Souveränität“. Der Hintergrund: Der Konzern produzierte zwar schon die ersten zehn Satelliten der ersten Oneweb-Generation 2017 in ebenjenem Toulouser Reinraum, in dem von diesem Montag an die Serienfertigung starten soll. Die übrigen mehr als 600 Oneweb-Satelliten wurden von Airbus dann aber in Florida endmontiert. Für den neuen Eutelsat-Großauftrag hat man die Maschinen nach Europa zurückgeholt, während der Standort in Florida nur noch für das US-Militär produzieren soll. Und auch für die neue Bundeswehr-Konstellation SATCOMBw 4 zeigt sich Airbus flexibel in puncto Produktionsstandort – wissend, dass eine Fertigung in Toulouse die Chancen bei der Auftragsvergabe schmälern dürfte.

„Airbus ist bereit, eine neue Endmontagelinie für Leo-Satelliten in Deutschland aufzubauen“, sagt Wolfgang Dürr, der Leiter des institutionellen Raumfahrtgeschäfts der in Deutschland ansässigen Rüstungs- und Raumfahrtsparte von Airbus, der F.A.Z. Und er ergänzt mit Blick auf die schon für 2029 anvisierte Indienststellung von SATCOMBw 4: „Zeit ist ein Faktor, und wir können schnell reagieren.“

Die geplante Überführung des Satellitengeschäfts in ein Gemeinschaftsunternehmen mit den Wettbewerbern Thales aus Frankreich und Leonardo aus Italien soll nichts daran ändern – die in Teilen der deutschen Politik kritisch gesehen wird, weil das neue Unternehmen in Toulouse sitzen soll und man einen Stellenabbau an den deutschen Airbus-Standorten fürchtet.

Unabhängig von diesem Vorhaben „bedienen wir nationale Anforderungen und wir behalten auch in Zukunft starke nationale Säulen bei“, beteuerte Airbus-Manager Dürr. „Unser Angebot für ­SATCOMBw 4 ist, dass der wesentliche Teil der Wertschöpfung auf Deutschland entfällt“, sagte er. Bei SATCOMBw 3 seien es mehr als zwei Drittel gewesen. Die Synergien und Skaleneffekte durch die Fusion mit Thales und Leonardo sollen vor allem durch gemeinsame Satellitenplattformen entstehen, vergleichbar mit den Produktionsplattformen in der Autoindustrie. Je höher die Stückzahl, desto geringer die Kosten je produzierter Einheit, so die Idee. Die wettbewerbsrechtliche Prüfung der Fusion in Brüssel läuft. Aktuell beschäftigt Airbus rund 9000 Mitarbeiter in der Raumfahrt, davon etwa 3600 in Deutschland.