Warum viele Rathäuser in Männerhand liegen
Deutschlandweit haben Bürgermeister eins gemeinsam: Sie sind meist männlich. Nur 13,5 Prozent sind Frauen. Zwei Politikerinnen zeigen, was sich ändern muss – und warum sich Kommunalpolitik lohnt.
2026 stehen in vier Bundesländern Kommunalwahlen an – ein möglicher Impuls für mehr Geschlechtervielfalt in den Rathäusern? Nach Schätzungen der Universität Stuttgart liegt der Frauenanteil unter den Bürgermeisterposten bundesweit bei lediglich 13,5 Prozent, ermittelt aus etwa 10.700 Gemeinden.
Spitzenreiter ist Mecklenburg-Vorpommern mit 18,9 Prozent, am unteren Ende rangiert das Saarland mit 6 Prozent. Bayern erreicht mit 10,1 Prozent nur den drittletzten Platz.
In Bayern werden aktuell nur 212 der 2.056 Gemeinden von einer Frau geführt, also etwa jede zehnte Kommune. Ähnlich gering ist der Anteil bei den Landräten und Landrätinnen. Obendrauf wurde bei der vergangenen Wahl 2020 in etwa 80 bayerischen Gemeinderäten überhaupt keine Frau gewählt, belegen Zahlen des Bayerischen Landesamtes für Statistik.
Großteil zwischen 45 und 64 Jahre alt
Auch beim Alter zeigt sich in Bayern ein sehr enges Raster: Etwa 70 Prozent der bayerischen (Ober-)Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sind zwischen 45 und 64 Jahre alt, knapp 17 Prozent älter als 65.
Unter 40 ist das Amt eine Ausnahme: Bayernweit gibt es nur 13 Bürgermeisterinnen sowie 134 Bürgermeister, die höchstens 40 Jahre alt sind.
Wahltermine 2026
In diesem Jahr finden gleich mehrere wichtige Wahlen statt. Ein Überblick über die Termine 2026:
- 08.03. Baden-Württemberg – Landtagswahl
- 08.03. Bayern – Kommunalwahl
- 15.03. Hessen – Kommunalwahl
- 22.03. Rheinland-Pfalz – Landtagswahl
- 06.09. Sachsen-Anhalt – Landtagswahl
- 13.09. Niedersachsen – Kommunalwahl
- 20.09. Berlin – Wahl zum Abgeordnetenhaus
- 20.09. Mecklenburg-Vorpommern – Landtagswahl
Angeworben vom Vorgänger
Wie es ist, als junge Frau in diesem Umfeld Verantwortung zu übernehmen, zeigt Carolin Pecho aus Ringelai im Bayerischen Wald: Die 40-Jährige ist parteilose Bürgermeisterin einer 2.000-Einwohner-Gemeinde – und damit statistisch betrachtet ein seltener Fall. Auf die Idee brachte sie ausgerechnet ihr Vorgänger: Der frühere Bürgermeister sprach sie gezielt an und fragte, ob sie sich das Amt vorstellen könne. Nach kurzem Zögern überlegt sie sich: „Heimat ist mir wichtig, ich arbeite gern mit Menschen und Netzwerken.“ Sie kandidierte 2020 und gewann die Wahl.
Pecho war zuvor Geschäftsführerin eines Kommunalverbands und kannte Verwaltungsarbeit aus der Praxis. Heute setzt sie im Rathaus nicht nur auf Hochwasserschutz und Infrastruktur, sondern betont soziale Fragen und setzt sich ein für Begegnungsorte: Spielplätze, Dorfplätze, den Friedhof. „Ich bin davon überzeugt, dass aus Orten wieder Gemeinschaft entsteht“, sagt sie. Für ihre knapp 30 Beschäftigten versucht sie, moderne Arbeitsformen zu ermöglichen und die Verwaltung technologieoffen aufzustellen.
„Kinder müssen Frauen als Bürgermeisterinnen sehen“
Das Amt erfüllt sie, aber auch hoher Zeitdruck und Anfeindungen gehören zum Alltag, sagt Carolin Pecho. Vor Kurzem landete etwa ein Hundekotbeutel im Briefkasten des Rathauses.
Pecho erlebt zudem, wie schwer es ist, andere Frauen für die Kommunalpolitik zu gewinnen, etwa für den Gemeinderat. Selbst engagierte Vereinsvorsitzende zweifelten, ob sie „das können“, und empfänden den Schritt in die Politik als große Hürde. Deshalb setzt Pecho auf direkte Ansprache, wie sie es erlebte. Vorbilder seien entscheidend: „Kinder müssen Frauen als Bürgermeisterinnen sehen.“
Grund liegt auch im Verfahren
Studien und Forschende sehen mehrere Gründe dafür, dass Frauen an der Rathausspitze so selten sind. Einer ist das Wahlverfahren selbst. „Es ist eine Mehrheitswahl, das heißt, es gibt nur eine Position pro Partei zu verteilen“, sagt Lars Holtkamp, Professor für Politik und Verwaltung an der Fernuniversität Hagen. Klassische Quotenregelungen, die auf Listen mit vielen Plätzen wirken, greifen hier kaum.
Das bestätigt auch Helga Lukoschat, Vorsitzende der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin (EAF). „Auch in der Bundes- und Landespolitik ist es so, dass die Frauen vor allen Dingen über quotierte Listen einziehen“, sagt sie.
Bürgermeister stützen sich stärker auf Partnerinnen
Hinzu kommen parteiinterne Karrierewege: Typische Sprungbretter seien Kreisvorsitzenden-Posten oder Jobs als Mitarbeitende von Abgeordneten – Positionen, die laut Politikwissenschaftler Holtkamp oft von eingespielten männlichen Netzwerken vergeben werden. In diesen Runden werde untereinander verabredet, wer wann für welches Amt kandidiert, vom Rathaus bis zum Bundestag.
„Das heißt, man muss in diese Machtzentren vorrücken, um sich selbst oder andere, denen man vertraut, in diese Position zu bringen“, so Holtkamp. Untersuchungen zeigen zudem, dass Parteien Frauen eher dann nominieren, wenn die Gewinnchancen gering sind oder sich kein männlicher Bewerber findet.
Eine weitere Hürde sind Zeit und Ressourcen: Lukoschats Untersuchungen zeigen, dass männliche Amtsinhaber sich deutlich stärker auf Partnerinnen stützen, während Frauen im Amt parallel Familie und Beruf schultern. Besonders schwer wiegen lange Amtszeiten: Viele Bürgermeister bleiben über zwei oder mehr Wahlperioden im Amt, in Bayern sind rund 50 Prozent seit mindestens 2014 Bürgermeister. Wenn 90 Prozent der Ämter von Männern besetzt sind, die über Jahre bleiben, verengt das die Chancen für Frauen und Jüngere zusätzlich.
Kommunen gegen neue Wege
Kommunen probieren neue Wege, um mehr Frauen sichtbar zu machen. In Eichstätt, einer oberbayerischen Stadt mit etwa 14.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, tritt die 40-jährige Politikwissenschaftlerin Petra Hemmelmann für die Partei Volt als Oberbürgermeisterkandidatin an – als einzige Gegenkandidatin gegen den Amtsinhaber, mit objektiv geringen Gewinnchancen. Sie kandidiert trotzdem, weil sie findet, dass Frauen auf der Ebene, auf der Rechte konkret umgesetzt werden, viel zu selten präsent sind. „Weil wir häufig diejenigen sind, die die Läden am Laufen halten und dann sagen, naja, Politik muss hintenanstehen“, sagt sie.
Hemmelmann beschreibt ihren doppelten Ärger: über Strukturen, die Frauen ausbremsen – aber auch darüber, dass es sich viele Frauen nicht zutrauen. Auch sie brauchte den Anstoß von außen: Ihr Mann brachte sie auf die Idee, zu kandidieren. „Mehr Frauen bedeutet bessere Politik für alle“, sagt sie – nicht als Kampf gegen Männer, sondern als Erweiterung der Perspektiven im Rathaus.
Source: tagesschau.de