Siemens-Vorstand Körte: Das Lächeln des Hoffnungsträgers

Es ist eine Ausnahme, sollte Peter Körte bei öffentlichen Auftritten einmal kein Lächeln zeigen. Damit ist er bislang gut gefahren: Im Vorstand des Siemens-Konzerns hat er als Technologie- und Strategievorstand wichtige Weichenstellungen für die neue Strategie zur „One Tech Company“ vorgenommen. Ab 1. Juli wird der 50 Jahre alte Körte die Sparte Smart Infrastructure von Matthias Rebellius übernehmen. Körte tritt dann in große Fußstapfen. Denn Rebellius hat aus dem Geschäft mit Elektrifizierung und intelligenter Gebäudetechnik die Erfolgssparte im Technologiekonzern geschmiedet, die 21. Quartale in Folge ihre Gewinnmarge verbesserte.
Zwei Kronprinzen müssen sich in Geduld üben
Sie ist im Umsatz und Gewinn an der für das Industriegeschäft verantwortlichen Kernsparte Digital Industries vorbeigezogen. Die leitet Cedrik Neike, mit dem Körte ein gutes Verhältnis pflegt. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern, bringen doch beide ein ähnliches Verständnis für die technologischen Umwälzungen mit. Zudem war der 52 Jahre alte Neike zwischen April 2019 und September 2020 schon für die Sparte Smart Infrastructure verantwortlich. Körte und Neike gelten als Kronprinzen des Vorstandsvorsitzenden Roland Busch.
Doch müssen sie sich noch gedulden, denn der Vertrag von Busch läuft noch bis zum Jahr 2030, und bis dahin kann sich in der Nachfolgeplanung noch einiges ändern. Ohne Zweifel sind die beiden derzeit aber die aussichtsreichsten Kandidaten. Körte sitzt an den Schnittstellen der Transformation von Siemens zu einem digitalisierten Technologiekonzern.
Mit spielerischer Leichtigkeit
Bei öffentlichen Auftritten gewinnt er die Zuhörer mit seinem Lächeln. Er wirkt jugendlich, die Aufgaben scheinen ihm leicht von der Hand zu gehen. Er gibt sich entspannt und gelassen. Stress scheint er nicht zu kennen. Im Gespräch zeigt er sich seinem Gegenüber immer interessiert. Er ist in der Lage, seine Gesprächspartner zu überzeugen. So wie Politiker müssen Führungspersönlichkeiten auch Menschenfänger sein. Sein Lächeln hilft dabei und vermittelt zugleich den Eindruck einer spielerischen Leichtigkeit, mit der Körte seine Herausforderungen bewältigt.
Selbst kleine Schnitzer bringen ihn nicht aus der Ruhe. Im April 2024 unterlief ihm anlässlich der Eröffnung des Siemens Technology Centers in Garching ein Fehler, als er sich beim bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder für die gute Zusammenarbeit mit der „bayerischen Landesregierung“ bedankte. Er wurde umgehend von Söder korrigiert: „Landesregierungen haben die anderen, wir haben eine Staatsregierung.“ Körte registrierte dies mit einem Lächeln.
In den kommenden Jahren wird sich Körte als Chef einer Siemens-Sparte beweisen müssen. Diese operative Führung betrachtet der Aufsichtsratsvorsitzende Jim Hagemann Snabe als Voraussetzung für höhere Führungsaufgaben. Der frühere SAP-Chef hat mit der neuen Aufgabenverteilung im Vorstand das Rennen um die Nachfolge von Busch eröffnet. Spätestens mit der Hauptversammlung 2027 endet die Amtszeit von Snabe. Sein designierter Nachfolger ist Ulf Mark Schneider, der frühere Vorstandschef von Fresenius und Nestlé. Wer den Vorstandsvorsitz von Siemens übernehmen will, muss ihn auch überzeugen.
Verfrühte Nachfolgedebatte
Dem Aufsichtsrat wird sich demnächst die Frage stellen, ob Körte mit der künftigen Leitung von Smart Infrastructure sowie der weiteren Verantwortung für Technologie und Strategie möglicherweise etwas zu viel zugemutet wird. Erst recht, wenn sein möglicher Konkurrent Neike mit dem Kerngeschäft der Industrieautomatisierung ausgelastet ist. Sein Bereich hat in den vergangenen Quartalen die Wende geschafft und weist wieder einen steigenden Auftragseingang und Umsatz auf.
Die Nachfolgedebatte kommt Konzernchef Busch zu früh: „Diese Diskussion, die ist irgendwie unsäglich“, sagte er anlässlich der Vorlage der Quartalszahlen vor Kurzem. Ihm liegt daran, dass der Vorstand als ein Team antritt.
Dem werden Körte und Neike nicht widersprechen, zumal der Konzern mit der neuen Strategie zur One Tech Company noch einige Aufgaben vor sich hat. Die Frage der künftigen Struktur und des Zuschnitts der Geschäftsfelder ist immer noch offen, muss aber beantwortet werden, denn Doppelarbeiten kann sich ein Technologiekonzern aus einer Hand nicht leisten. Eine schlankere und klar zugeschnittene Konzernstruktur muss das Ziel der „One Tech Company“ sein. Dann könnte Körtes Verantwortung für Technologie und Strategie auf andere Hände übertragen werden.
Komplexe Abspaltung von Healthineers
Als Strategiechef hat er mit der Abspaltung der Medizintechnikeinheit Siemens Healthineers derzeit eine große Baustelle. Die Bedingungen sind weiterhin unbekannt. Für das Frühjahr versprach Busch weitere Einzelheiten. Die Abspaltung von Healthineers hat Körte mitvorbereitet. Er kennt die Einheit bestens, denn er hatte dort von 2011 bis 2020 in leitenden Funktionen operative Erfahrung gesammelt. Siemens will 30 Prozent an Healthineers den Aktionären zukommen lassen und die Beteiligung von derzeit 67 Prozent mittelfristig auf eine Finanzbeteiligung von 20 Prozent reduzieren.
Doch die Abspaltung einer an der Börse notierten Gesellschaft ist Neuland und ruft komplexe Fragestellungen hervor, die Siemens nun mit den Behörden klären muss. Dieses Geduldsspiel nervt einige Investoren, denen die Ankündigung ohne ausreichende Klärung der steuerlichen und regulatorischen Fragen vorschnell erscheint. Doch Kritik an Körte ist bislang nicht geäußert worden. Sie wäre auch verfehlt, weil die Ankündigung der Healthineers-Abspaltung der Siemens-Vorstand gemeinsam beschlossen hat.
Dieser wird mit dem Ende der Amtszeit von Rebellius und dem Ausscheiden von Finanzvorstand Ralf Thomas, dessen Posten Veronika Bienert zum 1. April übernehmen wird, künftig wieder fünf statt sieben Mitglieder aufweisen. Darin werden Körte und Neike unter dem Vorsitzenden Busch tragende Rollen einnehmen. Beide fallen durch ein jugendliches Auftreten auf, wobei Körte zuletzt mehr lächelte als Neike, dessen Sparte Gegenwind in China ausgesetzt war.
Schlüsselfunktionen in der KI-Umsetzung
Beide haben Schlüsselfunktionen für das strategische Ziel, die Künstliche Intelligenz (KI) zum Betriebssystem der Industrie zu machen. Hier sieht Siemens seine große Chance, weil es international wenige Wettbewerber gibt, die KI großflächig in die reale Welt übertragen können. Dafür ist auch Körtes künftige Sparte zuständig, denn sie rüstet die Rechenzentren für KI- und Cloud-Anwendungen aus.
Er sieht Europa in der industriellen KI und erst recht Siemens in einer Führungsrolle. Im vergangenen Mai kündigte Körte in seiner Rolle als Technologie- und Strategievorstand ein großes KI-Modell für die Industrie an. In das „Industrial Foundation Model“ will Siemens mehr als eine Milliarde Euro investieren. Es soll die Sprache der Ingenieure entlang der gesamten Wertschöpfungskette sprechen und verstehen. Damit will Siemens die Produktivität und Effizienz in der Konstruktion und Automatisierung erheblich steigern. Der Konzern setzt hier auf seinen eigenen Datenschatz in der Industrie.
Das KI-Modell wird der nächste große Baustein in der digitalen Transformation sein. Für den ersten Baustein, die Geschäftsplattform Xcelerator, hat Körte schon verantwortlich gezeichnet. Es handelt sich um mehr als einen Marktplatz für die Industrie. Xcelerator entwickelt für Unternehmenskunden Lösungen, vorausgesetzt, sie sind bereit, Daten mit Siemens auszutauschen. An denen ist der Konzern stark interessiert, weil die Daten als entscheidende Grundlage für die industriellen KI-Anwendungen betrachtet werden. Körte trägt dazu bei, dass Siemens zu einer führenden Datenbank der Industrie werden kann. Die Daten sind die entscheidende Voraussetzung, um das KI-basierte Betriebssystem der Industrie entwickeln zu können.
Der gelernte Diplom-Wirtschaftsingenieur hat an der Otto Beisheim School of Management promoviert. Seine Karriere begann Körte im Oktober 2001 als Unternehmensberater bei Boston Consulting Group. Sechs Jahre später wechselte er in die Strategieabteilung von Siemens. Von April 2011 bis Anfang 2020 nahm er führende Positionen bei Siemens Healthineers ein. Im Februar 2020 wurde Körte Chefstratege von Siemens, acht Monate später kam die Verantwortung für die Technologie hinzu. Seit Oktober 2024 sitzt der Hoffnungsträger Körte im Siemens-Vorstand.