Der Tag, wie Rosa Herzog explodierte

„Schmerz“ ist ein Einschnitt in der Geschichte des Dortmunder „Tatort“. Burgschauspielerin Stefanie Reinsperger verlässt das Team. Im krassesten Showdown, den man im Sonntagabendkrimi je gesehen hat.

Am Ende herrscht Krieg. Würde man gern sagen. Aber es herrscht die ganze Zeit über Krieg in diesem „Tatort“. Er herrscht überall. Er beherrscht die Köpfe, macht die Seelen krank. Lässt die Menschen nicht los. Endet nie.

„Schmerz“ heißt die Geschichte, die Jürgen Werner erzählt. Der hat den Dortmunder „Tatort“ erfunden. Und dafür gesorgt, dass er sozusagen der Darkroom des Sonntagsabendkrimis wurde. Eine Brutstätte der Schmerzen für die Figuren, das Genre und jene, die zweimal im Jahr versuchten, sich zu erinnern, wie das alles – die Figuren, das Genre und man selbst – bloß soweit kommen konnte. Und im Stillen hofften, dass es irgendwann mal eine Ruhe hat im Dortmunder Kommissariat. Dass es mal einfach wird. Und vielleicht ein bisschen lustig. Um es vorweg zu nehmen: Die Chancen stehen schlecht.

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Einfach ist nichts in „Schmerz“. Lustig schon gar nicht. Männer werden in „Schmerz“ ermordet. Erschossen liegen sie in schicken Musterhäusern und zerschlagen in schummrigen Clubs. Männer, die mit Frauen handelten, ihre Körper verkauften. Rotlichtmilieu halt. Würde man gern denken. Das wäre zwar nicht lustig, aber einfach. Das kann Jürgen Werner aber nicht, der braucht für die Spannung immer viele Fäden, die sich reiben.

Es geht um einen alten „Schmerz“ in Kommissar Fabers 29. Fall. Um einen Schmerz, der tiefer wurzelt. Tief in den Neunzigern. Und der heute noch Menschen beherrscht, ihre Köpfe, ihre Seelen krank macht.

Der Mann, der da am Anfang erschossen auf einem gläsernen Boden liegt, kannte sich aus mit Frauenräumen. Dafür war er – er hieß noch anders damals, hatte eine andere Identität – als Kriegsverbrecher verurteilt worden. Zu Zehntausenden hatten serbische Bastarde bosnische Frauen und Mädchen in Hotels, Polizeistationen und Schulen zusammengepfercht und vergewaltigen lassen. Der Tote von Dortmund war einer der Bastarde. Aber das weiß am Anfang noch keiner.

Der zweite Krieg von Dortmund

Eine junge Frau war dabei, als die Schüsse fielen. Jetzt sitzt sie unter der Dusche wie weiland Vesper Lynd in „Casino Royale“. Eine versehrte Seele. Sexarbeiterin. Bosnierin wie Ira Klasnic (Alessija Lause). Die ist Fabers Chefin. Der nennt sie gern, weil er sie nicht leiden kann, „Dingenskirchens“. So ist er halt, der verdrehte Parkaträger, der größte Schmerzensmann unter den Sonntagabendermittlern.

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Klasnic, selbst verwundet von dem, was sie damals sah in Bosnien, nimmt sie unter ihre Fittiche. Nimmt sie mit nach Hause, was sie eigentlich nicht darf, wäre sie eine Dienststellenleiterin in der wahren Wirklichkeit. Aber was man da darf in der wahren Wirklichkeit, hat den Dortmunder „Tatort“ noch nie wirklich interessiert.

Womit wir beim zweiten Krieg wären, der in Dortmund geführt wird. Der endet vermutlich auch nie. Und womit er eigentlich begonnen hat, weiß kaum einer mehr. Ist vermutlich auch egal. Jeder in diesem Intrigenstadl von Kommissariat führt Krieg gegen jeden. Und jedes Mal, wenn man meint, es könnte ein Friede werden, kommt eine Figur aus dem Dickicht der Fantasie des Jürgen Werner, der alles vergiftet wie Tullius Destructivus in „Streit um Asterix“. Und dann ist wieder Krieg. Und es stirbt wer vom Team. Oder geht.

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Der aktuelle Destructivus heißt Daniel Kossik, hasst Faber und wird von Stefan Konarske furchterregend unerschrocken mit menschlicher Hässlichkeit ausgestattet. Das aktuelle Opfer heißt Rosa Herzog. Die hatte man sehr liebgewonnen. Die war das warme und immer ein bisschen verlorene Herz in der Dortmunder Krimi-Kältekammer.

Kossik verdächtigt sie (und Faber), den Pathologen Sebastian Haller umgebracht zu haben. Dem wiederum Faber eine Mitschuld gab am Tod seiner Lebensliebe, der wahrscheinlich bis ans Ende der Dortmunder „Tatort“-Tage betrauerten Kollegin Martina Bönisch. Das alles führt hier zu weit. Am Ende aber eben dazu, dass Rosas Geschichte nach einem der genialsten Showdowns der „Tatort“-Geschichte endet. Stefanie Reinsperger, die Rosa war, kann sich jetzt im Burgtheater austoben, was sie nur gelegentlich durfte im „Tatort“.

Wer die Dortmunder Kriegschroniken nicht parat hat, muss sich übrigens vor „Schmerz“ trotzdem nicht fürchten. Was man wissen muss, wird einem von Jürgen Werner und Torsten C. Fischer, der als Regisseur inzwischen eine ziemliche Virtuosität erlangt hat im Ausleuchten des Dortmunder Schlachtendiorama, ausgesprochen elegant in Rückblenden und Botenberichten erzählt.

Die Gesichter sind sehr groß in „Schmerz“. Die Farben changieren zwischen ungesundem Grün und schimmligem Gelb. Was natürlich prima passt zum Zustand der menschlichen Beziehungen im Kommissariat (deren man gelegentlich doch schon ziemlich müde ist).

Dann explodiert Rosa. Faber macht ein tränenreiches Geständnis. Und ein gnadenlos kaltblauer Himmel hängt über dem überhitzten Dortmund. In bester Western-Manier versammeln sich alle, wo alles seinen Anfang nahm. Jeder zielt auf jeden. Ein Schuss fällt. Der löst aber nichts. Der Krieg geht weiter.

Source: welt.de