Romantik von Heute: Küss mich und sei verdammt
Seit einer Woche strömen junge Leute in die Kinos, kaufen, wie es junge Leute seit Generationen tun, Eimer voll Popcorn und Cola und sehen zwei übermenschlich schönen Figuren dabei zu, wie sie in einer märchenhaft düsteren Szenerie miteinander streiten und sich zueinander sehnen. Am Ende liegt Cathy, die Heldin, von Blut überströmt in ihrem Bett, während Heathcliff, der Held, nach einem wilden Ritt durch die Märchenlandschaft neben ihr niedersinkt und klagt.
Hätte einen das mit 16 Jahren beeindruckt? Hätte man sich hingesehnt auf diese Sturmhöhe?
Natürlich hätte man sich hingesehnt. Natürlich hätte man gedacht: Für diese große Liebe würde ich jahrelang auf einem zugigen Felsen sitzen. Und dazu hätte man, wie jede andere Generation vorher, auch jedes Recht gehabt.
Steineschmeißen ist romantisch
Wir schreiben das Jahr 2026. Wieder mal eine neue Verfilmung von „Wuthering Heights“, diesmal mit den Hollywoodstars Margot Robbie (war schon Barbie) und Jakob Elordi (bekannt als unangenehmer Schönling aus Jugendserien). Zu den vermittelten Vorstellungen von Liebe in der neuen Version der Regisseurin Emerald Fennell gehört, dass es romantisch ist, wenn jemand einen Stein ins Fenster schmeißt, genau an die Stelle, wo man gerade noch stand, um auf sich aufmerksam zu machen. Dass man davonläuft ohne ein Wort und jahrelang wegbleibt, weil man gehört hat, wie die Frau, die man liebt, die gesellschaftliche Wirklichkeit in offensichtliche Worte fasste: Wenn wir heiraten, sind wir mittellos.
Die Autorin der literarischen Vorlage dieser Geschichte, Emily Brontë, hatte ihre Geschichte Mitte des 19. Jahrhunderts nahezu postmodern mit einer subtilen Feindseligkeit gegen jede Form von Romantik ausgestattet, eine überaus kluge Entscheidung, die die neue Verfilmung nicht überdauert hat.

Brontë schrieb Schauerliteratur voller realistischer Menschenkenntnis. Margret Atwood nannte „Wuthering Heights“ den Roman, der ihr Leben veränderte. Henry Miller und Ernest Hemingway zählten „Wuthering Heights“ zu den Büchern, die sie besonders beeinflussten. Die Leute lieben (und verteidigen) Brontës Geschichte bis heute, weil sie eine tragische Liebesbeziehung erzählt, aber für die Tragik gibt es einen Grund, sie ist gesellschaftlich verortet, da ist der Standesunterschied zwischen Cathy und Heathcliff, da ist sogar eine Art Rassismuskritik – Heathcliff hat bei Brontë eine dunkle Hautfarbe. Und Cathy stirbt, als gerade die Hälfte des Romans erreicht ist. Die andere Hälfte handelt davon, wie die nachfolgenden Generationen unter ihrer zerstörerischen Liebe zu Heathcliff (beziehungsweise umgekehrt) leiden.
Diejenigen, die den Roman „Wuthering Heights“ lieben, sind verständlicherweise entsetzt von Emerald Fennells Umgang mit dem Stoff. Nun muss eine filmische Adaption sich nicht an ihre Vorlage halten. Dafür muss der Name der Vorlage noch nicht einmal in Anführungszeichen gesetzt sein wie in diesem Fall. Man kann, schon aus eskapistischen Gründen, eine Geschichte im Stil der beliebten Dark-Romance-Literatur erzählen, die, jeder Komplexität entledigt, von zwei Menschen handelt, die sich körperlich sehr anziehend finden, ganz ohne Trauma und Loyalitäten.
„Ist Heathcliff ein Mensch?“
Allerdings kann man der Geschichte dann den Vorwurf machen, den Namen hauptsächlich aus verkaufsstrategischen Gründen zu nutzen, sonst hätte man den Film auch anders nennen können. Vor allem, wenn der Roman, auf den er rekurriert, für etwas Bestimmtes stand, etwas, das recht vielen Menschen auch gut 200 Jahre später noch etwas sagt.
Ähnlich verhält es sich mit den Figuren, die bei Brontë eine wichtige Funktion hatten, Isabella etwa, Schwester von Edgar Linton, den Cathy schließlich zum Ehemann erwählt. Isabella ist noch ein Mädchen, als sie Heathcliff begegnet. Auch sie sehnt sich nach stürmisch-sehnenden Erlebnissen. Aber Heathcliff benutzt sie, um Cathy zu quälen. Er heiratet sie und macht sie zu seiner Untertanin; Isabella schreibt einen Brief nach Hause, sehr kurz nach ihrer Ankunft in „Wuthering Heights“. „Ist Heathcliff ein Mensch?“, fragt sie verstört. Sie hat ihren Fehler sofort bemerkt. Im Film aber wird Isabella zur willigen Komplizin Heathcliffs beim Versuch, Cathy zu erreichen. Er diktiert ihr die zahlreichen Briefe, die er an die Lintons schickt. Und als Nelly, Cathys Hausmädchen, vorbeikommt, um sich nach Isabellas Wohlergehen zu erkundigen, gibt Isabella ihr angeleint vor dem Ofen zwinkernd zu verstehen, dass ihr das Hundeleben ganz gut gefällt.
Sinnlichkeit und Provokation sind Emerald Fennells Sache, so war es schon bei der Debatte über den Aristokraten-Psychopathen-Thriller „Saltburn“. Man könnte also, Brontë missachtend, allein die Ästhetik, den Sex, den fließenden Übergang von Schönheit zu Schmutz in den Blick nehmen. Aber dafür ist der Sex nicht aufregend, die Ästhetik nicht überwältigend genug. Wo Brontës „Wuthering Heights“ ein obsessiver, tosender Abgrund war, ist Fennells „Wuthering Heights“ ein Plateau aus Kunstrasen.
Die Botschaft, dass keine Liebe es rechtfertigt, Menschen so schlecht zu behandeln, wäre wohl zu viel substance over style gewesen.
Source: faz.net