Selbst die peinlichste Niederlage wird von den Gute-Laune-Bären schöngeredet
ARD und ZDF verkaufen die deutsche Enttäuschung bei den Winterspielen großflächig als Super-Duper-Leistung. Bei einer weinenden ARD-Reporterin stellt sich dann schon die Frage, wie sichtbar Emotionen werden sollten. Die TV-Verlierer der Winterspiele.
Optisch setzte vor allem ZDF-Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein mit ihrer „Pömpel“-Mütze ein Zeichen. Doch auch inhaltlich war in mehr als zwei Wochen Olympia-Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender einiges Fragwürdiges dabei. WELT nennt die Verlierer in ARD und ZDF aus hunderten Stunden Live-Sport. Die Gewinner natürlich auch – siehe Textende.
Michael Antwerpes (ARD)
Es ist eventuell ein bisschen ungerecht, dass an dieser Stelle Michael Antwerpes herausgepickt wird. Zu einem Teil seiner Ehrenrettung, vor allem aber zur Erklärung sei gesagt, dass der 62-jährige ARD-Reporter in dieser Rubrik mal als Stellvertreter herhalten muss: für all diejenigen seiner Kollegen, die als Gute-Laune-Bär oder -Bärin jeden 5., 9., 13. oder Fernerliefen-Platz meist lächelnd als Super-Duper-Doll-Leistung dem TV-Zuschauer servieren. Also nahezu alle, fast egal ob bei ARD oder ZDF.
Der SWR-Mann gehört im Ersten zum Inventar der Biathlon-Berichterstattung, seit über zwei Jahrzehnten schon. Aber bei diesen Winterspielen in Italien wird auch wieder mal deutlich, dass er für die Athleten an sich nur der weich gepolsterte Fernsehsessel ist, in den sie sich beruhigt fallen lassen können – ist die Niederlage auch noch so peinlich oder fragwürdig. „Von Albertville über Lahti bis Ruhpolding kennt er jeden Schießstand und jede Loipe“, preist ihn sein Sender. Aber warum kennt einer wie Antwerpes nicht mal Kritik? Warum muss sich alles immer in Wohlgefallen auflösen, wenn die Geschlagenen nach dem Rennen bei ihm vorstellig werden?
Das hörte sich dann zusammengerafft so an. „Wie groß ist die Enttäuschung?“ „Sehr groß …“ „Kopf hoch, Philipp, ein Rennen gibt es ja noch.“ Bei manchen seiner Gesprächspartner deuten die Mienen an, dass sie selbst nicht so recht glauben konnten, was sie da gerade gehört haben – und wie versöhnlich sie davongekommen sind.
Antwerpes, das sei noch mal hervorgehoben, steht für die vielen, vielen TV-Reporter, die wie der liebe Onkel oder die Tante einen im Interview in den Arm nehmen, wenn es mal wieder mies gelaufen ist. Die deutschen Vorstellungen waren bei diesen Spielen unterm Strich nicht gut, bis auf einige Ausnahmen eher ernüchternd. Aber Misserfolg wird von Reportern der ARD oder des ZDF augenscheinlich meist rundgeschliffen, um ja keine Ecken und Kanten mehr zu haben. Warum das so ist, bleibt unerklärlich.
Eine Sequenz wie diese bildet die öffentlich-rechtliche Wohlfühloase recht gut ab. „Trotzdem: Olympia genießen. Das ist immer das Motto. Die Ringe kommen nur alle vier Jahre“, gab Antwerpes einer Biathletin mit auf den Weg, die gerade ein Rennen versaut hatte – und das auch selbst zuvor so eingestanden hatte. Wer zu ihm oder seinen Kollegen kommt, der weiß sich unter Freunden. Das große Lager der leer ausgegangen deutschen Sportler hat bei ihnen nichts zu befürchten. Zu ihrem Glück kommt bei so viel wohlwollender Nähe kein kritischer Diskurs auf. Aber es bleibt eins zurück: Langeweile beim Zuschauer.
Amelie Marie Weber (ARD)
„Nie zuvor war Olympia in den sozialen Medien so präsent“, hieß es im Teaser einer Folge des offiziellen Olympia-Podcasts, in der Amelie Marie Weber zu Gast war. Ganz recht: Skistar Lindsey Vonn updatete ihre Follower nach dem schlimmen Sturz beinahe täglich mit Fotos und Videos aus dem Krankenhaus. US-Rodlerin Sophia Kirkby suchte in einer großen Dating-Kampagne auf Instagram nach der großen Liebe, und Eisschnellläuferin Jutta Leerdam ist allein schon wegen ihrer Beziehung zu 29-Millionen-Follower-Mann Jake Paul ein Online-Star. In den sozialen Netzwerken wurde während der Spiele einiges geboten.
Weber, sonst bei der Tagesschau beheimatet, wurde auserkoren, um all das dem Zuschauer näherzubringen. Man hätte meinen können, die ARD habe die Zeichen der Zeit erkannt. In Wahrheit aber bediente der Sender mit seinem „Snowcial Talk“ – schon der Name des Segments kommt aus der Wortspiel-Hölle eines Siebtklässlers – einfach nur ein ausgelutschtes Konzept. Die junge Reporterin, die am Zahn des Internets agiert und die Stimmung der Community einfängt: Das war spätestens nach Icke Dommisch bei der NFL auserzählt. Weber konnte daran auch nichts ändern.
Sie füllte Sendestrecke, ja, aber Mehrwert oder Überraschendes bot sie für den Großteil derjenigen, die mehr als fünf Minuten am Tag auf Instagram oder TikTok verbringen, nicht. Stattdessen wirkte Weber teilweise so, als müsse sie Oma Inga das Internet erklären. Ein Beispiel: Zu Leerdam, die Weber gerne freundschaftlich auch einfach mal nur Jutta nennt, wurde sie von Moderatorin Esther Sedlaczek gefragt, warum es denn überhaupt so wichtig sei, dass Sportler die sozialen Medien nutzen. Als könne es sich nicht jeder denken, verwandelte Weber den Elfmeter der uninspirierten Frage zielsicher. Antwort sinngemäß: Leerdam verdient Geld damit und macht sich unabhängig von den klassischen Medien. Ach echt, so funktioniert das also auf Instagram?
Was von Webers Auftritten sonst noch hängen bleibt? Nonsens-Dialoge mit den Haupt-Moderatorinnen, etwa Stephanie Müller-Spirra am Valentinstag. Weber: „Ich habe schon Blümchen bekommen, ich habe mich sehr gefreut.“ Müller-Spirra: „Ich bin ja so semi Fan vom Valentinstag. Ich finde die Grenze von Romantik und Kitsch ist schmal.“ Die Grenze zum Kopfschütteln vor dem Bildschirm übrigens auch.
Einziger interaktiver Lichtblick der ARD: die Kinderfragen. So musste Biathlonexperte Eric Lesser erklären, in welchem Alter sich am besten mit seinem ehemaligen Sport beginnen lässt. Skisprungmann Sven Hannawald beantwortete die Frage, wie denn in seiner Sportart die Weite gemessen werde. Nichts, was aufmerksame Zuschauer nicht schon wussten, aber immerhin für den angesichts der deutschen Medaillenbilanz so dringend benötigten Sport-Nachwuchs wichtige Aufklärungsarbeit.
Lea Wagner (ARD)
Olympische Spiele leben von Emotionen. Von Tränen im Zielraum, von ungläubigem Lachen im Auslauf, von Athleten, die ihr Leben auf diesen einen Moment hingearbeitet haben. Wer wie wir Reporter bei Olympia darüber berichtet, kann sich dieser Wucht kaum entziehen. Und soll es auch nicht.
Lea Wagner hat nach dem überraschenden Gold im Skispringen von Philipp Raimund direkt live im TV „eine Träne verdrückt“, wie sie selbst zugab – sichtbar bewegt vom Triumph eines Athleten, den sie durch die Saison begleitet hat. Das ist zunächst einmal nachvollziehbar. Wer wie sie Woche für Woche an Schanzen steht, entwickelt zwangsläufig Nähe.
Die Frage ist nicht, ob Nähe erlaubt ist. Sie ist unvermeidlich und gerade im Boulevard ausdrücklich erwünscht. Die Frage ist: Wie sichtbar darf sie werden?
Journalismus – zumal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – lebt von einer besonderen Spannung: Er soll Atmosphäre transportieren, ohne sich von ihr tragen zu lassen. Er soll Emotion spiegeln, ohne selbst zur Hauptfigur zu werden. An dieser Stelle gerät Wagners Stil mitunter ins Wanken.
Was irritiert, ist die gerührte Stimme und der Tonfall in manchen Gesprächen. Ein Unterton, der weniger fragt als bestätigt. Der keinen Raum für den Athleten öffnet, sondern ihn bereits emotional rahmt. Wenn danach im Studio die Moderation übernimmt, wird der Kontrast deutlich: hier die analytische Einordnung einer Esther Sedlaczek, dort die unmittelbare Anteilnahme einer Lea Wagner. Das ist kein Vorwurf mangelnder Professionalität. Es ist eine Frage der Rollenklarheit.
Niederlagen nüchtern zu begleiten, ist Routine. Doch im Triumph Distanz zu wahren, ist die größere Herausforderung. Denn Jubel steckt an. Auch der Autor dieser Kritik hat hier bei Olympia schon mit Ösi-Fahnen gewedelt, als im Österreich-Haus die erfolgreichen Rodler einmarschierten. Das hat glücklicherweise niemand live übertragen …
Lea Wagner steht für einen modernen, nahbaren Sportjournalismus, der Athleten nicht nur als Leistungsmaschinen begreift, sondern als Persönlichkeiten. Das ist eine Stärke. Doch diese Nähe braucht ein Gegengewicht. Sonst droht sie, in Parteilichkeit umzuschlagen – selbst wenn sie gut gemeint ist.
Emotion im Sportfernsehen ist kein Makel. Aber sie sollte Ausdruck des Moments sein – nicht des Moderators.
Natürlich haben wir auch die drei TV-Gewinner der Winterspiele gekürt: hier entlang.
Source: welt.de