Frankreich: Dünen-Schutz mit Weihnachtsbäumen
Wohin mit den ausrangierten Weihnachtsbäumen? Meist werden sie geschreddert. Eine besondere Funktion haben sie in Frankreich: Dort schützen Küstenorte ihre Dünen mit den alten Bäumen vor Erosion.
Raus aus dem Wind am weiten Sandstrand und rein in den Traktor von Francois Legras. Der Austernzüchter und Bürgermeister in dem Strandörtchen Gouville-sur-Mer in der Normandie lässt die riesige Greifschaufel aufklappen. Die Tannenbäume fallen in den Sand.
„Ich bringe die Tannenbäume an den Strand, damit man sie hier im Dünensand verankern kann. Wenn der Wind über den Sand fegt, bleibt der Sand in den Tannenbäumen hängen. So brauchen wir keine Beton- oder Kiesblöcke, um die Erosion aufzuhalten. Die Bäume sind ein natürlicher Schutz“, sagt Legras.
Mit dem Traktor geht es wieder zurück auf den Kiesparkplatz, hier liegt noch ein großer Haufen Tannenbäume und mit der großen Baggerschaufel wird jetzt die nächste Fuhre auf den Strand gebracht.
„Das Meer hat mehrere Dutzend Meter Sand gefressen“
Auf der Düne stehen kleine weiße Häuschen mit bunten Dächern. „Das sind rund 70 Strandkabinen, wir hatten früher viel mehr, aber das Meer hat mehrere Dutzend Meter Strand gefressen und die Kabinen sind dem Wasser zum Opfer gefallen“, erzählt Legras.
Nicht nur in Gouville-sur-Mer in der Normandie werden die ausrangierten Bäume an den Strand gebracht, sondern so wie hier auch in Carcans, im Südwesten Frankreichs.
Während Francois Legras kehrt macht, packen etwa 20 Freiwillige Helfer, dick eingemummelt in Windjacken und Mützen, die Tannenbäume und verkeilen sie am Fuße der Düne. Eine von ihnen ist Martine Bouffay, sie ist die Vorsitzende des Küstenschutzvereins Trait de Côte.
„Man schneidet an der einen Seite die Äste ab, so dass der Baum flach aufliegt und nicht so schnell wegrollen kann, dann verkeilt man den Baum kreuzweise mit den anderen Bäumen“, erzählt sie.
Bäume als Sandfalle
Die Bäume bedecken die Vorderseite der Düne und bilden so eine Sandfalle. Mit der Zeit bleibt immer mehr Sand in den Zweigen hängen. So wird die Düne künstlich aufgebaut. Das Prinzip hat sich bewährt, nicht nur in der Normandie, auch an den südlicher gelegenen Atlantikstränden Richtung Biarritz hat man gute Erfahrungen mit dem Weihnachtsbaum-Prinzip gemacht.
Auch im Südwesten Frankreichs wird das Prinzip mit den Bäumen auf Dünen angewendet – mit tatkräftiger Unterstützung freiwillige Helfer in Carcans.
„Wir haben schon vier bis fünf Meter Düne hinzugewonnen. Immerhin, wir halten die Erosion auf. Stimmt schon, das ist Arbeit, man muss jedes Jahr Freiwillige finden, um nachzulegen. Aber sie sehen ja wie viele wir sind. Eine kurze Message auf Facebook und schon sind alle dabei und bester Laune!“, sagt Bouffay lachend.
Großer Aufwand
Doch der Aufwand ist groß. Zwar spielen alle umliegenden Kommunen mit – starten Aufrufe an die Bevölkerung, ihre Weihnachtsbäume abzuliefern, richten Sammelstellen ein. Aber diese Form der Dünenrettung funktioniert nur, wenn man einige Vorrichtungen getroffen hat. Es braucht eine Art Zaun am Fuße der Düne, erklärt Jerôme Bouteloup, der im Stadtrat sitzt und die Aktion koordiniert.
Ohne diesen kniehohen Zaun aus langen Baumstämmen, die dicht an dicht tief im Sand verankert werden, wäre die Wucht der Wellen zu groß und die Bäume würden sich zu schnell lösen.
Es sei ziemlich teuer, diese Stämme in den Boden zu rammen, da braucht man schweres Gerät, so Bouteloup. „Im ersten Jahr hatten wir das auf einer Länge von 700 Metern gemacht. Die Strandabschnitte, die am meisten gefährdet waren. Jetzt kümmern wir uns um die 300 Meter, die beim letzten großen Sturm leiden mussten. Wenn wir den Zaun jedes Jahr komplett erneuern würden, würde das jeweils 120.000 Euro kosten.“
Auch Schutz für die Austernzüchter
Aber die Kommune investiert gerne in den Erhalt der Dünenlandschaft. Erstens schützen die Dünen die Arbeit der Austernzüchter, die direkt hinter der Düne ihre Werkshallen haben und hier rund 800 Menschen Arbeit geben. Und zum anderen gehören die malerischen Strandkabinen auf der Düne zum Postkartenidyll des Örtchens, der vom Tourismus lebt.
Martine Bouffay vom Dünenschutzverein weiß, dass sie die Erosion nicht stoppen, sondern nur verlangsamen können. „Wir wollen dafür sorgen, dass auch die Campingplätze und Häuser hinter der Düne noch eine Weile bleiben können. Wir wissen nicht, bis wohin das Meer noch steigen wird, wenn wir gar nichts machen.“
Und so sind am Ende dieses Nachmittags alle euphorisiert: vom eigenen Tatendrang und dem Gefühl nicht ohnmächtig zuschauen zu müssen. In Gummistiefeln geht es zurück zum Parkplatz. Heckklappe auf, Bier und Limo raus. Zerzaust und zufrieden prosten sich zu: Auf die Düne!
Source: tagesschau.de
