Debatte um Verbot: Social Media werdet ihr nicht los
Überall in Deutschland gibt es gerade Eltern, die sich auf Hilfe bei der Kindererziehung freuen. Denn in den vergangenen Tagen haben Pläne Fahrt aufgenommen, Kindern und Jugendlichen den Zugang zu sozialen Netzwerken zu erschweren. Die SPD fordert ein Verbot, auch in der Union werden Stimmen laut. Alle berufen sich auf angeblich gute Erfahrungen aus Australien.
Mal sollen die Netzwerke unter einem gewissen Alter ganz verboten werden, mal soll es spezielle Jugendversionen geben, die nicht so attraktiv sind wie bisher – eines haben alle Vorschläge gemeinsam: Der Zugang wird eingeschränkt.
Manchen Eltern wäre das sehr recht. Sie würden ihren Kindern ja gerne die sozialen Medien selbst beschränken, sagen sie. Aber da kämpften sie gegen die Manipulationsmacht großer Konzerne. Wenn nur der Zugang zu Social Media schwerer würde, dann gäbe es auch weniger Gruppendruck aus der Klasse. Überhaupt hätten die Eltern schon genügend Diskussionen mit den Kindern, da müsse nicht noch die Diskussion um Snapchat und Tiktok dazukommen. So wächst die Hoffnung: Ein Social-Media-Verbot würde das Leben vereinfachen. Wenn sich die Eltern da mal nicht täuschen.
Niemand kann im Ernst annehmen, dass Jugendliche ohne soziale Medien wieder ein analoges Leben führen. Bildschirmzeit bleibt attraktiv, die Kommunikation mit den Freunden auch. Viele Eltern wissen selbst, wie viel Zeit sie in ihrer Jugend mit Computerspielen verbracht haben. Deshalb weiß jeder, wie illusorisch die Vorstellung wäre, Jugendliche läsen nach einem Social-Media-Verbot plötzlich Goethe und Schiller. Nein, etwas anderes wird passieren: Die Kommunikation wird sich auf andere Kanäle verlagern. Neue Apps werden in Mode kommen. Jedes Computerspiel hat eine Chatfunktion.
Eltern müssen erziehen, ob mit oder ohne Verbot
Klar, solche Chatfunktionen sortieren nicht den Newsfeed neu. Die algorithmische Sortierung der angezeigten Nachrichten macht soziale Medien attraktiver, deshalb soll sie in den Jugendversionen eingeschränkt werden. Auch das löst nicht alle Probleme: Die größten Probleme mit Mobbing gab es oft auf Whatsapp, einer reinen Kurznachrichtenplattform, die gar keine komplizierte Sortierung kennt.
Es ändert also nichts. Selbst wenn ein Social-Media-Verbot kommt, werden Eltern nicht umhinkommen, ihre Kinder zum richtigen Umgang mit den neuen Medien zu erziehen – oder mit Bildschirmzeit insgesamt. Das gilt umso mehr, als soziale Medien auch echte Vorteile haben: Richtig eingesetzt, können sie die Kommunikation mit Freunden stärken, Vereinsamung bekämpfen, Wissen vermitteln und auch qualitativ hochwertige Nachrichten transportieren.
Das ist anstrengend. Niemand hat behauptet, dass Kindererziehung einfach wäre. Es beginnt damit, dass die Eltern mit gutem Vorbild vorangehen müssen. Öfter mal das Handy weglegen, vielleicht auch nicht den ganzen Abend vor dem Fernseher verbringen (der die Bildschirmzeit älterer Generationen sehr vergleichbar mit der von Jugendlichen macht). Es geht weiter damit, dass Eltern hingucken müssen, was ihre Kinder auf dem Smartphone treiben – und dazu müssen sie es selbst verstehen. Viele Eltern fühlen sich nicht richtig kompetent in neuer Technik. Das ist ein Problem. Anders geht es nicht: Eltern müssen wenigstens grob auf der Höhe der Zeit bleiben, und zwar nicht nur für ihre Kinder, sondern auch damit sie selbst nicht eines Tages abgehängt werden.
Die schärfste Waffe: Das WLAN-Passwort
Das schärfste Schwert im Erziehungswettstreit haben dann nicht die großen Internetkonzerne, da helfen all ihr Geld und all ihre Technik nichts. Das schärfste Schwert haben die Eltern, nämlich das WLAN-Passwort. Und die Kontrolle über den Handyvertrag der Kinder.
Wenn Eltern dieses Schwert zücken, kann es zu Hause auch mal laut werden. Das gehört zur Erziehung leider dazu. Da könnte man auf einen Gedanken kommen: Vielleicht führt man diese Auseinandersetzung nicht so gerne mit 16-Jährigen, die sowieso schon halb abgenabelt sind. Vielleicht legt man den Erstkontakt mit sozialen Medien lieber auf eine frühere Zeit, in der Eltern noch mehr Einfluss haben.