Theaterpremiere in Basel: Ehe, Kinderkriegen, Saufen

„Ich habe genug“, singt Elisabeth. Immer und immer wieder stimmt sie diese erste Zeile der gleichnamigen Bach-Kantate an, im schummrigen Licht des Bühnenraums, in ihrem weißen Totengewand, gerade noch stark genug, sich auf den Beinen zu halten. Genug haben, resignieren, schließlich aufgeben oder die Richtung ändern; das ist der Gestus von „Kasimir und Karoline und der Tanz mit dem Tod“. Karin Henkel führt dabei am Theater Basel das titelgebende Stück mit „Glaube Liebe Hoffnung“ zusammen; beide Stücke hat Ödön von Horváth in den Jahren 1931 bis 1933 dicht nacheinander geschrieben und wollte sie auch zusammen veröffentlichen lassen, denn beide entspringen dem gleichen sozialkritischen Impetus.

Das Stück mit dem biblischen Titel dreht sich um Elisabeth, die sich nicht befreien kann aus ihrer proletarischen Not, arbeiten zu müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gleichzeitig aber diesen schmalen Lebensunterhalt aufbringen muss, um sich für die Arbeit zu qualifizieren, und den Ausweg aus den systemischen Fallstricken im Freitod findet. Mit ihrem Sturz ins Wasser und der darauffolgenden Rettung eröffnet der Abend, anschließend verkünden zwei Ausrufer, die sich gleich noch zu Präparatoren, Polizisten und Dessousverkäuferinnen wandeln werden, dass nun die Geschichte des Opfers noch einmal nacherzählt wird.

Ein paar müde Publikumslacher

In diesem protokollarischen Ton schnurrt das Geschehen dann auch vorbei. Den lehrstückhaften Gehalt versucht die Inszenierung zu überspitzen; immer wieder wird die Handlung kommentiert, was vermutlich schon als Persiflage auf ironisierende Brecht-Abende gedacht ist und sich dabei doch in abgenutzten ­Zuschaueransprachen verheddert. Als Show-Runner spielt sich hier der Schauspieler Martin Wuttke in einem ganzen Strauß an Rollen auf, die er dann am Schluss des Dramas auch in einem Verwirrspiel mit Latexmantel und Polizistenmütze an- und abstreift. Das amüsiert immerhin mehr als die ollen Witze über Ehe, Kinderkriegen und Saufen, die er zuvor noch für ein paar müde Publikumslacher krakeelen musste.

Statt Budenballern gibt es hier Maschinengewehre: Szene aus Karin Henkels Horváth-Abend
Statt Budenballern gibt es hier Maschinengewehre: Szene aus Karin Henkels Horváth-AbendIngo Höhn

Aber es gibt auch konzentriertere Episoden: da, wo Elisabeth von ihrer Chefin schikaniert wird, die sich weder für die bürokratischen Probleme noch für die Vergewaltigung ihrer Mitarbeiterin interessiert; eindrucksvoll auch die Beziehung mit dem Schutzpolizisten, die an Elisabeths Vergangenheit und seinem Egoismus zerbrechen muss, und schließlich ihr Tod. Wie Gala Othero Winter die letzten kurzen Monologe aus sich herausbringt, ist ein Destillat der berührenden Darstellung einer systemischen Zermürbung: tief verstört vom Ausgesetztsein, doch vom unbeholfenen Willen getrieben, Boden unter den Füßen zu gewinnen und ihre Stellung zu halten, wenn längst nichts mehr für sie spricht.

Besser wäre ein Doppelabend gewesen

Dass Elisabeth und Kasimir in diesem System Leidensgenossen sind, wird schnell klar. Dennoch wollen sich die zwei Stücke an diesem Abend nicht recht zusammenfügen, und Henkel, die in den letzten Jahren immer wieder durch Verdichtungen von Stoffen hervorgetreten ist, verschreckt mit der ersten Hälfte ganze Publikumsscharen. Es hätte der Dramaturgie des Abends geholfen, ihn als Doppelabend zweier unabhängiger Stücke zu rahmen. Das hätte einerseits die verkrampften Kopplungsversuche zwischen den beiden Stückwelten aufgehoben und andererseits den dichten Stoff, der „Glaube Liebe Hoffnung“ ja ist, aus seiner stiefmütterlichen Verortung als Oktoberfest-Budentheater gehoben. So führt die Inszenierung nämlich nur zu der Erkenntnis, dass sich Karoline der Tragik von Kasimirs Situation nicht bewusst ist.

Die abgeklärte Draufgängerin, als die man sie sonst oft sieht, ist sie hier in der Darstellung von Marie Löcker aber auch nicht; vielmehr wird sie von der eigenen Leichtsinnigkeit, mit der sie die Beziehung zu Kasimir beendet, überwältigt, bandelt in der Folge mal mit dem, dann mit jenem an, trinkt Bier, Samos, Kirsch und stolpert ohne Absichten durch die öde Festkulisse.

Hand in Hand in die erleuchtete Dunkelheit: Gala Othero Winter als Elisabeth und Jörg Pohl als Schutzpolizist Foto Ingo Höhn
Hand in Hand in die erleuchtete Dunkelheit: Gala Othero Winter als Elisabeth und Jörg Pohl als Schutzpolizist Foto Ingo HöhnIngo Höhn

Nur spärlich wird das tiefe Schwarz der kargen Bühne von den grellen Lichtern der Neonröhrenelemente erhellt. An schunkelnde Oktoberfestromantik mit Eisstand und Walzerkapelle erinnern nur die regelmäßigen Brechreizanfälle, die sich auf, vor oder hinter der Bühne ereignen. Statt des heiteren Hippodroms muss sich Karoline mit einem Frankenstein-Schaukelpferd zufriedengeben, statt Festzelt- reihen sich Kirchbänke auf, geschossen wird nicht mehr am Schießstand, sondern mit dem Maschinengewehr. Es ist eine dystopische Welt, die Bühnenbildner Thilo Reuther baut und in der auch die Kostüme von Aino Laberenz kaum Halt für eine zeitliche Verortung geben.

Wie viel Systemkritik man in den Stoff lesen will, überlässt Henkel also dem Publikum; umso gefälliger wirkt die Tirade gegen Frauen, den angeblichen Niedergang der Gesellschaft und das „Stadtbild“, die der wunderbar widerlich gespielte Kommerzienrat Rauch (Andrea Bettini) im Vollsuff plötzlich vom Stapel lässt. Kurz fragt man sich, ob der Abend hier eine tagespolitische Wendung nimmt, doch er verbleibt wie die Altherrenwitze der ersten Hälfte im Komfort harmloser Pöbelei. Überhaupt erarbeitet die vage Personenregie wenige Perspektiven auf das Innenleben der Figuren. Längst scheint sich in ihren Herzen die Resignation eingenistet zu haben, für den schmerzhaften Blick in die eigene Leere, bringt niemand mehr die Kraft auf.

Source: faz.net