Die Banksters von jener Sparkasse

HBO versucht es mit einem deutschen Stoff: Doch zwischen bösen Banken, Rassismus und dem ganzen Rest bleibt „Banksters“ allzu oft im Klischeesumpf stecken. Ein machtvolles Zeichen für die deutsche Serienzukunft sähe anders aus.

Manchmal kommt man ohne Bertolt Brecht nicht aus. Der hat der Linken mehr als einen Leitsatz hinterlassen, darunter den, dass es krimineller sein könnte, eine Bank zu gründen, als eine zu überfallen. Im Zusammenhang mit „Banksters“, der ersten deutschen Serie des amerikanischen Streamers HBO, fällt einem der natürlich zuallererst ein. Wobei man angesichts des von Bernd Lange geschriebenen und von Cüneyt Kaya und Gregor Schnitzler ins Bild gebrachten Mehrteilers, auch fragen dürfte: Was ist die Gründung einer Bank gegen eine Serie über Banker?

„Banksters“ spielt im Jahr 2004. Nicht, weil die Serie auf einem sonst nicht näher spezifizierten authentischen Fall beruhen soll. Auch nicht, um sich durch die leicht ausgebleichten Farben vom Hochglanzkonkurrenten „Bad Banks“ zu unterscheiden und Wiedersehen zu feiern mit mittelalten Autos und technischem Equipment, das sich heute im Technikmuseum besichtigen lässt. Sondern damit analoges Geld aus echten Bankfilialen, die mit echten Bankmitarbeitern besetzt sind, geraubt, versteckt, im Papiermüll landen oder sprichwörtlich aus dem Fenster geworfen werden kann.

„Banksters“ ist Yusufs Geschichte. Kind des türkischen Mittelstands. Superchecker. Abiturdurchschnitt von 0,9. Schlank, elegant. Hätte alles Mögliche machen können. Wenn da nicht die Schulden seines Vaters wären. Der wollte ein Restaurant eröffnen und wurde darüber zum Opfer des Systems. Und Yusuf beginnt aus Rache eine Banklehre.

Ein gutes Jahr später steht dieser Yusuf Arslan auf dem Fußballplatz, schießt ein geniales Freistoßtor – und wird von einem SEK-Trupp festgenommen. Er soll Millionen geraubt haben. Maskiert, mit ein paar Kumpels. In Niederlassungen eben jenes Geldinstituts, in dem er seine Lehre machte.

Sparkasse statt Morgan Chase

Bernd Lange, von dem Sandra Hüllers Durchbruch-Film „Requiem“ und die Serien „Das Verschwinden“ und „Die Kaiserin“ stammen, erzählt die Geschichte auf zwei Gleisen, die aufeinander zu laufen. In der Gegenwart wird Yusuf von einem offensichtlich völlig vertrottelten Kommissar verhört (man darf hier keine Klischeeallergie haben), und Yusuf erlebt ein klassisches Dilemma: Gesteht er und verrät seine Bande, verkürzt er seine drohende Gefängnisstrafe. In diese Erzählung blendet Lange – in Monatsschritten der Verhaftung näher kommend – Szenen aus der Vorgeschichte ein.

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Wie das war mit Yusufs Vater. Wie aus Banklehrlingen mit durchaus entlegenen Charaktereigenschaften und Biografien eine Bande von Bankräubern wurde: Steven (Michelangelo Fortuzzi), der Nerd mit der depressiven Mutter, Malte (Merlin von Garnier), der verzogene Sohn des Kreditinstitutsvorstands, Melanie (Maria Dragus), die angehende Vollspießerin mit dem Grillmeister als Gatten.

Und eben Yusuf, der Overperformer in jeder Lebenslage. „Schmeißt du oben ein Problem rein“, sagt mal einer, „kommt unten eine Lösung raus.“ Yusuf muss man sich als eine Art Bobby Fischer der Lebensplotplanung vorstellen. Er hat alles durchdacht und sieht alles voraus – wenn auch vielleicht nicht das Cliff, an dem „Banksters“ zugunsten einer möglichen zweiten Staffel am Ende hängen bleibt.

Eine Bankergeschichte, das zur Entwarnung für alle Geldverkehrbetreibenden, ist der Sechsteiler eher nicht. Obwohl das Geldinstitut natürlich nicht gut wegkommt. Bernd Lange geht es vielmehr ums Erwachsenwerden, um Identitäten und Integration, um Alltagsrassismus und erste Liebe. Um Verrat und Korrumpierbarkeit. Und um Haltung.

Das ist hübsch geschnitten und sieht sich gut weg. Und der 23-jährige Eren M. Güvercin, der Mozart war in „Mozart/Mozart“ und auch schon in „Druck“ und „Euphoria“ in Fatih Akins neuem Film „Geister“ mitspielte – trägt „Banksters“ als Yusuf zur Not über alle psychologischen Flachheiten hinweg.

Wer sich allerdings von der ersten deutschen Eigenproduktion eines Streamers, der quasi jedes Jahr Olympiasieger im Serienerzählen wird, ein Statement erwartet hat, einen Ausblick darauf, was HBO in Deutschland vorhat und für möglich hält, erinnert sich mit einiger Nostalgie an bessere deutsche Streamer-Debüts. An „Dark“ auf Netflix oder an „Das Boot“ auf Sky. „Banksters“ hingegen bleibt gutes deutsches Mittelstandsfernsehen. Sparkasse statt Morgan Chase. Aller Ehren wert. Aber eigentlich nicht genug.

„Banksters“ ist auf HBO Max zu sehen.

Source: welt.de