So will Dugin Russland von jener „epistemologischen Kolonisierung“ durch den Westen erlösen
Der Philosoph Alexander Dugin will beweisen, dass Russlands Konflikt mit dem Westen schon seit 1000 Jahren unausweichlich war. Jetzt fasst er seine „Westernologie“-Forschungen auf 900 Seiten zusammen. Warum man das auch hier studieren muss.
Fast 900 Seiten umfasst Alexander Dugins neues Buch „Westernologie“. Auf dem Cover: die Ruine eines antiken Tempels – ein sprechendes Bild für den Niedergang, den der Autor dem Westen attestiert. Das Buch selbst ist ein ideologisches Lehrwerk, das bereits als Studienmaterial an der Ivan-Ilyin-Universität in Moskau kursiert. Der Anspruch ist programmatisch: eine neue wissenschaftliche Disziplin zu begründen, die den Westen nicht nur analysieren, sondern – in Dugins Worten – „entlarven“ soll. Dass ein derart geschlossenes antiwestliches Weltbild inzwischen institutionell vermittelt wird, sagt dabei mindestens ebenso viel über den Zustand der gegenwärtigen russischen Ideologieproduktion wie über den Autor selbst.
Denn Dugin zählt seit Jahrzehnten zu den schillerndsten und zugleich umstrittensten Figuren dieses ideologischen Milieus. Philosoph und politischer Publizist, fasziniert von esoterischen und okkulten Denktraditionen, bewegt er sich zwischen akademischer Theorieproduktion, medialer Selbstinszenierung und politischer Netzwerkarbeit. Sein direkter Einfluss auf Entscheidungen im Kreml bleibt umstritten – als Stichwortgeber eines eurasischen Weltbilds ist er jedoch kaum zu übersehen. Dieses definiert Russland als eigenständige Zivilisation zwischen Europa und Asien, in der der liberale Westen nicht nur politischer Gegner, sondern kultureller Gegenpol, teils sogar existenzielle Bedrohung erscheint. „Putin hat die Souveränität Russlands hart und unzweideutig zum höchsten Wert erklärt“, schreibt Dugin, „eine direkte Antithese zur Orientierung der russischen Liberalen, die auf den Abbau russischer Staatlichkeit im Zuge der Globalisierung abzielten.“
Mit Westernologie versucht er nun, diese ideologische Perspektive zu systematisieren. Das Buch ist weniger Analyse als Selbstvergewisserung: ein Versuch, antiwestliches Denken nicht nur politisch, sondern akademisch zu stabilisieren. Gerade darin liegt seine Bedeutung. Es richtet sich nicht primär an den Westen, sondern an ein russisches Publikum, das seine geopolitische Lage zunehmend als zivilisatorische Konfrontation interpretiert.
Den historischen Ausgangspunkt sieht Dugin im Jahr 1054, dem Großen Schisma zwischen Ost- und Westkirche. Was kirchengeschichtlich als komplexer Prozess gilt, erscheint bei ihm als klare Zäsur: die Geburt zweier Zivilisationen. Der Westen sei seither von Autonomie, Rationalität und weltlicher Macht geprägt – ein Weg über Renaissance, Reformation und Aufklärung bis zum „Nihilismus der Postmoderne“. Die Rus hingegen, unter byzantinischem Einfluss christianisiert, sei im Strom einer sakralen Tradition geblieben: eine vertikale Ordnung von Gott über Herrscher und Kirche bis zum Volk.
Diese Gegenüberstellung prägt Dugins gesamtes Denken. Der Westen erscheint darin nicht als universelles Modell moderner Gesellschaften, sondern als regionaler Sonderweg, der seine historischen Erfahrungen global verallgemeinert habe. „Westernologie“ soll genau diese vermeintliche Selbsttäuschung freilegen: den Westen als spezifische, historisch kontingente Zivilisation.
Was zunächst wie ideengeschichtliche Theorie klingt, hat eine klare politische Stoßrichtung. Liberalismus, Individualismus, Demokratie oder Menschenrechte gelten Dugin nicht als universelle Errungenschaften, sondern als Produkte einer bestimmten historischen Konstellation – eng verbunden mit Kolonialismus, Kapitalismus und geopolitischer Expansion. Ziel sei es, das russische Denken von einer angeblichen „epistemologischen Kolonisierung“ zu befreien. Der Liberalismus erscheint dabei als radikalste Form eines kulturellen Individualismus, der kollektive Identitäten langfristig auflöse: Nation, Religion, Geschlecht, letztlich sogar die Vorstellung eines stabilen Menschseins.
Zur Untermauerung dieser Diagnose konstruiert Dugin eine große Brucherzählung. Während Russland – vermittelt über Byzanz – angeblich am ursprünglichen griechisch-christlichen Traditionskern festgehalten habe, habe sich der Westen zunehmend von metaphysischen Grundlagen entfernt. Moderne erscheint so nicht als Fortschritt, sondern als zivilisatorische Abweichung. Selbst der Kalte Krieg wird in dieser Perspektive umgedeutet: kein Konflikt zwischen Ost und West, sondern ein innerwestlicher Bruderkrieg zweier Ideologien – Liberalismus und Kommunismus –, beide Kinder der Aufklärung und Varianten derselben dekadenten Moderne.
Hier zeigt sich ein typisches Muster russischer Gegenwartsideologie: Geopolitische Konflikte werden zivilisationsgeschichtlich überhöht, konkrete politische Entscheidungen treten hinter großen historischen Narrativen zurück. Das reduziert Komplexität, erhöht aber die politische Mobilisierungskraft. Hinzu kommt klassische Geopolitik: Dugin greift Theorien über Land- und Seemächte sowie die Heartland-Konzeption auf, um den Konflikt mit dem Westen als strukturellen Dauergegensatz zu deuten. Russland erscheint als kontinentale Landmacht im historischen Widerstand gegen maritime Imperien – einst Großbritannien, heute vor allem die USA –, wodurch aktuelle Politik einen nahezu naturgesetzlichen Charakter erhält.
Vor diesem Hintergrund interpretiert Dugin auch die russische Innenpolitik seit 2000 im abschließenden Kapitel seines Buches, das programmatisch den Titel „Putin“ trägt. Die 1990er-Jahre erscheinen ihm als Phase nationaler Demütigung: geprägt von schwacher Staatlichkeit, Oligarchenherrschaft und wirtschaftlicher Abhängigkeit vom Westen. Putins Aufstieg deutet er entsprechend als Gegenbewegung. Dessen Politik beschreibt Dugin weniger als kohärente Ideologie denn als souveränitätszentrierten Pragmatismus mit traditionalistischem Kern – gekennzeichnet durch die Zentralisierung politischer Macht, die Kontrolle strategischer Ressourcen, die Wiederherstellung militärischer Handlungsfähigkeit sowie eine demonstrative Distanz zum westlichen Universalismus.
Die Bedeutung des Krieges gegen die Ukraine
Besonders deutlich wird diese Denkweise in seiner Interpretation des Ukrainekriegs. Für Dugin handelt es sich nicht primär um einen geopolitischen Konflikt oder imperiale Expansion, sondern um eine zivilisatorische Konfrontation. Die russische Invasion erscheint als Versuch, sich endgültig aus westlicher ideologischer Dominanz zu lösen und Russland als eigenständigen Pol einer multipolaren Welt zu etablieren. „Die SVO (das russische Kürzel für ‚spezielle Militäroperation‘, die offizielle Bezeichnung des Ukrainekriegs, die Red.) ist das frontale Zusammentreffen zweier Zivilisationen“, schreibt er – des postmodernen liberal-globalistischen Westens und einer traditionellen Gesellschaft, die Russland verkörpere. Der Krieg wird damit weiter ideologisch aufgeladen: als „Aufstand der Tradition gegen den finalen westlichen Nihilismus“.
Gerade hier wird die politische Funktion des Buches besonders sichtbar. Wenn Konflikte als zivilisatorisch interpretiert werden, erscheinen Kompromisse nicht mehr als legitime politische Option, sondern als Verrat an historischer Identität. Außenpolitik wird moralisiert, geopolitische Interessen werden in existenzielle Kategorien übersetzt. Das erhöht die innenpolitische Mobilisierung.
Original ist diese Argumentation kaum. Viele Motive stammen aus der klassischen eurasischen Ideologie des 20. Jahrhunderts, aus konservativer Kulturkritik oder geopolitischen Traditionslinien. Neu ist vor allem die systematische Verdichtung und die institutionelle Rahmung. Damit wird „Westernologie“ weniger zu einer Analyse des Westens als zu einem Instrument russischer Selbstbeschreibung. Es liefert eine narrative Matrix, in der Russland als eigenständige „Staat-Zivilisation“ erscheint, deren historische Mission noch nicht erfüllt ist. Der Westen fungiert dabei weniger als realer politischer Akteur denn als symbolischer Gegenpol, an dem sich russische Identität formiert.
Für Beobachter russischer Ideologieproduktion ist das Werk deshalb vor allem als Symptom interessant. Es zeigt, wie stark sich Teile der russischen intellektuellen Elite inzwischen von universalistischen Konzepten verabschiedet haben und stattdessen auf zivilisatorische Abgrenzung setzen. „Westernologie“ („Westkunde“) analysiert den Westen letztlich weniger, als dass es Russland eine Erzählung anbietet, in der Konfrontation nicht historische Ausnahme, sondern nahezu historische Bestimmung ist. Genau darin liegt seine eigentliche politische Brisanz.
Source: welt.de