„In Deutschland dürfte vielen nicht lukulent sein, dass China zum neuen Zielland wird“
Seit Antritt der Trump-Regierung zieht es viele US-Wissenschaftler nach Deutschland. Joybrato Mukherjee, Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, sieht weltweit fundamentale Veränderungen. Ein Land läuft dem Westen den Rang ab.
Rund 400.000 Studenten aus aller Welt sind derzeit an deutschen Hochschulen eingeschrieben; 140.000 Deutsche sind zum Studium im Ausland.
In vielen Fällen bietet dabei der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) Unterstützung. DAAD-Präsident Joybrato Mukherjee beobachtet, dass sich gerade „fundamental“ etwas verändert.
WELT AM SONNTAG: Herr Mukherjee, Sie haben seit dem Amtsantritt von Donald Trump mehrfach die USA besucht. Stimmt es, dass viele Wissenschaftler das Land verlassen wollen?
Joybrato Mukherjee: In der Tat nehmen wir ein verstärktes Interesse an Europa und auch an Deutschland wahr. Es sind vor allem junge Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die sich überlegen, die USA zu verlassen und ihre Karriere in einem anderen Land aufzubauen. Da ist gerade viel in Bewegung.
WAMS: Können Sie das in Zahlen ausdrücken?
Mukherjee: Die Bewerbungen auf DAAD-Masterstipendien in Deutschland haben sich mehr als verdoppelt. Von einem enorm gestiegenen Interesse berichten auch die Kollegen der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und der Max-Planck-Gesellschaft. Das ist derzeit also ein genereller Trend. Umgekehrt lässt das Interesse deutscher Studierender und Promovierender an den USA nach. Die Anfragen bei uns sind um rund zehn Prozent zurückgegangen.
WAMS: Wie macht sich der Druck auf die Wissenschaft bemerkbar?
Mukherjee: In der Klimaforschung etwa werden Förderprogramme gestrichen, bestimmte Datenbanken und Datenreihen nicht fortgeführt oder gar zerstört. Damit fallen dann Arbeitsgrundlagen für die Forschung weg. Hinzu kommt, dass gerade forschungsstarke Universitäten wie Harvard, Stanford oder Princeton, die bislang besonders erfolgreich beim Einwerben von Drittmitteln waren, den Rückgang auch in diesem Bereich entsprechend stark spüren.
WAMS: Woran liegt es? Haben Geldgeber Angst vor Repressionen durch die Trump-Regierung?
Mukherjee: Bei der Förderung durch staatliche Stellen geht es um politische Vorgaben, die umgesetzt werden. Wenn Stiftungen oder Privatpersonen bestimmte Projekte nicht länger finanzieren wollen, ist das eine individuelle Entscheidung. Dahinter steht erwartbar die Frage: Stehe ich zu dem, was ich bisher getan habe, und halte ich politischen Gegenwind aus? Oder passe ich mich an? Es lässt sich in den USA derzeit beobachten, dass sich viele für die zweite Option entscheiden. Hier würde man sich mitunter mehr Standfestigkeit wünschen. Die USA sind kein totalitärer Staat, und es gibt einen funktionierenden Rechtsstaat, in dem weiterhin auf allen Ebenen Verfahren auch gegen Regierungsentscheidungen laufen. Gerade wurden wesentliche Teile der staatlichen Finanzierungskürzung für Harvard vor Gericht wieder rückgängig gemacht. Es wird sich aber noch zeigen, ob Gerichtsurteile künftig auch akzeptiert werden.
WAMS: Was macht Deutschland für ausländische Studenten und Wissenschaftler attraktiv?
Mukherjee: An erster Stelle unsere grundgesetzlich garantierte Freiheit in Forschung, Lehre, Bildung, Kunst und Wissenschaft. Das ist ein Schutz, den es auf dieser Ebene und in dieser umfassenden Reichweite so in anderen Ländern nicht gibt. Wir kritisieren ja schnell viel in und an Deutschland und oftmals mit gutem Grund. Aber unser Wissenschaftssystem ist in den letzten 20 bis 25 Jahren nachweislich immer attraktiver geworden, und zwar durch mehr Autonomie, umfassende Investitionen und kluge Maßnahmen wie die Exzellenz-Initiative. Wir sind derzeit auf Platz zwei weltweit, was die Zahl internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland betrifft und auf Rang drei oder vier, je nach Statistik, was Studierende und Promovierende aus dem Ausland angeht.
WAMS: Wie ist der Austausch mit anderen Ländern, zum Beispiel mit Indien und China?
Mukherjee: Die meisten internationalen Studierenden in Deutschland kommen heute aus Indien, rund 60.000. Und wir beobachten ein weiter wachsendes Interesse. Inzwischen nur noch an zweiter Stelle liegt China mit weniger als 40.000 Studentinnen und Studenten. Dies ist ein Beleg dafür, dass chinesische Universitäten zum Teil bereits Weltniveau haben, und sich chinesische Studierende gegen einen Auslandsaufenthalt entscheiden. Das sollte uns zu denken geben. Wir haben manchmal noch einen Blick auf China wie vor 30 Jahren. Aber das Land hat uns in manchen Bereichen bereits überholt.
WAMS: Zum Beispiel?
Mukherjee: Chemie, Physik und Materialforschung, aber auch KI-Technologien. In diesen Bereichen sind chinesische Forschergruppen ganz weit vorn. Es ist kein Zufall, dass China im Bereich der Elektromobilität so erfolgreich ist. Es gibt eine eigenständig aufgebaute Grundlagenforschung und gut ausgebildete Ingenieure in der Industrie. Dass weniger Chinesen zum Studieren zu uns kommen, ist auch ein Hinweis darauf, dass sich fundamental etwas verändert. Über Jahrzehnte strebten internationale Studentinnen und Studenten vornehmlich nach Nordamerika, Europa sowie Australien.
WAMS: Und heute?
Mukherjee: An den chinesischen Hochschulen sehen Sie heute viele internationale Studierende, Inder und Afrikaner, die schon in ihrer Heimat Chinesisch lernen, sich auf Chinesisch miteinander unterhalten und in chinesischer Sprache studieren. In Deutschland dürfte vielen bislang nicht klar sein, dass China gerade zu einem neuen Zielland wird.
WAMS: Auch für deutsche Studenten und Wissenschaftler?
Mukherjee: Leider nicht und das ist ein Problem. Wegen eines nicht aktuellen Chinabildes haben viele bisher nicht erkannt, dass wir deutlich mehr China-Kompetenz brauchen. Mehr Menschen, die bei uns Chinesisch lernen, die chinesische Kultur verstehen und auch eine gewisse Zeit in China verbringen. Das mahnen wir als DAAD schon länger an.
WAMS: Wie lässt sich das erreichen? Politik und Wirtschaft wollen sich ja gerade vor allem unabhängiger von China machen?
Mukherjee: Natürlich dürfen wir gegenüber China unsere eigenen Sicherheitsinteressen nicht vernachlässigen, weshalb ja von einem „De-Risking“ gesprochen wird. Trotzdem liegt es in unserem Interesse, mit chinesischen Partnern im Bereich der Forschung zu kooperieren und Austausch zu organisieren. Das ist eine Aufforderung an die Politik, neue Förderprogramme aufzulegen. China wird immer stärker zu einem Orientierungspol in der Welt. Und wir sollten uns proaktiv und realpolitisch mit diesem Pol auseinandersetzen – gerade auch vor dem Hintergrund der Entwicklungen in den USA.
WAMS: Wie sieht der Austausch mit Russland aus? Moskau hat den DAAD gerade zur unerwünschten Organisation erklärt.
Mukherjee: Wir müssen unser Büro in Moskau schließen, ebenso das „Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus“, was wir sehr bedauern. Russinnen und Russen können sich aus Drittländern weiterhin auf DAAD-Stipendien bewerben, auch die Stipendien für die rund 200 russischen DAAD-Stipendiaten in Deutschland laufen weiter. Weiterhin sind etwa 10.500 russische Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Allerdings waren viele von ihnen bereits vor Kriegsbeginn gekommen und haben ihren Aufenthalt verlängert. Unsere Linie gegenüber Russland seit dem russischen Überfall auf die Ukraine bleibt unverändert: keine politischen und keine institutionellen Kontakte mit Russland, sowie keine Förderungen für einen Aufenthalt in Russland, um nicht bestehende Sanktionsregime zu unterlaufen.
WAMS: Wie engagiert sich der DAAD in Afrika?
Mukherjee: Wir haben erst kürzlich eine Außenstelle in der ghanaischen Hauptstadt Accra eröffnet. In Südafrika wollen wir unsere Präsenz in Johannesburg ausbauen. In Kenia sind wir mit unserer Außenstelle in Nairobi sehr aktiv, gerade auch mit Blick auf die Bemühungen der Bundesregierung, Fachkräfte zu gewinnen. Das wird von kenianischer Seite befördert, weil in der Regierung viele Mitglieder Deutschland gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Der kenianische Staatspräsident William Ruto hat mit einem DAAD-Stipendium studiert. Was wir machen, hat also langfristige Wirkungen.
WAMS: Das nennt sich Soft Power?
Mukherjee: Richtig. Und es ist ein wichtiger Teil der Außenpolitik. Wir dürfen uns nicht abschotten und nur auf die eigenen Interessen schauen. Wir brauchen als Bundesrepublik Deutschland langfristig Netzwerke, Freunde und Verbündete in aller Welt. Und genau dafür sorgt der DAAD.
WAMS: Haben Sie das Budget dafür?
Mukherjee: Unser Budget beträgt rund 750 Millionen Euro. Rund 208 Millionen kommen vom Auswärtigen Amt und noch einmal etwa 200 Millionen vom Forschungsministerium sowie etwa 250 Millionen Euro von der EU. Die Gelder vom Entwicklungshilfeministerium sinken im aktuellen Haushalt leider aufgrund der für das Ministerium vorgesehenen Budgetkürzung auf unter 50 Millionen Euro.
WAMS: Finanziell sind Sie abhängig von der Politik. Und inhaltlich?
Mukherjee: Finanziell sind wir von Steuergeldern abhängig. Das ist richtig. Aber wir sind keine nachgeordnete Behörde, sondern ein eigenständiger Verein der deutschen Hochschulen und ihrer Studierendenschaften. Das ist mir wichtig zu betonen. Aber klar: Inhaltlich stimmen wir unsere Agenda partnerschaftlich mit der Politik ab.
WAMS: Verändern sich angesichts der geopolitischen Weltlage die Forschungsschwerpunkte? Eher weg von der Klimaforschung und hin zu militärisch nutzbarer Forschung?
Mukherjee: Dass Klimaforschung an Bedeutung verliert, sehe ich nicht. Wir bemühen uns in Deutschland gerade, die US-Datenbanken zum Klima zu sichern und so weiterhin für Wissenschaftler nutzbar zu machen. Unabhängig davon wird sicherheitsrelevante Forschung in einem umfassenden Sinne auf jeden Fall wichtiger. Das hat der Wissenschaftsrat auch gerade in seinem Grundsatzpapier zu den „Perspektiven bis 2040“ formuliert.
WAMS: „In Sicherheit durch Wissen investieren“, heißt es darin. Was genau ist damit gemeint?
Mukherjee: Das Papier enthält die Empfehlung an Bund und Länder, zehn Prozent der Ausgaben für Sicherheit in Forschung und Innovation sowie unabhängige digitale Infrastrukturen zu finanzieren – auch um unsere Resilienz zu verbessern und unsere Abhängigkeiten zu reduzieren. Es geht hier nicht primär um Rüstungsforschung.
WAMS: Sondern?
Mukherjee: Auch die Ernährungssicherheit ist etwa ein sicherheitsrelevantes Thema. Denn Missernten und Hungersnöte sind oft Auslöser von Krisen. Oder die wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit anderen Ländern und Kulturen, auch mit totalitär regierten Staaten. Auch das ist sicherheitsrelevant, weil es dazu beitragen kann, weltweit ein friedlicheres Miteinander zu arrangieren.
Joybrato Mukherjee, 1973 in Düren geboren, ist Sohn indischer Einwanderer. Er studierte Anglistik, Biologie und Erziehungswissenschaft. 2009 wurde er Präsident der Universität Gießen. Seit 2023 ist er Rektor der Universität zu Köln. Seit Januar 2020 leitet er den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Im Interview nutzt Mukherjee bewusst Gendersprache.
Source: welt.de