Museen, Galerien, Kunsträume – 17 Orte in Bologna, die man Kontakt haben sollte
In den 1970er-Jahren war die Stadt Bologna in Norditalien ein Zentrum der zeitgenössischen Kunst. Heute knüpfen junge Galerien, engagierte Sammler, eine reformierte Messe und elektrisierende Ausstellungen an diese Tradition an – ein Überblick.
Einige internationale Galerien haben in den vergangenen Jahren Niederlassungen in Italien eröffnet und sich für das Finanzzentrum Mailand oder die Kapitale Rom entschieden. Nun hat die britische Programmgalerie Herald St ihre erste Filiale außerhalb von London eröffnet: in einem alten Gebäude im mittelalterlichen Herzen von Bologna. Eine erstaunliche Wahl, wenn man bedenkt, dass die Regionalhauptstadt der Emilia-Romagna normalerweise nicht im Mittelpunkt des Kunstgeschehens steht. Gezeigt wird dort eine Ausstellung des amerikanischen Malers Matt Connors.
Doch Bologna hat eine Tradition, die bis in die 1970er-Jahre zurückreicht. Damals wurden wichtige Institutionen wie die Galleria d’Arte Moderna und Veranstaltungsreihen wie die Performance-Woche gegründet (die bis 1982 stattfand), das Duo Marina Abramović und Ulay nahm mit seiner historischen Performance „Imponderabilia“ daran teil. Es war die Zeit, in der Bologna das Zentrum für Body Art in Italien war, in der sich bildende Kunst und gesellschaftlicher Aktivismus im städtischen Raum vermischten.
Es war auch die große Zeit der Arte Fiera. 1974 aus der Taufe gehoben, war sie nicht nur die erste Kunstmesse in Italien, sondern auch eine der ersten in Europa; sofort erfolgreich und attraktiv auch für internationale Galerien. Doch in den 1990er-Jahren durchlebte sie eine Krise: Kunstmessen verbreiteten sich in jeden Winkel der Welt; in Mailand und Turin entstanden mit der Miart und der Artissima zwei Konkurrenten. Die Arte Fiera verlor zunächst ihre internationale Komponente, und dann ließ auch die Qualität nach.
Erst mit Antritt des Kurators Simone Menegoi als künstlerischem Leiter gelang die Renaissance. Er straffte das Profil der Messe, begrenzte die Zahl der gezeigten Künstler pro Galerie und beendete so den Supermarkt-Effekt. Im Jahr 2022 führte er die Position eines operativen Direktors ein: Enea Righi, ein bedeutender Kunstsammler, hat mit seiner Überzeugungskraft dazu beigetragen, progressive Galerien zurück auf die Messe zu bringen.
Die 49. Ausgabe der Messe endete vor zwei Wochen. Menegois Nachfolger Davide Ferri hatte sich bereits unter dessen Leitung als Kurator um die Sektion „Pittura XXI“ gekümmert, die sich der zeitgenössischen Malerei widmet. Sie wird geschätzt, weil man dort junge aufstrebende Künstlerinnen entdecken konnte, Richter Fine Art aus Rom stellte etwa Gemälde von Vera Portatadino vor, Artnoble aus Mailand zeigte Bilder von Giulia Mangoni.
Arte Fiera: Die älteste Kunstmesse Italiens ist zurück
In diesem Februar nahm erstmals die einflussreiche Galerie Kaufmann Repetto aus Mailand mit dem Atelier dell’Errore teil. Das Künstlerkollektiv neurodivergenter Menschen, deren Gehirn also anders funktioniert, lernt und Reize verarbeitet als der gesellschaftliche Standard, hat seinen Sitz in der Collezione Maramotti, einer wegweisenden Institution im nahe gelegenen Reggio Emilia. Sie wurde im Dialog mit Adrian Paci gezeigt, einem international bekannten Künstler albanischer Herkunft, der seit vielen Jahren in Italien lebt.
Die Arte Fiera zog aber auch viele aufstrebende Mailänder Galerien an, Fanta-MLN, Matta, Castiglioni Fine Arts nahmen zum ersten Mal teil. Die Stimmung war positiv, wenngleich Abschlüsse mitunter Zeit brauchten. Auch der ANGAMC-Preis, der seit 2017 von der nationalen Vereinigung der Galerien für moderne und zeitgenössische Kunst verliehen wird, trägt zum wachsenden Renommee der Messe bei. Diesmal ging er an Emilio Mazzoli, einen der wichtigsten Galeristen der Region, Gründer der traditionsreichen Galleria Mazzoli in Modena, die 1981 eine Ausstellung mit Jean-Michel Basquiat organisierte, bevor der zum Senkrechtstarter wurde – seine Bilder signierte er noch mit SAMO. Mazzolis Sohn Mario gründete 2009 eine Dependance der Galerie in Berlin mit einem Fokus auf Sound-Art.
Auch außerhalb der Messe zeigt sich Bologna als lebendiger Ort der Kunst. Im MAMbo, dem 2007 gegründeten Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, eröffnete eine Ausstellung von dem 2019 verstorbenen amerikanischen Dichter („Dial-a-Poem“) und Performer John Giorno. Im Museo Morandi, das die größte öffentliche Sammlung von Gemälden des Bologneser Malers (bekannt für seine sachlich-modernen Stillleben) beherbergt, gibt es eine faszinierende Begegnung mit den abstrakten Bildern der libanesischen Künstlerin Etel Adnan. Beide widmeten ihre künstlerische Arbeit wenigen wesentlichen Themen, etwa der Vibration von Farbe.
Neben den Institutionen prägt eine vitale Off-Szene das Bild. Non-Profit-Spaces knüpfen an die Tradition der sozialen Zentren an, für die Bologna seit den 1990er-Jahren bekannt ist. Die wichtigsten Ausstellungsräume für junge Künstler sind die Gelateria Sogni di Ghiaccio, die von einer Künstlergruppe betrieben wird, Alchemilla, wo es auch Ateliers und Treffen gibt, und Megadue, ein Kunstprojekt von Fabio Farnè. Während der Arte Fiera öffnete sogar die legendäre Galleria Neon wieder, von 1981 bis 2011 war sie ein Ort für künstlerische Experimente.
Die Präsenz der Universität fördert grundlegend die Aufbruchsstimmung in Bologna, auch mit der Opentour, einer Reihe von Ausstellungen. Immer im Juni finden sie an verschiedenen Orten statt und verhelfen auch Kunststudenten zur Sichtbarkeit, es ist dann ihr Einstieg in die kulturelle Infrastruktur. Namhafte Künstler wie Sissi, Flavio Favelli, Cristian Chironi, Canemorto, Pierpaolo Campanini, Eva Marisaldi, Cuoghi Corsello, Davide Rivalta und David Casini leben und arbeiten in und um Bologna. Riccardo Baruzzi und Paolo Chiasera haben benachbarte Ateliers in Borgo Panigale, während sich im selben Gebäude wie die Galerie P420 die Studios der inzwischen eingebürgerten Chinesin Shafei Xia und des in Ruanda geborenen Francis Offman befinden.
„Ein Merkmal unserer Kunstszene ist die Tatsache, dass alles eng verbunden ist“, sagt Chiara Tiberio von der vor 15 Jahren in Bologna gegründeten Galerie P420. Sie habe immer an ihre Stadt geglaubt, erklärt sie und nehme auch deshalb an Messen auf der ganzen Welt teil, um das Wissen über Bologna zu verbreiten. „Wenn ausländische Kunden uns besuchen, finden sie einen dynamischen Kunstbetrieb vor, aber auch eine menschenfreundliche Stadt“, so Tiberio, „und – natürlich – die gute Küche.“ Aber Bologna ist eben mehr als die berühmten Tortellini.
Neben P420 hat die Stadt zahlreiche Galerien, sowohl für klassischere Positionen wie de’ Foscherari als auch für Gegenwartskunst wie LABS und CAR Gallery. Bologna kann auf national und international bedeutende Sammlungen zählen – wie die von Enea Righi –, aber auch auf die sehr wohlhabenden und raffinierten Kunstsammler aus Modena. Sie sind häufig nicht nur aktive Käufer, sondern wollen ihre Schätze der Öffentlichkeit zeigen.
Ein weiteres Standbein für die Region sind Stiftungen wie Kappa-Nöun von Marco Ghigi, die Fondazione MAST von der Maschinenbauunternehmerin Isabella Seragnoli, die alle zwei Jahre eine Biennale zur Industriefotografie organisiert. Und die Sammlerin Paola Pizzighini hat kürzlich den Palazzo Boncompagni neu eröffnet – mit einer Ausstellung des Maestros der italienischen Aktions- und Objektkunst Michelangelo Pistoletto.
Vielleicht lässt sich Bolognas neue elektrische Aufladung aber am besten an einem Kronleuchter in der kleinen Garage des Palazzo Bentivoglio ablesen: „Temporali“ von Alberto Garutti flackert jedes Mal auf, wenn in Italien ein Blitz einschlägt.
Source: welt.de