Berlinale-Nebenreihen: Da liegt ein Berg wie in einem Zielfernrohr

Der Chamissoplatz im Berliner Bezirk Kreuzberg ist im kollektiven Imaginären der Hauptstadt mit einem bestimmten Gefühl verbunden. Hier waren die Menschen schon Bobos (Bohemiens mit einem Hang ins Bürgerliche und umgekehrt), als die Bezeichnung noch nicht einmal erfunden war. Hier hat Rudolf Thome 1980 einen seiner wichtigsten Filme gedreht, „Berlin Chamissoplatz“, und damit dem Leben in Kreuzberg 61, wie die Städtetouristen das Stadtviertel lange kannten und nannten, seine unverwechselbare Sensibilität eingehaucht. Thomes Filme leisten sanften Widerstand gegen die Druckverhältnisse des Kapitalismus, der Politik, der Machtspiele, und seien es sexuelle.

Erst kommt der Blick in ein Buch, dann ein Gespräch

Auf der 76. Berlinale läuft im Forum ein kleiner Film, der nicht nur in der Gegend rund um den Chamissoplatz gedreht wurde, sondern den man auch als Ehrenerklärung an das Thome-Gefühl verstehen könnte: „Auslandsreise“ von Ted Fendt. Die Geschichte beginnt damit, dass eine Frau in der Öffentlichkeit liest. Die Jahreszeit erlaubt es, dass sie sich für diesen intimen Akt ins Freie begibt und nicht – wie man es manchmal in der U-Bahn sieht – eine Lektüre-Monade abgibt. Fendt filmt zuerst gar nicht die Frau, sondern einen Blick in ein Buch, einen Text auf einer Seite. Dann kommt jemand vorbei, es beginnt ein Gespräch, und in den folgenden sechzig Minuten geht es auch um Berlin, um die Wohnverhältnisse, um die Gebräuche einer internationalen Gemeinschaft in einer Weltstadt.

74. Filmfestspiele in Berlin
74. Filmfestspiele in BerlinF.A.Z.

Gut die Hälfte der Dialoge, wahrscheinlich mehr, sind der Frau gewidmet, die das Buch geschrieben hat, das im ersten Bild zu sehen war: Anna Maria Ortese (1914 bis 1998). Mit ihr beschäftigt sich in „Auslandsreise“ ein lockerer Lesekreis, in dem vorübergehend auch der nomadisierende Sohn eines Steuerberaters in Tübingen Aufnahme findet, der in Berlin von einem provisorischen Quartier ins nächste zieht, um nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten zu müssen. Ortese steht mit ihren beiden vor allem zitierten Büchern „Iguana. Ein romantisches Märchen“ und „Der Hafen von Toledo“ für eine Literatur, die sich von der Sprache auf die Wege der Phantasie leiten lässt. Mit Begriffspedanterie, mit Festlegungen auf Bedeutung kommt man dabei nicht weit. Und Fendts Lesekreis, in dem die Muttersprache Deutsch nicht vorherrscht und ein Leben zwischen den Sprachen und Übersetzungen alltäglich ist, findet in der rätselhaften Autorin eine wunderbare Spiegelfigur.

Der Regisseur ist selbst ein Zugezogener, ein Amerikaner, der auf den Spuren des Kinos nach Europa kam. Man kennt ihn unter anderem als Godard-Philologen, wer ein wenig sucht, findet auf Websites fundierte Entzifferungen der hermetischen Collagen des großen französischen Regisseurs. Im Berliner Kino Arsenal arbeitete Fendt immer wieder als Vorführer, und den Materialcharakter des Mediums betont er auch mit „Auslandsreise“, der wie schon seine früheren Arbeiten auf 16 mm analog gedreht wurde.

Eine Liebeserklärung an das Übersetzen

Schon in seinem früheren Film „Classical Period“ (2018) hatte Fendt auf hintergründige Weise von einem literarischen Milieu erzählt, damals noch deutlich stärker im Zeichen amerikanischer, akademischer Nerds, die sich weit in die Nebenthemen etwa der Dante-Expertise oder theologischer Spitzfindigkeiten treiben ließen. In „Auslandsreise“, der seinen Titel dezidiert literarisch nimmt, erzählt Fendt auch von einem sehr berlinischen Feld. Denn Anna Maria Ortese wurde von Verlagen auf Deutsch zumindest einer kleinen Gemeinde bekannt gemacht, die einander im früheren Westberlin gut kannten: Wagenbach, die Friedenauer Presse, viele Jahre später dann Matthes & Seitz. Fendts neuer Film ist auch eine Liebeserklärung an das Übersetzen (eine Tätigkeit, die er selbst auch ausübt): Leonie, die zentrale Figur im Film, zugleich in Teilen dessen Autorin, nimmt eine S-Bahn nach Potsdam und besucht die Übersetzerin Sigrid Vagt, in einer Szene, die fast ein Drittel der erzählten Zeit einnimmt und die im Grunde dokumentarisch ist, sich aber in das luftige narrative Geflecht von „Auslandsreise“ perfekt fügt.

Unterwegs in Österreich: Szene aus „London“ von Sebastian Brameshuber
Unterwegs in Österreich: Szene aus „London“ von Sebastian BrameshuberPanama Film

Ted Fendt steht für ein kollaboratives Filmemachen, und so nimmt es nicht wunder, dass er auf der Berlinale auch an einer anderen Stelle auftaucht, die wie ei­ne Entsprechung zu seinem Spiel mit dem Begriff „Auslandsreise“ wirkt. In „London“ von Sebastian Brameshuber (der im Panorama läuft) fährt ein Mann regelmäßig mit dem Auto von Wien nach Salzburg und retour. Er nimmt dabei immer Passagiere mit, und aus den Gesprächen mit ihnen besteht weitgehend die Geschichte. Fendt spielt einen dieser Mitfahrer. Dieser hat sich mit der landschaftlichen Inszenierung der Autobahn durch die nationalsozialistischen Planer beschäftigt und weiß deswegen bei einer bestimmten Perspektive, bei der im Hintergrund ein Berg wie in einem Zielfernrohr auftaucht, dass solche Effekte des Erhabenen bewusst für die kraftfahrenden Anhänger des „Führers“ konzipiert wurden. Bei den Nazis sollte fast alles monumental sein, bei Ted Fendt hingegen ist es die kleine Form, an der das falsche Totale scheitert.

Belesenheit war einmal eine bürgerliche Tugend, später eine verschrobene. Nun wird sie in verschiedenen Kontexten neu entdeckt, sicher nicht zufällig auch in einem Berlin, in dem viele Menschen muttersprachlich in der Minderheit sind. Für ein Filmfestival wie die Berlinale, das ja insgesamt eine große Auslandsreise ist, sind die beiden Auslandsreisen von Ted Fendt in diesem Jahr ein beziehungsreicher Mittelpunkt.

Source: faz.net