Epsteins Netzwerk: Der Sexualverbrecher und dieser Kunstsammler
Knapp 120 Millionen Dollar zahlte der Multimilliardär Leon Black 2012 bei Sotheby’s in New York für eine Pastell-Version von Edvard Munchs weltberühmtem Motiv „Der Schrei“. Noch nie war bei einer Versteigerung mehr Geld für ein Kunstwerk ausgegeben worden. Es war ein Prestigekauf sondergleichen für den Private-Equity-Unternehmer, der als Kunstsammler der Spitzenklasse und Aufsichtsrat im New Yorker Museum of Modern Art (eine Position, die er immer noch innehat) zu den mächtigen Figuren des Kulturbetriebs gehörte: als Käufer, Mäzen und Netzwerker. Finanziell beraten und bei Kunstgeschäften unterstützen ließ Black sich, was damals offensichtlich niemanden skandalisierte, von Jeffrey Epstein.
Im Wust der Dokumente
Die neueste Charge der vom US-Finanzministerium veröffentlichten Epstein-Files bringt, verborgen im Wust von mehr als drei Millionen Aktenseiten, immer weitere Details einer jahrzehntelangen, engen Beziehung ans Licht. Für diese rechtfertigen musste Black sich erst, als Epstein nach Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen ihn 2019 verhaftet wurde und bald darauf erhängt in seiner Gefängniszelle aufgefunden werden würde.

Black distanzierte sich von seinem früheren Berater, doch die „New York Post“ fand heraus, dass Epstein bis 2012 als Direktor der wohltätigen Stiftung der Blacks geführt worden war. Es handele sich um einen Fehler in den Akten, hieß es daraufhin; Epstein habe 2007 auf Wunsch der Familie den Posten geräumt. Überzeugend wirkte das nicht, soll Epstein doch noch 2015 auf einer Party mit Black gesehen worden sein. Ende 2021 ermittelten Anwälte, dass der Geschäftsmann Epsteins Hauptgeldgeber war und zwischen 2012 und 2017 die erstaunliche Summe von 158 Millionen Dollar zahlte. Die Frage nach dem Wofür sollte den Finanzausschuss des US-Senats beschäftigen. Black trat 2021 als Chef der von ihm mitgegründeten Firma Apollo Global Management zurück und nach Künstlerprotesten als Leiter des MoMA-Aufsichtsrats.
Beweise für Straftaten Blacks im Kontext von Epsteins Sexualverbrechen gibt es nicht, und Black bestreitet jegliches Fehlverhalten, doch die Vorwürfe wuchsen stetig. 2023 beschuldigte eine vom Downsyndrom betroffene Frau Black, sie als Minderjährige in Epsteins New Yorker Apartment vergewaltigt zu haben. Die jüngst freigegebenen Akten geben nun mit Material wie Tagebucheinträgen detaillierte Einblicke in die Vorwürfe; das Magazin „Artnews“ schlüsselte sie zuerst auf. Eine vorherige, ähnliche Klage einer anderen Frau war fallen gelassen worden. 62,5 Millionen Dollar zahlte Black in einem Vergleich mit den amerikanischen Jungferninseln, um einem möglichen Prozess gegen ihn im Zusammenhang der Epstein-Ermittlungen zu vermeiden – etwa halb so viel wie für den Munch.
Michelangelo, Monet, Picasso
Als Black seinen Auktionstriumph mit dem „Schrei“ feierte, scheint er den jüngsten Veröffentlichungen nach mit Epstein an der Gründung einer Stiftung für seine Kunstsammlung gearbeitet zu haben. Die „Black Art Foundation“ sollte im Bundesstaat Delaware, einem US-Steuerparadies, verortet werden. Ob sie zustande kam, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Dafür zeigen sie, wie intensiv der in Sachen Steuervermeidung, Nachlassregelung und Vermögensvermehrung – wozu sich Kunstdeals bestens eignen – versierte Epstein in die Sammlungsgeschäfte Blacks involviert war.
Eine Liste aus dem Jahr 2016 mit Kunstwerken samt Schätzsummen von Christie’s, als deren Eigentümer Firmen Blacks notiert sind, gibt nun Einblick in die wahrscheinliche Zusammensetzung der Kollektion. Von Michelangelo über William Turner, Claude Monet und Paul Cézanne bis zu Roy Liechtenstein und Pablo Picasso reihen sich die großen Namen aneinander. Angenommener Gesamtwert: 2,8 Milliarden Dollar, damals fast die Hälfte von Blacks frei verfügbarem Vermögen. Heute wird es von Bloomberg auf knapp 17 Milliarden geschätzt.

Wer auf diesem Niveau unterwegs ist, agiert mit den ganz Großen im Business, Auktionshäusern wie Christie’s und Sotheby’s, der Gagosian Gallery oder dem Kosmetikkonzernerben, Sammler und Museumsgründer Ronald Lauder. Sie alle tauchen hundertfach in den Epstein-Akten auf. Epstein vermittelte, so legen die Dokumente nahe, Ver- und Ankäufe mit dem Ziel der Gewinnmaximierung.
2012 ging es laut Akten um den Austausch eines 46-Millionen-Rothko gegen einen 48-Millionen-Picasso bei Gagosian; später um den angestrebten Erwerb eines Alberto Giacometti. 2015 vermittelte Epstein den Kauf von Picassos auf 115 Millionen Dollar bezifferte Figur „Buste de Femme (Marie-Thérèse)“ bei Gagosian, eine verwickelte Angelegenheit mit juristischem Vorspiel, in dem es darum ging, dass Picassos Tochter Maya Widmaier-Picasso das Kunstwerk zuvor im Namen eines ungenannten Sammlers sowohl der Galerie als auch der Herrscherfamilie von Qatar verkauft haben soll. Werke von Max Beckmann und Ernst-Ludwig Kirchner erwarb Black mit Lauder. Die beiden Sammler wollten sich den Epstein-Files nach in einer „Friends Ventures LLC“ zusammentun, um gemeinsam Kunst zu kaufen. Werke aus Blacks Kollektion hingen und hängen leihweise oder mit dem Versprechen der künftigen Schenkung in bedeutenden Museen wie dem MoMA, und durch Geldzuwendungen an Kulturinstitutionen profilierte Black sich als Mäzen.
Niemand will etwas gewusst haben
Alle, die mit Epstein Geschäfte machten oder von ihm profitierten, wollen nichts von seinen Sexualverbrechen gewusst haben und schon gar nicht an ihnen beteiligt gewesen seien, auch im Kunstbetrieb. Gründe, mindestens misstrauisch zu werden, gab es gleichwohl genug – und das schon früh. 1995 lernte Epstein an der New York Academy of Art, zu deren Vorstand er zuvor gehört hatte, die damals 25 Jahre alte Kunststudentin Maria Farmer kennen und bot ihr einen Job als Kunstberaterin und Sekretärin an.
Ein Jahr später ging Farmer zur Polizei und meldete, Epstein und seine Helferin Ghislaine Maxwell hätten ihre sechzehnjährige Schwester Annie sexuell angegriffen und Nacktbilder von ihr gestohlen. Die Behörden reagierten nicht. Erst mehr als ein Jahrzehnt später wurde Epstein wegen seiner Sexualdelikte zur Rechenschaft gezogen.
Danach war er weiterhin keine persona non grata im Kultur- und Geschäftsleben, sondern wurde exkulpiert und geschützt. Die Beziehung zwischen Black und Epstein verschlechterte sich 2016 wegen finanzieller Unstimmigkeiten. Epstein warf im selben Jahr schon andernorts die Netze im Dreieck von Kunst, Geld und Macht aus. Mit Caroline Lang, der Tochter des ebenfalls mit Epstein verbandelten ehemaligen französischen Kulturministers Jack Lang, der inzwischen als Präsident des Institut du Monde Arabe zurückgetreten ist, gründete er auf den amerikanischen Jungferninseln eine Firma namens „Prytanee LCC“ und bedachte sie in seinem Testament. Das enthüllten Recherchen von Mediapart.
Kulturkontakte und Offshore-Geschäfte
Sie habe das Unternehmen verlassen, als die Verbrechen Epsteins bekannt wurden, beteuerte Caroline Lang inzwischen öffentlich und beschrieb ihn als kultivierten, von zeitgenössischer Kunst begeisterten Mann, der gesagt habe, er wolle junge Künstler durch seine Investitionen unterstützen. Die französische Finanzstaatsanwaltschaft denkt eher an Geldwäsche und Steuerflucht. Epstein könnte auch in krumme Geschäfte mit dem Raubkunsthändler Douglas Latchford verwickelt gewesen sein.

Wie weit es mit Epsteins angeblicher Leidenschaft für Gegenwartskunst abseits finanzieller – oder sexueller – Mehrwerte tatsächlich her war, offenbarte er in seinen Wohnungen. Als Sammler war Epstein kompromisslos ehrlich; er kaufte Kunst als Dekoware abseits des gehobenen Geschmacks, die es knallen lassen sollte und in der er seine perfiden Neigungen gespiegelt sah. Petrina Ryan-Kleids Bild von Bill Clinton im blauen Kleid und mit High Heels illustriert das ebenso wie die goldene Figur einer nackten Frau an einem Seil, die Darstellung eines jungen Mannes mit Erektion oder die durch eine Assistentin per Mail georderte Kopie der drastischen Darstellung des biblischen Bethlehemitischen Kindermords von Cornelis van Haarlem.
Geschäftlich war Kunst für Epstein ein Asset, das zum Agieren in den Zirkeln der Reichen, Mächtigen und sich für unantastbar Haltenden, aber Erpressbaren dazugehörte. Sie gehörte am Rande zu der gewaltigen Kulissenschieberei, hinter der seine Verbrechen stattfanden. Wie Blacks Sammlung aussah, ist deshalb Nebensache. Es muss darum gehen, wer was wusste und tat in Epsteins Netzwerk.
Source: faz.net