Sächsische Separatisten: Es liegt in dieser Familie

Er soll der Kopf der „Sächsischen Separatisten“ gewesen sein, einer rechtsterroristischen Vereinigung: Jörg S. Seit einigen Wochen muss er sich deshalb vor dem Oberlandesgericht Dresden verantworten. Jörg S., 25 Jahre alt, ist als Rädelsführer angeklagt, neben ihm auf der Anklagebank sitzen sieben weitere junge Männer, beschuldigt der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens. Einer von ihnen ist Jörn S., 22 Jahre alt, der Bruder von Jörg.
Die beiden sind Teil der jüngsten Generation einer länderübergreifenden rechtsradikalen Familiendynastie mit Verbindungen zur FPÖ. Das allein beweist nichts, für die Brüder S. gilt die Unschuldsvermutung.
Rechtsextreme Konzepte
An den ersten Prozesstagen ließ Jörg S. Sympathien zu rechtsextremen Ideologien erkennen, beschrieb sich selbst als rechts und national, führte auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin seine Überzeugungen zu Konzepten wie einem „Arian State“ („arischer Staat“) oder einem „White Jihad“ („weißer Dschihad“) aus.
Der Apfel, ließe sich schlussfolgern, fällt wohl nicht weit vom Stamm.
Der sprichwörtliche Stamm, das ist in diesem Fall der Vater der Brüder: Hans Jörg S. junior. Der 1963 geborene Mann war eine wichtige Figur in der österreichischen Neonaziszene.
Er betätigte sich als Aktivist in der „Kameradschaft Langenlois“ in Niederösterreich und war von 1987 bis 1995 in der „Volkstreuen außerparlamentarischen Opposition“ (VAPO) des österreichischen Neonazis Gottfried Küssel aktiv. S. organisierte für die VAPO Wehrsportübungen, er soll seinen „Kameraden“ beigebracht haben, wie man Menschen die Kehle durchschneidet.
Der Vater in Österreich wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt
1995 wurde Hans Jörg S. junior wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung zu einer Haftstrafe von acht Jahren verurteilt, 1999 kam er vorzeitig frei und zog anschließend nach Sachsen.
Im Zuge der Ermittlungen gegen seine Söhne rückte er abermals in den Fokus der Behörden. In seiner Wiener Wohnung fanden Ermittler NS-Devotionalien, die die Wände zierten, darunter gerahmte Bilder von SS-Soldaten mit Hakenkreuzen und Geburtstagswünsche an den „Gaubeauftragten“ S., unterschrieben mit „Der Führer“.
Vergangene Woche wurde Hans Jörg S. junior deshalb zu 18 Monaten Haft wegen NS-Wiederbetätigung verurteilt, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.
Auch René S., der jüngere Bruder von Hans Jörg S. junior und Onkel von dessen angeklagten Söhnen, lässt sich der rechten Szene zurechnen. Früher schaute er bei den VAPO-Wehrsportübungen seines Bruders vorbei und nahm 1987 gemeinsam mit diesem und Küssel an einer Neonazidemonstration in Wien teil.
Später machte René S. in der rechten FPÖ Karriere und war für verschiedene Politiker der Partei tätig: Er arbeitete im Jahr 2000 für den damaligen Kurzzeit-Justizminister Michael Krüger und war Büroleiter von Norbert Hofer in dessen Zeit als Dritter Nationalratspräsident.
Der Onkel machte Karriere in der FPÖ
Als Hofer 2017 Verkehrsminister wurde, wurde René S. sein Kabinettschef im Ministerium. Zuletzt arbeitete S. als Büroleiter für den amtierenden Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz. Von diesem Posten trat er Ende Februar 2025 zurück, nachdem durch eine parlamentarische Anfrage der Grünen E-Mails öffentlich geworden waren, die nahelegen, dass S. mit Personen aus der rechtsextremen Szene – auch aus dem Dunstkreis der „Sächsischen Separatisten“ – verkehrt und deren Gedankengut teilt.
Seit Jahren ist René S. zudem lokalpolitisch aktiv, er sitzt im Stadtrat von Langenlois. Dort hatte die Familie S. jahrzehntelang auch ein Forsthaus angemietet, in dem im Zuge der Ermittlungen gegen die „Sächsischen Separatisten“ NS-Devotionalien und 30 Kilogramm Munition gefunden wurden.
René S. hatte zu dem Zeitpunkt seinen gemeldeten Hauptwohnsitz in dem Haus, gab jedoch an, dort seit Jahren nicht mehr gewohnt und nur gelegentlich seine Eltern besucht zu haben, und meldete sich kurz nach der Razzia um.
Von Mitte März an muss René S. sich vor Gericht wegen des Vorwurfs der NS-Wiederbetätigung verantworten – allerdings nicht wegen der Funde im Forsthaus. In dieser Sache wurden die Ermittlungen gegen ihn eingestellt, eine sichere Zuordnung der gefundenen NS-Devotionalien zu S. war laut der Staatsanwaltschaft Krems nicht möglich.
Angeklagt ist René S., weil eine laut Staatsanwaltschaft von ihm aufgegebene Todesanzeige eine Irminsul-Rune zierte. Dieses Symbol nutzte auch die SS-Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, heute ist es in der rechtsextremen Szene verbreitet.
Der Großvater bekommt eine Todesanzeige mit SS-naher Rune
Die Todesanzeige kündete vom Ableben des Vaters von René und Hans Jörg S., der Ende 2024 gestorben war: Hans Jörg S. senior. Der ehemalige ORF-Journalist war in den Neunzigerjahren der erste FPÖ-Landesrat (Minister) in Niederösterreich, wo er zwei Jahre lang auch Obmann der Landespartei war. Später trat Hans Jörg S. senior der FPÖ-Abspaltung Bündnis Zukunft Österreich von Jörg Haider bei und saß für die Partei im Bezirksrat von Wien-Floridsdorf.
Seine Enkel Jörg und Jörn S., die nun in Dresden vor Gericht stehen, sind also mit rechtsextremem und nationalsozialistischem Gedankengut aufgewachsen. Auch gegen ihren jüngeren Bruder wurde im Kontext der „Sächsischen Separatisten“ ermittelt, er sitzt jedoch nicht mit auf der Anklagebank.
Medienberichten zufolge sollen die drei Brüder im August 2023 VAPO-Gründer Gottfried Küssel in Wien getroffen haben. Mit dabei: Ihre Mutter Jana S. In Brandis bei Leipzig, wo die Familie lebte, war ihre Gesinnung demnach kein Geheimnis. Die Brüder S. sollen auch an Stammtischen und Aktionen der AfD oder der „Jungen Alternative“ teilgenommen haben.
Source: faz.net