Polittalk im Fernsehen: Warum wir es lieben, Talkshows zu hassen
Seit mehr als drei Jahrzehnten wird das Format Talkshow öffentlich beschimpft. Für seine intellektuellen Kritiker ist es zu boulevardesk und einfallslos; für die Politik, die lieber mehr Übertragungen ihrer Parlamentsdebatten sähe, bietet es zu viel Theater und zu wenig politisches Tagesgeschäft.
Dass Eliten die Nase rümpfen über das, was die Masse konsumiert, ist nichts Neues.Seltsam ist aber, dass die Talkshow selbst bei ihren Zuschauern in keinem guten Ruf steht. Zwar schalten bei „Maischberger“ oder „Hart aber fair“ regelmäßig mehrere Millionen Menschen ein, doch wie Umfragen, Leserzuschriften und Kommentarspalten belegen, hält sich die Freude beim Zuschauen meist in Grenzen. Sich gemeinsam über die missratene Debatte aufzuregen, gehört zum Fernseherlebnis fast schon dazu.
Talkshows sind die perfekte Synthese aus Information und Gespräch
Das Paradox eines zugleich unglaublich populären und unglaublich unbeliebten Formats lässt sich kaum auf das Können einzelner Moderatoren zurückführen, es muss etwas mit der Funktion zu tun haben, die die Talkshow in der demokratischen Öffentlichkeit insgesamt einnimmt. Man kommt ihr am ehesten auf die Schliche, wenn man das Fernsehgespräch mit zwei anderen Wegen kontrastiert, auf denen die Bürger üblicherweise mit dem Handeln ihrer Volksvertreter in Kontakt kommen.
Auf der einen Seite steht die Nachrichtensendung, die das präsentiert, was in der Politik passiert: Regierungsbeschlüsse, Forderungen, Reaktionen auf Ereignisse. Der Bericht steht im Präteritum. Die Politiker, über deren Tun berichtet wird, sind nicht selbst zugegen – so sehr man auch versucht, sie mit Bild und Ton einzufangen. Wenn es überhaupt kontrovers zugeht, dann nur in der Form aneinandergereihter Parteienstatements. Der Gegenstand der Berichterstattung wiederum wird möglichst sachlich geschildert: Wer tut unter welchen Umständen was, wo und wie? Nicht selten verblasst die Brisanz der Sache, der politische Kern der Auseinandersetzungen vor dieser Fülle technischer Details.
Ganz anders das direkte persönliche Gespräch: Der von Gesicht zu Gesicht stattfindende Austausch, das bestätigen soziologische Studien, ist sowohl quantitativ als auch qualitativ immer noch einer der wichtigsten Kanäle für die politische Meinungsbildung. Hier sind politische Fragen in die kräftigen Farben persönlicher Betroffenheit getaucht; man streitet sich, man regt sich auf. Das Urteil wird im Präsens gefällt; was in der „Tagesschau“ abstrakt klang, ist hier körperlich präsent, eindeutig, bedeutsam – wenn auch um den Preis, dass das, was am Stammtisch diskutiert wird, mit dem, was am Kabinettstisch liegt, meist nicht mehr viel zu tun hat.
Synchron, körperlich, konfrontativ und massenwirksam
Die Talkshow ist die perfekte Synthese dieser beiden Formen: Sie kombiniert die Nähe zum politischen System einer Nachrichtensendung mit der Kontroversität, Persönlichkeit, Unmittelbarkeit einer privaten Diskussion. Es geht um jene Regierungsbeschlüsse und Gesetzespakete, über die auch die Acht-Uhr-Nachrichten informieren, aber in der Form der Auseinandersetzung wirklich anwesender, sich streitender Gäste. Statements werden mit allen möglichen Einwänden konfrontiert; der Bürger blickt in angestrengte, erheiterte, verschämte, entgleitende Gesichtszüge – manchmal live, jedenfalls gleichzeitig mit vielen anderen Zuschauern.

Diese Kombination – synchron, körperlich, konfrontativ, massenwirksam – leistet kaum ein anderes Format. Auch die digitalen Öffentlichkeiten können aufgrund ihrer Fragmentierung kaum ersetzen, was es bedeutet, gleichzeitig mit Millionen anderen zu sehen, wie ein Politiker schwitzt, zögert, ausweicht oder einen Treffer landet. So boulevardesk „Miosga“ oder „Lanz“ mitunter daherkommen, sie erinnern an die Urbedeutung des Politischen: die leiblich präsente Rede und Gegenrede. Ein guter Teil der Popularität der Talkshow verdankt sich wahrscheinlich dieser Nähe zur antiken Agora.
Dass Talkshows schwer zu ersetzen sind, dafür sprechen auch die seit Jahren stabilen Quoten, die in einem Medium erzielt werden, dessen Untergang schon vor langer Zeit vorhergesagt wurde. Zwischen 1,5 und 3,5 Millionen Menschen schalten regelmäßig ein – und das, obwohl inzwischen Podcasts und Social Media um dieselbe Aufmerksamkeit buhlen. Während der Pandemie schnellten die Zahlen zeitweise auf mehr als fünf Millionen hoch. Offenbar steigt das Bedürfnis nach synchroner politischer Öffentlichkeit in Momenten der Krise.Selbst die oft als Alternative genannte Plenardebatte im Bundestag ist kaum ein funktionales Äquivalent für das Fernsehgespräch, so sehr man es sich auch wünschen mag: Zu voraussetzungsreich, zu streng an die parlamentarischen Prozeduren sind dort die Reden gebunden, um – jenseits weniger Sternstunden – die Lebendigkeit der Talkshow zu ersetzen.
Thema, Gäste, Argumente: So gut wie alles ist vorherbestimmt
Genau dieser scheinbare Unmittelbarkeitscharakter ist es aber auch, der den Unmut über das Talkshowgerede erklärt. Das fängt schon beim Aufbau der Sendung an: Von der Gästeauswahl bis zum Diskussionsverlauf ist das meiste vorherbestimmt. Die eingeladenen Personen werden oft aus einem schmalen Pool bereits bekannter, fernseherprobter Gesichter rekrutiert – die Redaktionen ahnen, mit welcher Position jemand auftreten wird. Bei den wenigen, die ganz neu dazukommen, finden ausgiebige Vorgespräche statt, um die Haltung zu den in der Sendung behandelten Themen abzuklopfen.

Die Sendungen selbst legen die Sprecher meist auf eine bestimmte Rolle fest, an die der Zuschauer mittels Bauchbinden immer wieder erinnert wird: der Experte, der Provokateur, der Betroffene. Letzterer soll etwa die Kluft zwischen professioneller Politik und „normalem Bürger“ überbrücken. Auch mit dieser populistischen Spannung spielt das Format gerne – sie war etwa eine der Spezialitäten von „Hart aber fair“, als Frank Plasberg noch am Ruder war. „Die Besetzung einer Panel-Talkshow“, so fasste Friedrich Küppersbusch vor einigen Jahren das Rollenspiel zusammen, „erfolgt nach den Grundregeln des Kasperletheaters: Du brauchst Hänsel, du brauchst Gretel, den Zauberer und das böse Krokodil.“
Auch der Diskussionsverlauf ist geplant: Welche Frage wann an wen gerichtet wird, wer darauf wie reagiert, bei wem danach skeptisch nachgehakt wird – all das bereiten die Moderatoren mit ihren Redaktionen penibel vor. Und natürlich gehen auch die Gäste selbst – allen voran Politiker – nicht in eine Talkrunde, bei der potentiell Millionen von Wählern zuschauen, ohne eigene Ziele zu verfolgen: Man informiert sich über seine Diskussionspartner, über die geplanten Themen, bereitet Pointen vor, mit denen man dem Publikum im Gedächtnis bleiben will.
Die Hassliebe des Publikums wird fortbestehen
Der ehemalige Talkshow-Dauergast Sascha Lobo bekundete einmal, er komme in keine Sendung, ohne sich vorher „Punchlines“ zurechtzulegen. Solche Kurzstatements zielen auf die Zweitrundeneffekte in Sachen Aufmerksamkeit: Erwähnungen in den nachfolgenden Rezensionen und Videoclips, die auf den sozialen Netzwerken viral gehen. Die sogenannte Diskussion dient allen Beteiligten in erster Linie als Resonanzraum für die eigenen Botschaften. Die angebliche Spontaneität ist eine Inszenierung.
All dies bewirkt, dass die Lebendigkeit, die den Reiz der Talkshow ausmacht, zugleich immer wieder zu Enttäuschungen führt: Man will mit eigenen Augen sehen, wie Friedrich Merz oder Lars Klingbeil reagieren, wenn sie etwa mit steigenden Arbeitslosenzahlen konfrontiert werden, erfährt aber eigentlich nur, was man schon vorher wusste oder zumindest geahnt hatte. Nur wenige Sendungen schaffen es, dieses Karussell zu durchbrechen. Etwa wenn Caren Miosga sich ausnahmsweise nur einem Gast widmet und ihm Raum zur Entfaltung eines Gedankens lässt oder wenn Markus Lanz mit einer einzigen Frage seinen Gesprächspartner aus seiner Plattitüdenwolke reißt. Im Regelfall dominiert das Erwartbare, schon Dagewesene.
Auch die Politik wird ja nicht in Talkshows gemacht, sondern in Parteigremien, Parlamentsausschüssen und Ministerialbüros. Das öffentliche Diskutieren ist die PR-Oberfläche dieser Maschinerie. Es wäre eine Illusion, zu glauben, der Meinungsaustausch in den Fernsehstudios könnte die Komplexität dieses Geschehens in irgendeiner Weise abbilden oder gar gewinnbringend vorantreiben. Solange aber kein besserer Ort gefunden ist, einem Millionenpublikum Politisches in Form der lebendigen Rede zu präsentieren, werden die Talkshow und die Hassliebe zu ihr wohl fortleben.
Source: faz.net