Einsparpotential: Was Osteuropas neues Interesse am Euro bedeutet

Die Europäische Zentralbank (EZB) will die internationale Rolle des Euros stärken. Dafür öffnet sie ihre Kreditlinien mehr Notenbanken als bisher. Politischen Auftrieb hatte der Euro, der seit Januar mit dem Beitritt Bulgariens in 21 der 27 EU-Staaten gesetzliches Zahlungsmittel ist, allerdings schon vor der EZB-Ankündigung erfahren.
In Ungarn sprach sich Oppositionsführer Péter Magyar am Wochenende für eine Prüfung der Euroeinführung aus. Laut Umfragen hat Magyar Chancen, Ministerpräsident und EU- sowie Euroskeptiker Viktor Orbán bei den Wahlen Mitte April abzulösen. In Rumänien riet Staatspräsident Nicușor Dan zum Euro. Der sei vorteilhaft für das Land.
In beiden Fällen ist das Zukunftsmusik. Beide weisen Haushaltsdefizite aus, die das Defizitkriterium von drei Prozent weit übertreffen. Doch genau darin könnte ein Motiv für das öffentlich erwachte Interesse an der Gemeinschaftswährung liegen, die mehr als 350 Millionen EU-Bürger jeden Tag nutzen: Staaten und Wirtschaft könnten sich als Euromitglieder viel günstiger verschulden und viele Milliarden Euro Zinsen sparen.
Niedrigere Zinsen im Euroraum bieten großes Einsparpotential
Finanzanalystin Eszter Gárgyán von Unicredit hat Ratings und Renditen für Staatsanleihen verglichen. Ihr Befund: Die Länder Ostmitteleuropas, die den Euro haben, genießen deutlich geringere Kosten für die Finanzierung ihrer Staatsschulden im Vergleich zu EU-Staaten außerhalb der Währungsunion.
Auf die hypothetische Frage, wie hoch die potentiellen Einsparungen im Jahre 2025 ausgefallen wären, hätten Ungarn und Rumänien bereits lange den Euro eingeführt, antwortet Gárgyán: Die Differenz zwischen dem durchschnittlichen Zinssatz auf Fiskalschulden und den aktuellen Eurozonen-Benchmark-Pendants deute darauf hin, dass die fiskalischen Einsparungen Rumäniens etwa ein Prozent des Bruttoinlandproduktes betragen hätten. In Ungarn wäre der Effekt mit 1,7 Prozent des BIP noch größer ausgefallen.
Auch Unternehmen könnten profitieren
Da der tatsächliche Schuldenstand in dem Szenario wegen der geringen Zinskosten wahrscheinlich ebenfalls geringer wäre, „könnten die tatsächlichen Einsparungen bei den staatlichen Zinsausgaben 2025 noch höher ausfallen“, sagt Gárgyán. Beide Länder verzeichnen eine schwache Wirtschaftsentwicklung, hohe Leitzinsen, Haushaltsdefizite von mehr als fünf Prozent und insbesondere Rumänien eine hohe und hartnäckige Inflation von knapp zehn Prozent.
Fritz Mostböck, Chefvolkswirt der Wiener Erste Group, verweist auf die EU-Kommission, die für 2025 durchschnittliche Zinskosten für ausstehende Staatsschulden von Nicht-Euro-Ländern auf etwa sechs Prozent prognostiziert hatte, während die Zinskosten der zum Euroraum gehörenden Länder Ostmitteleuropas bei etwa drei Prozent oder darunter lagen. Wichtig sei auch, dass Einsparungen nicht nur auf Regierungen beschränkt wären, sondern auch die Unternehmen in den jeweiligen Staaten von niedrigeren Kreditkosten in Euro profitieren würden.
Der Vorteil besteht nicht erst, sobald der Euro eingeführt wurde, sondern tritt schon während des Jahre andauernden Anpassungsprozesses ein. Jüngste Erfahrungen aus Bulgarien und Kroatien bestätigten, dass die Annäherung an das Niveau der Eurozone schon in der Vorbereitungsphase beginne, sagt Gárgyán.
In Polen und Tschechien ist der Widerstand gegen den Euro groß
Aktuell gehören sechs EU-Staaten nicht zur Eurozone: Schweden, Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und Rumänien sowie Dänemark, das ausgehandelt hat, der Eurozone fernbleiben zu dürfen. Alle anderen müssen den Euro einführen, wobei allerdings offen ist, wann.
Vor allem in Polen und der Tschechischen Republik sind die Widerstände dagegen groß, auch wenn die Wirtschaft dieser Länder sehr eng mit dem Euroraum verflochten ist. Vor allem Polen mit seinem mehr als sechs Prozent betragenden Haushaltsdefizit würde von niedrigeren Zinslasten profitieren würde.
Die Vorteile einer eigenständigen Geldpolitik zieht Mostböck in Zweifel: Jüngste Erfahrungen zeigten, „dass selbst Länder mit souveräner Geldpolitik Schwierigkeiten hatten, effizient auf globale Wirtschafts- und Preisschocks zu reagieren und diese auszugleichen“. Nicht zuletzt zeige der jüngste Trend etwa bei tschechischen Unternehmen, dass eine souveräne Geldpolitik relativ an Bedeutung verliere. So sei etwa die Hälfte der tschechischen Unternehmensschulden bereits in Euro denominiert, für die die EZB die Referenzzinssätze festlege.
Opposition in Ungarn will Euro-Einführung prüfen
Solche Argumente sind es, die die Opposition in Ungarn für den Euro ins Feld führt. Sie kann sich dabei auf Umfragen stützen, wonach drei von vier Ungarn den Forint durch den Euro ablösen wollen, wenn nicht sofort, dann zu einem klar definierten Zeitpunkt. Orbán lehnt den Euro ab. Mal sagte er, der Euro sei nur für starke Volkswirtschaften verträglich, mal warnte er davor, sich an die Währung einer Union (der EU) zu binden, die auseinanderfalle.
In Rumänien verwies Ministerpräsident Ilie Bolojan darauf, dass ein Beitritt wegen der Wirtschaftslage kurzfristig kein Thema sei. Wohl aber könne das bei den Wahlen 2028 ein Thema werden – so wie es vor dem Beitritt zur NATO 2004 und zur EU 2007 geschehen sei. In Rumänien sind knapp zwei Drittel der Befragten für einen Eurobeitritt.
Erste-Group-Chefvolkswirt Mostböck weist noch auf einen anderen Eurokandidaten hin, auch wenn der noch gar nicht zur EU gehört: Montenegro. Die EU-Kommission stellt dem Adriaanrainer einen EU-Beitritt bis 2030 in Aussicht. Wer zwischen 2030 und 2032 in den Euro wolle, der müsste wegen des langen Verfahrens noch in diesem Jahr den Beitrittsprozess beantragen. Kontroverse Debatten wie zuletzt in Bulgarien über die Folgen der Aufgabe der heimischen Währung würde es in Montenegro nicht geben. Das Land hat den Euro bereits eingeführt – einseitig.
Source: faz.net