Unicredit-Managerin: Bankerin mit klarem Kompass

Ein Menschenauflauf wie im Kongresszentrum in Davos. An diesem Tag im Januar treffen sich in einem Frankfurter Hotel Hunderte von Kunden und Investoren zu einer Kapitalmarktkonferenz der italienischen Großbank Unicredit. Sehr viele Menschen, sehr viel Stimmengewirr. Hier wie da geht es in den Gesprächen um Donald Trump und die Perspektiven auf Politik und Wirtschaft. Doch anders als zeitgleich in den Schweizer Bergen, wo gespannt und mit viel Sorge auf die weitere geopolitische Lage geblickt wird, ist in der fünften Etage dieses Frankfurter Großhotels fast positive Stimmung zu vernehmen. Geschäftiger Austausch statt Weltuntergang.

In genau dieser Stimmung ist auch Marion Bayer-Schiller. Zig Kunden- und Investorengespräche hat die Neunundvierzigjährige am dritten Tag der Unicredit-Konferenz schon hinter sich, einige noch vor sich. Kaffee? „Ich hatte heute schon ausreichend davon.“ Es ist gerade einmal neun Uhr. Dieser Gesprächstermin wirkt fast wie eine Verschnaufpause. Wie viele Sorgen gibt es in den Unternehmen zu Beginn des Jahres 2026? „Es gibt einen sehr viel positiveren Spirit als vor einem Jahr“, sagt Bayer-Schiller. „Damals gab es noch keine neue Regierung, alle waren in der Warteschleife vor der Bundestagswahl 2025. Nur Absicherungsgeschäfte liefen richtig gut.“ Und heute? „Das erlebe ich heute anders.“ Die Welt ist doch nicht anders geworden. „Viele Unternehmen haben mittlerweile die Volatilität angenommen, Unsicherheit wird proaktiv gemanagt, und sie bauen ihre Organisation robuster auf.“ Es sei sicher keine Lösung, in Stillstand zu verharren. Damit gebe es langfristig nichts zu gewinnen.

Als Trainee gestartet

Vorstände seien heute wieder entscheidungsfreudiger, obwohl die Rahmenbedingungen komplexer geworden seien. „Jeder stellt sich die Frage, wo die Marktposition des eigenen Unternehmens ist und was nun zu tun ist.“ Zum Zeitpunkt des Gesprächs hatte der US-Präsident als Strafe für den Grönland-Widerstand gerade wieder neue Zölle angekündigt, wenige Stunden später war diese Nachricht schon wieder obsolet. Das ist inzwischen Alltag für die Exportnation Deutschland geworden. So beschreibt es auch Bayer-Schiller, welche die aktuelle Haltung der USA als Gelegenheit sieht, die europäische Souveränität weiter zu stärken.

Seit gut eineinhalb Jahren ist Bayer-Schiller jetzt für den Kundenkreis der „Large Corporates“, der großen Unternehmen, zuständig. 2024 wurde sie mit dieser Verantwortung Mitglied der Geschäftsführung der Unicredit Bank, die in Deutschland als GmbH firmiert. Das Mittelstandsgeschäft führt ihr Kollege Martin Brinckmann. Seit eineinhalb Jahren sitzt sie damit in der Topmanagement-Etage der Bank, in der sie schon seit mehr als 20 Jahren tätig ist.

Die studierte Betriebswirtin startete ihre Karriere im Jahr 2000 als Trainee bei der Bayerischen Landesbank, blieb dort bis 2005. Wie arbeitet es sich in dieser Spitzenposition, wenn man doch einst in der Breite der Belegschaft tätig war. „Die letzten Monate hatten eine steile Lernkurve“, sagt sie. Natürlich sei man nicht mehr in die täglichen Gespräche in der Kantine involviert. Bayer-Schiller weiß daher umso mehr um den Wert des Netzwerkens. Auch in den sozialen Medien, wo sie auf Portalen wie Linkedin meinungsstark unterwegs ist. Sie postet zu Business, aber auch zu Privatem, etwa zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das ist ihr wichtig, weil die berufstätige Bayerin eben nicht nur für das Geschäft mit großen Unternehmen, sondern auch, gemeinsam mit ihrem Mann, für die Erziehung ihres Kindes verantwortlich ist. Das ist – wie für viele Frauen – ein Spagat. Ihr Job mache ihr Spaß; sie mag es, am Puls der Zeit zu sein, Geschäft aktiv mitzugestalten. Qua Amt ist sie dadurch mit sehr viel mehr Macht ausgestattet als in früheren Positionen.

Macht kommt von machen

Wie sie das findet? Bayer-Schiller wirkt fast befremdet von dieser Frage. „Macht kommt von machen – gestalten können“, antwortet sie auf die Frage, ob sie diese Macht genieße. Klar in der Ansage, strukturiert in der Aussage, wer mit Bayer-Schiller spricht, spürt ihren Willen zur Gestaltung. „Es hatte für mich immer auch den besonderen Kick, tatsächlich etwas bewegen zu können.“

Das gelänge vielleicht noch besser, wenn die deutsche Tochtergesellschaft der Unicredit mit der Commerzbank zusammenginge und so Größenvorteile genutzt werden könnten. „Europa braucht starke europäische Banken“, sagt sie. Ihr CEO, Andrea Orcel, habe die wirtschaftliche Logik erklärt und alles dazu gesagt, was es dazu zu sagen gebe. Tatsächlich ist es derzeit ruhig um dieses Thema geworden. Der Aktienkurs der Commerzbank hat sich seit dem Einstieg im Herbst 2024 mehr als verdreifacht.

Zur Commerzbank alles gesagt

Bayer-Schiller hat keine große Ambition, weiter über diese Themen zu sprechen. Was nicht in ihren Händen liegt, kann sie auch nicht umsetzen. Lieber spricht sie über die Chancen und vor allem die Effizienz, die sich aus der Künstlichen Intelligenz fürs Banking ergeben. Wie sich Zeit sparen und für den Kunden gewinnen lässt und relevante Daten leichter aus umfangreichen Datensätzen extrahieren lassen. All dies könnte Bankerinnen wie sie bald überflüssig machen. Das sieht sie anders. Banking brauche den menschlichen Kontakt – vor allem in gewachsenen Kundenbeziehungen und in Wachstums- und Krisenzeiten gleichermaßen.

Dann muss sie weiter zum nächsten Termin. Ein Gespräch mit der Finanzchefin eines Unternehmens steht an. Ein Austausch, den sie besonders schätzt, weil diese Gespräche präzise, klar und entscheidungsorientiert geführt werden.