Robert Misik: „Milo Raus Prozess gegen Deutschland ist Kunst. Am Ende war die Gesamtheit perfekt“

Mein Freund und Partner in Crime, der Regisseur Milo Rau schrieb einmal irgendwo in einem Text zu seinen Bühnenarbeiten: „Als einzige Triggerwarnung schlage ich deshalb vor: Das ist Kunst, es wird verwirrend.“ Im Fundus von Raus formalen Registern sticht seit Jahren das „Prozess“-Format heraus – von den „Moskauer Prozessen“ zum „Kongo-Tribunal“, von den „Zürcher Prozessen“ bis zu den drei „Wiener Prozessen“ und zwei „Wiener Kongressen“.

Und zuletzt also der „Prozess gegen Deutschland“ im Rahmen der Hamburger Lessingtage. In sieben dieser Produktionen war ich als Ankläger oder Dramaturg beteiligt, zuletzt auch federführend bei der Hamburger Produktion (mit meiner Kollegin Mia Massmann).

Raus-Prozess-Szenarien sind real-dokumentarische Theaterproduktionen, Kunst und Wirklichkeit kollabieren ineinander, ohne aufzuhören, sowohl Kunst als auch Wirklichkeit zu sein. Als soziale Plastiken stellen sie zentrale Streitfragen unserer Zeit auf die Bühne, sie werden antagonistisch, aber auch in der gesitteten Ordnung der Prozessregeln verhandelt. Es gibt eine Anklage, eine Verteidigung, und die Aura der Würdigkeit wird von einer vorsitzenden Richterin verkörpert, deren Ausstrahlung der Unternehmung ihr Gepräge gibt.

In der Hamburger Produktion hat diese Aufgabe die ehemalige Justizministerin und Rechts-Legende Herta Däubler-Gmelin übernommen, über die Theater der Zeit danach völlig richtig schrieb, sie sei die „leise Heldin dieser Lessingtage“, gewesen, die „mit ihrer feinen, souveränen Art allen Demokratiefeinden trotzt“. Vor dieser spektakulären Leistung möchte ich mich extra verneigen.

Wir haben uns der Gefahr ausgesetzt, dass das Ganze entgleist

Es ist die Natur des Formats, dass Menschen unterschiedlicher Haltungen, Leute, die eine Expertise vertreten, Personen, die ihre Erfahrung repräsentieren, politische Antipoden usw. auftreten, und dabei sowohl reale Individuen sind als auch Repräsentanten eines Typus. Es waren kluge Köpfe, sympathische Figuren, wüste Kampfredner und auch ein paar herrliche Gestalten dabei.

Diese Vielgesichtigkeit gebietet nicht nur die Versuchsanordnung, sondern auch die Fairness, wie sie auch in echten Gerichtsverhandlungen zu achten ist. Der Möglichkeits- und Erfahrungsraum, den eine solche soziale Plastik aufstößt, ist dann einer, bei dem man im Vorhinein nicht weiß, was geschieht. Er ist im allerweitesten Sinne des Wortes „riskant“. Man setzt sich aus: Haltungen, die man ablehnt oder verabscheut; Einsichten, die womöglich auch irritieren; sogar der Gefahr, dass das Ganze entgleist. Andererseits kann gar nichts entgleisen, da alles, was geschieht, zugleich ein Dokument ist, also etwas zeigt – und zwar im theatralen Raum. Kurzum: Es ist Kunst, es ist verwirrend.

Kleine Anmerkung: In der Epoche des Shitstorms, in der auch im Kunstfeld eine dominante Emotion das Gefühl der Angst ist – also die Angst, etwas falsch zu machen, die Angst, von der eigenen Bubble niedergemacht zu werden –, und sich die Vorsicht in alle Ritzen schleicht, ist das selbst beinahe eine Tugend. Denn die Vorsicht ist der Feind der Kunst und die Mutter der Langeweile.

Es geht nicht um den Skandal. Er findet uns bloß gelegentlich

Entgegen vorschneller Urteile geht es dabei nie um Provokation, schon gar nicht um den Skandal (er wird nicht gesucht, er findet uns bloß gelegentlich), sondern darum, Grenzgänge zu wagen, sich auch dem Krassen auszusetzen, und bis zu einem gewissen Grad die Kontrolle zu verlieren (vom „Ende des Safe Space“ sprach ein Rezensent auf das gesamte Festival gemünzt). Und auch darum, dass das Stück die Bühne verlässt: Dass es Kontroversen auslöst über die Kunstwelt hinaus.

„Und plötzlich diskutiert das ganze Land“, titelte der Rezensent der Hamburger Zeit. Was will man mehr als Dramaturg? Übrigens habe ich mit dieser Resonanz weder gerechnet, noch es auf sie extra angelegt. Wann gab es denn so etwas zuletzt? Wahrscheinlich bei Schlingensiefs Wiener Ausländer-Raus-Container, und das ist mehr als ein Vierteljahrhundert her.

Und weiter in dieser Rezension: „Das Experiment glückt, weil sich hier politische Feinde im betreuten Streiten üben können, weil das Publikum zwischen den Verhandlungen vor dem Theater ins leidenschaftliche Diskutieren kommt.“ Alles ist Dokumentation, wie auch die FAZ hervorhebt, deren Autorin bemerkt, dass zu sehen ist, „wie die unterschiedlichen Teilnehmer mit der Situation umgehen, aufeinander reagieren“. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die Augenblicke, die etwas zeigen.

Was geschah nun in der Sache? Die Anklage machte deutlich, dass die Hürden für ein Parteiverbot der AfD erfüllt sind – Hürden, die von Grundgesetz und Bundesverfassungsgericht mit gutem Recht hochgesetzt sind. Diese „Alternative für Deutschland“ ist nicht nur eine Partei, deren Propaganda übel ist, sondern eben gegen zentrale Normen des Grundgesetzes verstößt. Sie verstößt gegen die Menschenwürdegarantie und das Demokratieprinzip des Grundgesetzes, und sie macht das nicht mit einer Wortmeldung da, einem skandalösen Posting dort – sondern fortgesetzt, stakkatoartig, durch ein sich zunehmend überbietendes Getrommel.

Die Verteidigung beschönigte nicht die Agitation der AfD

Die AfD hängt einem ethnischen Volksverständnis an, Migranten und Migrantinnen werden unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit generalisierend und fortwährend verunglimpft. Sie verstößt gegen das Demokratieprinzip, indem sie nicht nur Missstände angreift, sondern generell die Einrichtungen und Institutionen des Staates delegitimiert und die demokratischen Konkurrenzparteien allesamt als „Systemparteien“ diffamiert.

Sie betreibt mit ihrer Geschichtspolitik und dem fortwährenden Gebrauch von Begriffen wie „Schuldkult“ nicht nur eine normalisierende Verharmlosung der NS-Geschichte (was übel, aber im Rahmen des Erlaubten wäre), sondern eine Diskreditierung der demokratischen Nachkriegsgeschichte. Und ihre Rhetorik stachelt zu Gewalt an.

Die Verteidigung wiederum beschönigte nicht die Sprache und Agitation der AfD, verdeutlichte aber, dass die hohen Hürden für die Notwehr- und Ausnahmemaßnahme des Parteienverbots bei weitem nicht übersprungen werden; dass verfassungsfeindliche Positionen in der Partei zwar vorhanden, aber nicht für die Gesamtpartei bestimmend seien und sie sich in der Gesamtschau daher im Spektrum der Links-Rechts-Geographie eines pluralistischen Parteiensystems bewegt, das selbst konstituierend für die liberal-demokratische Grundordnung ist.

Kurzum: Sie untergräbt nicht das Grundgesetz, sie ist von diesem vielmehr geschützt. Beide Positionen kann man letztendlich plausibel begründen, auch wenn ich persönlich die Position der Anklage für plausibler halte.

Der Zauber dieser Formate ist fast immer, was mit den Menschen im Laufe der Zeit geschieht. Nicht nur die Zuseher setzen sich über 15 Stunden einem Für und Wider aus, sondern auch die Jury aus sieben „Geschworenen“ – Menschen aus allen Schichten und Teilen der Hamburger Stadtgesellschaft in diesem Fall. Sie sind gezwungen, sich die Argumente aller Seiten anzuhören, viele Perspektivenwechsel zuzulassen, nehmen womöglich von ihren eigenen „Meinungen“ Abstand und unterwerfen sich dem Pathos von Recht und Rechtsstaat, wollen nicht aus Emotionen, sondern auf Basis von Gesetzen entscheiden, und bedenken mit hohem Ernst nichtintendierte Nebenfolgen ihrer Entscheidung:

Kurzum, fast immer sind die Entscheidungen von einer beeindruckenden Klugheit. Und für sich schon ein Dokument der Weisheit ganz normaler Leute.

Was ist am Ende also geschehen?

Selbstverständlich geschehen bei einem so radikal offenen Kunstwerk, das vom herbeigeführten Kontrollverlust lebt, immer wieder auch „Fehler“, also Dinge, die der Dramaturg nicht geplant hat. Aber das liegt in der Natur des riskanten Formates.

Was ist am Ende also geschehen?

Erstens: Die Geschworenen haben, unter Abwägung aller Für und Wider, nach dem Gehör aller Seiten entschieden: Die AfD ist eine verfassungsfeindliche Partei. Und zwar, weil sie gegen die Menschenwürdegarantie und das Demokratieprinzip des Grundgesetzes fortwährend verstößt. Die Entscheidung für ein sofortiges Parteiverbot lehnten sie ab, auch, weil sie eben keine Verfassungsrichter sind, aber sie unterstrichen mit klarer Mehrheit die zwingende Notwendigkeit, ein solches Verbot von den zuständigen Stellen prüfen zu lassen. Sie erklärten, dass die AfD mit ihrer Sprache zu Gewalt anstachelt. Sie lehnten aber zugleich ab, die Meinungsäußerungsfreiheit einzelner Personen und Parteifunktionäre über die heute bestehenden Gesetze hinaus einzuschränken.

„Wir sind liberal, aber nicht doof“

Zweitens: Die AfD und deren Mandatare, die andauernd beklagen, sie würden ausgegrenzt und nicht am gesellschaftlichen Gespräch beteiligt, haben durch die Bank die Einladung zur Teilnahme ausgeschlagen (einige allerdings mit Hinweis auf nachvollziehbare Terminprobleme). Leuten, die sich dauernd als patriotische Helden großtun oder, umgekehrt, jammern, dass man sie nicht einbezieht, fehlt dann am Ende der Mut, sich in der gesitteten Atmosphäre eines bürgerlichen Stadttheaters kritischen Fragen auszusetzen. Auch das ist ein „Dokument“ dieser fiktional-realen dokumentarischen Inszenierung. Wir hätten sie gerne dabeigehabt. Aber ihnen fehlte der Mumm. Um nicht in milieutypischer Sprache zu sagen: die Eier.

Dabei sind wir höflich zu unseren Gästen, wenngleich klar in der Haltung. Wie sagte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda so schön bei der Eröffnung: „Wir sind liberal, aber nicht doof“.

Drittens: Rundherum gibt es die herrlichsten Debatten, die kreuz und quer gehen. Jene aus dem (ultra-)rechten Milieu, die teilgenommen haben, werden von der Neuen Rechten für ihre Teilhabe angegriffen, genauso wie kleine Teile der linken Internet-Bubble die kritischen Wissenschaftler angriffen, die teilnahmen. Das Theater findet in heftigen Diskussionen seine Fortsetzung, ein paar Fronten laufen skurril verkehrt, und alles, was geschieht, ist Teil der dokumentarischen sozialen Plastik, ohne dass irgendwer dabei Regie führt.

Viertens: Das ganze Land diskutiert nicht nur über eine Theaterproduktion. Sondern insbesondere auch über das Verbot der AfD. Das ist es, was wir wollten.

Kurzum: Es war ein wilder Ritt, aber am Ende war alles perfekt. Es ist Kunst. Es war verwirrend.