Abwasser im Potomac: In Washington stinkt es zum Himmel

Ein Rohr mit 1,82 Meter Durchmesser, das Abwasser aus dem Raum des Dulles-Flughafens zu einer Kläranlage transportieren sollte, ist nordwestlich von Washington gebrochen. In der Folge flossen Schätzungen zufolge 750 Millionen bis 1 Milliarde Liter fäkalienhaltiger Brühe in den Potomac. Der Rohrbruch liegt knapp einen Monat zurück – doch die Behörden können offenbar bis heute nicht vollständig verhindern, dass weiter Abwasser in den Fluss gelangt. „Es ist schlimm“, sagt ein Wasserfachmann, der seit Jahren ein Projekt zur Reinigung eines Potomac-Zuflusses betreibt.
Angesichts der Leckage hat inzwischen der amerikanische Präsident Donald Trump die Geduld verloren. Über sein Sprachrohr Truth Social spricht er von einem massiven ökologischen Desaster, für das demokratische Lokalpolitiker und vor allem Marylands Gouverneur Wes Moore verantwortlich seien. Moore schoss zurück: Der Präsident belüge die Öffentlichkeit; für die Leitung sei die Bundesregierung zuständig, nicht Maryland. Das betroffene Abwasserrohr liege auf Bundesgebiet.
Hohe Konzentration krankheitserregender Keime
Der Chef der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA, Lee Zeldin, sprach von einer Abwasserkrise historischen Ausmaßes. „Keine amerikanische Familie, keine Gemeinde und kein Gewässer sollte jemals ein derartiges Ausmaß an Umweltzerstörung erleben müssen.“ Eine Untersuchung des Potomac Riverkeeper Network (PRKN) und von Forschern der University of Maryland hatte im Potomac hohe Konzentrationen fäkalienbedingter Bakterien und krankheitserregender Keime festgestellt.
Die Flusswächter maßen am 3. Februar E.-coli-Bakterien in einer Konzentration, die das Sicherheitslimit um das 4227-Fache überschritt. Weiter flussabwärts sinken die Werte deutlich, lagen aber weiter über den akzeptierten Grenzwerten. Weil die Messergebnisse deutlich höher waren als bei einer Probenentnahme eine Woche zuvor, vermuten die Umweltschützer, dass es den Behörden nicht gelungen ist, das Rohr vollständig abzudichten.
Auf einer Pressekonferenz sagten die Verantwortlichen, die Reparatur könne sich bis Mitte Mai hinziehen. Die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt ist nach Angaben der zuständigen Stellen nicht gefährdet: Washington bezieht sein Trinkwasser zwar aus dem Potomac, doch es wird weiter flussaufwärts entnommen und über ein separates Leitungssystem zu einer Trinkwasseraufbereitungsanlage am nordwestlichen Stadtrand geführt.
„Inkompetente lokale Führungskräfte“
Präsident Trump erklärte, er habe Bundesbehörden angewiesen, die Reparaturarbeiten nun zu leiten. Er könne nicht zulassen, dass inkompetente lokale Führungskräfte den Fluss in eine „Desasterzone“ verwandelten. Auch die Katastrophenschutzbehörde FEMA solle eingeschaltet werden.
Wie viele von Trumps Ankündigungen tatsächlich umgesetzt werden, ist offen. Zeldin klang kooperativer als sein Chef: „Die EPA steht bereit, ist hoch motiviert und in jeder Hinsicht in der Lage, auf jede mögliche Weise zu helfen, um Präsident Trumps klaren Wunsch zu erfüllen, diese Katastrophe zu beenden.“
Der Potomac soll wieder schwimmbar werden
Die Ursachen der Havarie sind noch unklar. Die zerborstene Leitung war 65 Jahre alt. Nach einer jüngsten Inspektion kam sie auf eine Liste von Renovierungsprojekten, die noch in diesem Jahr angegangen werden sollten.
Wie schwer der Schaden für Gewässer und Umwelt ist, lässt sich derzeit nur begrenzt einschätzen. Untersuchungen laufen, waren aber zuletzt erschwert, weil der Fluss teilweise zugefroren war. Erst mit dem Tauwetter können Messteams wieder in Booten hinausfahren, um Wasserqualität, Sedimente und das Flussleben zu analysieren.
DC Water, der Wasserversorger der Hauptstadt, verfolgt mit einem umfangreichen Investitionsprogramm das Ziel, den Potomac so sauber zu machen, dass die Bürger bis 2030 darin schwimmen können. Ein Vertreter des Unternehmens sagte, dieses Ziel sei trotz der Havarie nicht gefährdet. Zugleich verweisen Umweltschützer auf Fortschritte in den vergangenen Jahren: Tunnel, die bei Starkregen Mischwasser zurückhalten, hätten die Abwassereinleitungen in die Flüsse nach Angaben von DC Water schon drastisch reduziert.
Im Moment warnen die Behörden dennoch ausdrücklich davor, mit dem Flusswasser in Berührung zu kommen. Direkt am Ufer nimmt man einen strengen, leicht chemischen Geruch wahr. Der Potomac wird normalerweise intensiv von Wassersportlern genutzt. Aquil Abdullah, der erste afroamerikanische Ruderer im olympischen Team der USA, hat hier das Rudern gelernt. Auch zahlreiche Angler – viele von ihnen aus Lateinamerika – fischen sonst regelmäßig am Fluss. Flussabwärts befinden sich Muschelzuchtgebiete, die aber nach Angaben der Behörden noch nicht betroffen sind.