Von Elvis solange bis Berlinale: Wie politisch ist die Kunst denn nun?

Eine Elvis-Doku lehrt uns viel über Kunst und Politik, dagegen eignet sich Olympia für Eskapismus – und die Diskussionen um ein Projekt von Milo Rau zeigen, wie Debattenkultur in Deutschland hohldreht

Hallo,

dass Pressekonferenzen von Unterhaltungsstars genutzt werden, um sie zu politischen Statements zu drängen, ist kein neues Phänomen. Im nächste Woche anlaufenden Elvis-Dokumentarfilm, EPiC: Elvis Presley in Concert, für den Baz Luhrmann als Follow-up zu seinem Biopic seltenes Archivmaterial zusammengetragen hat, wird der King of Rock’n’Roll an einer Stelle von einer Reporterin gefragt, ob er „heute“ – die Aufnahme ist vom Ende der 60er Jahre – den Wehrdienst verweigern würde. Er reagiert sehr schüchtern. Das seien zutiefst persönliche Überzeugungen, die er hier lieber nicht preisgeben würde, lautet seine Antwort.

Schnell ist man versucht zu schreiben, dass „so etwas“ heute nicht mehr möglich wäre, aber gerade aus linker Perspektive ist das zu kurz gedacht. Schon zu Elvis’ Zeiten war der Rückzug auf „persönliche Meinungen“, genauso wie der auf die „hehre Kunst“, eher rechts codiert, während es die Linke als Errungenschaft feierte, das Politische überall, gerade auch im Privaten, zu erkennen, zu offenbaren, laut zu machen.

Und trotzdem habe ich angesichts der Debatte um Politik und Kultur, die in diesem Jahr die Berlinale überschattet hat, kein gutes Gefühl. Zum einen aus dem etwas offensichtlichen Grund, dass über dem Ganzen die Filme selbst zu kurz kommen – wie ich es auch in meinem Zwischenbericht für den Freitag beschreibe –, zum anderen darum, weil im Schlagabtausch von Statements und offenen Briefen die Differenzierungen auf der Strecke bleiben. Elvis’ politische Haltung lag eher im konservativen, republikanischen Lager, seine Musik drückte für viele etwas ganz anderes aus – bis heute.

Als echtes eskapistisches Gegengewicht zu alledem eignete sich in diesen Tagen nichts so gut wie die Olympischen Winterspiele mit ihren sich selbst schreibenden Dramen, wie etwa im Eiskunstlauf. Meine Kollegin Maxi Leinkauf fühlte sich inspiriert, zurückzuschauen und von Lieblingsmomenten zu erzählen.

1. Heute wichtig

2. Made My Day

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Aufstieg der Exfluencer: Vielleicht ist es ja reines Wunschdenken, aber seit ein paar Monaten sammle ich gewissermaßen Hinweise und Artikel darauf, dass die Hochphase des Social-Media-Zeitalters mit all seinen Auswüchsen auf Politik und Gesellschaft hinter uns liegt. Wenn Kate Lindsay in ihrem Substack schreibt, dass es mit Social Media 2026 zu Ende gehe – „Your screen time only goes down from here“ –, dann löst das in mir gute Gefühle aus. Sie beschreibt, dass das Konzept des „analog Gehens“ bereits so trendy geworden sei, dass andere genervt darauf reagieren – es muss sich also um ein echtes Phänomen handeln! Wie kann es anders sein, wenn sogar die New York Times für 2026 den „Aufstieg der Exfluencer“ vorhersagte.

Kate Lindsays Substack

3. Kultur-Tipp

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➜ Gut zu hören: Es passt doch wie die Faust aufs Auge – wenn das Auge die Berlinale-Debatte um die Rolle von Politik auf einem Filmfestival ist –, dass mein Lieblings-Podcast zum Thema Film von einem Politologen stammt. Der Brite David Runciman war bis 2024 Professor in Cambridge; das Podcasten hat er schon früher begonnen, aber mittlerweile ist es sein Hauptberuf. Past Present Future nennt er seinen Kanal, in dem er über ein weites Feld von Politik und eben immer wieder auch Literatur und Film spricht. Dem Kino hat er eine eigene Reihe gewidmet, The Great Political Films, und nicht nur die Auswahl der Filme verblüfft, sondern auch seine Art und Weise, darüber zu reden. Es ist etwas ganz anderes als Filmkritik, aber sehr gut anzuhören und voller Anregungen und Erkenntnisse. Und obwohl er die Filme völlig unzeitgemäß komplett „spoilert“, will man alle danach sofort noch mal sehen. Ich empfehle besonders die Folge zu Zero Dark Thirty, die zu The Battle of Algiers, und die zu Claude Lanzmanns Shoah.

Zum Podcast ➜

4. Lese-Empfehlung

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➜ Wenn die Debattenkultur holhdreht: Über Milo Raus Inszenierung Prozess gegen Deutschland am Hamburger Thaliatheater wurde fast heftiger debattiert als über die Berlinale. Unser Autor Axel Brüggemann kommentiert:

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Beginnen wir diesen Text mit einem kleinen Wirklichkeits-Check. Wenn Theater unsere Perspektiven auf die Welt verändern soll, was hat sich dann durch Milo Raus Prozess gegen Deutschland verändert?

Die Antwort ist: Genau gar nichts!

Das Drehbuch seines Theaters folgt lediglich dem bekannten (und alltäglichen) Drehbuch unserer Wirklichkeit: Bild-Mann Martenstein provoziert mit der erwartbaren These, dass nicht die AfD, sondern ihr Verbot undemokratisch sei. Matussek und seine Bande jubeln. Die NZZ reproduziert diesen Quatsch. Der Cicero frohlockt, und die Welt mischt natürlich auch mit! Und, klar, Julian Reichelt beschimpft schon mal das „menschliche Antlitz des Sozialismus“ im Publikum.

Derweil lässt die Linke ihre pawlowschen Hunde von der Leine und schießt aus verrosteten Rohren: „Verharmlosung der Nazis!“, „Falscher Dialog“ und „Martenstein mögen wir sowieso nicht!“ Aber brauchen wir für dieses Theater wirklich das Theater?

Milo Raus Missverständnis über fehlende Debatten

Wenn die Bühne das Denken über unsere Wirklichkeit erweitern soll, ist das hier fulminant in die Hose gegangen. Hamburgs Thalia Theater hat lediglich die ritualisierte deutsche Debatten-Realität auf die Bühne gestellt.

➜ zum ganzen Text

So weit für heute – ich habe noch ein paar letzte Berlinale-Filme vor mir und bin gespannt auf die Preisverleihung am Samstagabend. Sie auch? Einstweilen einen schönen Tag.

Viele Grüße,

Ihre

Barbara Schweizerhof

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