Zivil-militärische Krisenkooperation: Im Kriegsfall wären die Kliniken nachdem zwei Tagen voll

Herr General, wie gut ist der Sanitätsdienst auf einen Krieg vorbereitet?

Qualitativ sind wir sehr gut aufgestellt, quantitativ aber gibt es Nachholbedarf. Ich bin seit 43 Jahren bei der Truppe, in den vergangenen 30 Jahren haben wir in der Qualität des Sanitätsdienstes große Sprünge gemacht, besonders in der Ausbildung. Aber es wurde, wie allgemein in den Streitkräften, zu wenig investiert. Seit der Wiedervereinigung haben wir sechs von elf Bundeswehrkrankenhäusern geschlossen, die Reservelazarettorganisation wurde ganz aufgelöst.

Man hat die Gefahr nicht erkannt?

Es herrschte ein völlig anderes Lagebild. Statt zur Landes- und Bündnisverteidigung war die Bundeswehr nach dem Ende des Kalten Kriegs vor allem mit internationalem Krisenmanagement beauftragt. Selbst zu den Hochzeiten in Afghanistan hatten wir mit viel weniger Verwundeten zu tun. Natürlich ist jeder davon zu viel, aber jetzt müssen wir uns im Kriegsfall darauf einstellen, 1000 Verwundete nach Deutschland zu bringen und zu versorgen – am Tag. Wir haben nur noch 1800 Betten in den Bundeswehrkrankenhäusern, die wären nach nicht einmal zwei Tagen voll.

Was ist zu tun?

Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit dem zivilen Gesundheitswesen. Genau darauf bereiten wir uns im März mit der Übung „Medic Quadriga“ vor. Das ist ein Großmanöver, das so nah wie möglich am Ernstfall angelegt ist. Wir trainieren unsere Leistungsfähigkeit in einem leider sehr realistischen Szenario.

Der Einsatzraum wird die Ostflanke der NATO in Litauen sein, wo die Bundeswehr ja bereits stationiert ist. Dieser Einsatzraum gilt als besonders gefährdet für einen russischen Angriff. Von dort aus testet der Sanitätsdienst die schnelle Verlegefähigkeit, die Rettungskette und die Verteilung und Behandlung der Verwundeten in Deutschland mit zivilen Partnern. „Medic Quadriga“ ist die größte Übung dieser Art, die wir je hatten.

Können Sie Details nennen?

Die Lagebeschreibung ist so, dass in Litauen gekämpft wird und es jeden Tag viele Verwundete gibt. Als Unterstützungsbereich der Bundeswehr müssen wir die Erst­­versorgung vor Ort organisieren, also etwa schwere Blutungen stillen, und dann die Transportfähigkeit sicherstellen. Gemeinsam mit der Luftwaffe trainieren wir die medizinische Evakuierung der Verwundeten von Litauen nach Deutschland. Die simulierte medizinische Versorgung findet auch direkt an Bord der Flugzeuge statt. Das ist alles sehr wirklichkeitsnah: Rund 200 der mehr als 1000 teilnehmenden Soldatinnen und Soldaten werden als Verletztendarsteller eingesetzt, sie werden mit simulierten Verwundungen wie aus einem echten Kampfeinsatz präpariert.

Ralf Hoffmann
Ralf HoffmannPicture Alliance

Wie geht es dann in Deutschland weiter?

In Berlin wird es einen zentralen Ankunftspunkt, einen „Hub“, geben. Dort werden die Verwundeten aus Litauen ausgeladen, gegebenenfalls stabilisiert, noch einmal gesichtet und auf geeignete Kliniken verteilt. Für den zivil-militärischen Austausch richten wir gemeinsame Leitstellen mit den Bundesländern ein. Eingebunden wird das zivile Gesundheitswesen einschließlich der Hilfsorganisationen. Die Verwundetenversorgung muss auf vielen Schultern ruhen.

Wie gut klappt die Kooperation?

Sehr gut. Unser größter Partner ist das Rote Kreuz. Anfang März unterzeichnen wir auch ein Grundsatzabkommen mit den Johannitern und den Maltesern. Da bin ich auch persönlich betroffen, denn ich gehöre dem evangelischen Johanniterorden an, der der Träger der Johanniter-Unfall-Hilfe ist. Die Hilfsorganisationen machen alle einen großartigen Job, sowohl die hauptamtlichen als auch die ehrenamtlichen Kräfte.

Es knirscht nicht mit den Zivilisten?

Militärisch zu führen, ist manchmal einfacher, weil es klare hierarchische Strukturen, weil es Befehl und Gehorsam gibt. Das zivile Gesundheitssystem ist viel komplexer. Aber über die gemeinsame Leitstelle kann ich auf zivile Kräfte zurückgreifen, „tasken“, wie wir das nennen. Das muss ich auch, weil meine Rettungs- und Krankenwagen zum Großteil vorn im Einsatzgebiet sein werden. In diesem Fall könnte sich der Sanitätsdienst als „Tasking Authority“ in der Heimat dann auf Material und Personal abstützen, selbst wenn sie zu zivilen Organisationen gehören. Entscheidend ist, dass klare Zuständigkeiten herrschen. Wenn die fehlen, gibt es lange, heftige Diskussionen. Mit solchen Unsicherheiten kann das System nicht funktionieren. Das wäre wortwörtlich lebensgefährlich für unsere Kameradinnen und Kameraden.

Zu viele Köche verderben den Brei?

Als ich während der Corona-Pandemie im Kanzleramt war, habe ich gesehen, wie nötig klare Zuständigkeiten, eindeutige Entscheidungen und die stringente Durchsetzung sind. Um möglichst effizient zu handeln, braucht man klar benannte Ansprechpartner mit viel Kompetenz, im Bund wie in den Ländern. Wobei der Föderalismus auch Vorteile hat: Wir benötigen die Detailkenntnis der Länder und Kommunen über die regionale medizinische Versorgung.

Was erwarten Sie vom Gesundheitssicherstellungsgesetz, das Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) für den Sommer angekündigt hat?

Es soll die Zuständigkeiten und Verfahren festlegen, um das Gesundheitswesen krisensicher zu machen. Es geht etwa um Lieferketten von Sanitätsmaterial und Medikamenten: Was passiert, wenn in einer Krise der Nachschub aus China stockt? Wollen wir den Aufbau einer eigenen Industrie für solche Produkte fördern und eine Notfallbevorratung anlegen? Auch dafür brauchen wir eine eindeutige Federführung. Hinzu kommt: In einer Phase wie derzeit, nicht mehr Frieden, noch kein Krieg und außerhalb eines Katastrophenfalls, sind viele Dinge ungeregelt. Zum Beispiel, wie man freiwillige Helfer – auch ohne Freigabe ihrer Arbeitgeber – heranziehen kann und wer sie dann bezahlt. Solche Dinge könnten mithilfe des neuen Gesetzes geklärt werden.

Reicht für das Sanitätspersonal der neue Freiwillige Wehrdienst?

Das kann ich noch nicht abschätzen, dafür ist es zu früh. Der neue Freiwillige Wehrdienst ist aber ein guter und wesentlicher Schritt. Wir schauen, wie er läuft, und wenn er nicht reicht, wird man meiner Meinung nach über einen allgemeinen Gesellschaftsdienst nachdenken müssen. Eine Wehrpflicht von null auf hundert zum jetzigen Zeitpunkt hätten wir aber gar nicht stemmen können, es gibt nicht genügend Ausbilderinnen und Ausbilder oder Kasernen.

Wie sehr hilft das Sondervermögen?

Der Sanitätsdienst bekommt davon etwas ab und profitiert auch von den neuen Budgetlinien für die Verteidigung. Endlich sind wir in der Lage, das benötigte Material zu beschaffen, zum Beispiel für geschützte Verwundetentransportfahrzeuge. Durch Drohnen ist die Bedrohung gewachsen, das sehen wir schmerzvoll in der Ukraine. Mit den neuen finanziellen Möglichkeiten können wir genügend Fahrzeuge und Ausstattung zum Schutz der Verwundeten besorgen. Das gilt auch für Rettungszentren und Einsatzlazarette, um unsere Soldaten in Konfliktzonen behandeln zu können. Auch ein personeller Aufwuchs ist möglich. Dafür bin ich dankbar.

Sie sind gläubiger Christ. Wie verträgt sich das mit Ihrem Soldatenberuf?

Das passt zusammen, wie auch die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland zeigt. Als Arzt bin ich ohnehin der Menschlichkeit und dem Helfen verpflichtet, aber auch als Sanitätsoffizier. Meine christliche Ethik gebietet, dass ich Unschuldige gegen Übergriffe schütze und Angreifer abschrecke, notfalls mit der Waffe. Das fünfte Gebot, nicht zu töten, heißt für mich auch, das Töten Unschuldiger zu verhindern.

Oberster Mediziner der Bundeswehr

Die Bundeswehr (Bw) liebt Abkürzungen. Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann ist Befehlshaber des ZSanDst, des Zentralen Sanitätsdienstes. Bis 2024 hieß der Posten InspSan: Inspekteur des Sanitätsdienstes. Beides bezeichnet den höchsten San-Offizier mit 25.000 Untergebenen. Geboren 1964 in Diepholz, trat er 1983 in die Bw ein, studierte Medizin in München und Aachen, später auch Gesundheitsökonomie. Seine Promotion in Bonn handelte von der Malaria in Kundus, wo er stationiert war. Das Zweitgutachten schrieb Christian Drosten, der mit ihm später im Corona-Krisenstab saß. Hoffmann ist verheiratet, hat zwei Kinder und fünf Enkel. Dem breitschultrigen Mann macht niemand etwas vor: Er hat die Kommandoausbildung der Fremdenlegion in Französisch-Guyana durchlaufen.