Deutscher Meister im Drehbuchschreiben

„Is ohne Frühstück. Is auch ohne Diskussion.“ Wer in der DDR aufwuchs, weiß, von wem die Worte stammen. Wolfgang Kohlhaase hat aber auch den Westen mit seinen Filmen geprägt. Jetzt werden seine Geheimnisse verraten.

Billy Wilder. Erich Kästner. Wolfgang Kohlhaase. Das ist die Antwort auf die Frage nach den drei begnadetsten Drehbuchautoren deutscher Sprache. Der eine flüchtete vor den Nazis nach Hollywood. Der andere stand dabei, als die Nazis seine Bücher verbrannten, schrieb unter Pseudonym weiter und ist ein Klassiker der Jugendbuchliteratur und Zeitkritik. Aber dieser Dritte, Kohlhaase, was tut der in dieser illustren Gesellschaft? Und warum ist er der Unbekannteste, obwohl er mehr als ein halbes Jahrhundert Drehbücher geschrieben hat, das beste erst vor ein paar Jahren?

Und welche Art von Büchern? „Wenn ich lese“, hat er einmal ironisch in die Gästerunde einer Münchner Filmpremiere geworfen, „dass ein bayerischer Förster seine Freundin in Paris heiraten will, vorher aber noch schnell auf Bärenjagd nach Alaska fährt und dort auf tragische Weise ums Leben kommt, dann weiß ich, dass ich diesen Film nicht sehen will.“

Man wird unter Kohlhaases 40 Drehbüchern auch keinen solchen Film finden. Komödien sind darunter, wie „Sommer vorm Balkon“. Oder Krimis wie „Der Bruch“. Ein Science-Fiction-Film wie „Der schweigende Stern“. Weltkriegsfilme, wie „Ich war neunzehn“ oder „Der Fall Gleiwitz“. Vor allem aber Gegenwartsfilme, von „Berlin – Ecke Schönhauser“ über „Solo Sunny“ bis „Die Stille nach dem Schuss“.

In den gängigen Filmportalen taucht die Kategorie „Gegenwartsfilme“ nicht auf. Es ist eine Genrebezeichnung, die es im Westen nicht gab. Wohl aber in der DDR. Es waren Filme über die Gesellschaft, wie man darin leben sollte, leben wollte. Kohlhaase war Ostdeutscher, DDR-sozialisiert, vier Jahrzehnte bei der Defa. Und doch, anders als so viele Größen des DDR-Kinos, die nach der Wende aussortiert wurden, blieb Wolfgang Kohlhaase gefragt. Volker Schlöndorff, Philipp Stölzl, Oliver Berben – alle wollten ein Drehbuch von ihm. Manchmal bekamen sie eines.

Eine Schar von Hollywood-Autoren, die darauf warten, dass eines ihrer Bücher verfilmt wird, reist durch die Welt und beglückt sie mit Anleitungen, wie ein „richtiges“ Drehbuch zu schreiben sei. Fast alle „Fieldis“ (nach Syd Field, dem bekanntesten) lehren die Drei-Akt-Struktur, die sie von Aristoteles haben: Ein Film brauche „Aufbau“, „Konfrontation“ und „Auflösung“.

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Volker Schlöndorff beschreibt in Bastienne Voss’ Biografie des Autors, wie Wolfgang Kohlhaase stattdessen vorging: „Zuerst erzählte er eine Geschichte Freunden wieder und wieder, wobei er vor allen Dingen gewisse Pointen im Dialog ausprobierte. Dann schrieb er es in Form einer Novelle nieder, ganz frei und ohne Kameraeinstellungen. Erst wenn der Text funktionierte und poliert war wie ein Kieselstein, begann er das Ganze als Drehbuch zu schreiben.“

Ich war dem historischen Versuch namens DDR verbunden

„Is ohne Frühstück. Is auch ohne Diskussion“, sagt die Titelheldin von „Solo Sunny“ dem Liebhaber einer Nacht am Morgen danach. Lakonischer lässt sich nicht kommunizieren, dass da mehr nicht sein wird. Die Formulierung wurde in der DDR zum geflügelten Wort. „Kohlhaase schrieb so genau, dass jeder Satz, jedes Wort, jedes Komma, jede Pause, jeder Punkt saß. Dialoge, komponiert wie Musikstücke“, charakterisiert Voss seinen Stil: „An Kohlhaases Texten wird nicht rumgefummelt!“

Andreas Dresen, der drei Kohlhaase-Skripte verfilmte, hat seine Schauspieler manchmal improvisieren lassen, auch Sylvester Groth. „Wir haben schnell selber gemerkt, dass das absolut nicht funktioniert“, erzählt Groth. „Nichts passt mehr zusammen in einer nächsten Szene, wenn in der vorherigen nicht genau das, und zwar ganz genau das gesagt wird, was da steht.“ Oder, wie Kohlhaase zu sagen pflegte, wenn er mit am Set war: „Is ’ne gute Idee, die lassen wir mal weg.“

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Kohlhaases Meisterstück war sein letztes Drehbuch, das zur Verfilmung von Eugen Ruges 500-Seiten-Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der sich über die gesamte Existenz der DDR erstreckt. Kohlhaase kondensiert dies an einem einzigen Tag, dem 90. Geburtstag des verdienten Parteifunktionärs Wilhelm Powileit (gespielt von Bruno Ganz), und es steckt alles drin, der Ehrgeiz, die Hoffnung, das Elend des zweiten deutschen Staates, so präzise wie das nur Kohlhaase konnte.

Als die DDR gegründet wurde, war Wolfgang Kohlhaase 18, als sie zusammenbrach, war er 59, und als er Ruges Roman bearbeitete, war er 85; dieses Buch muss auch für ihn ein Moment der persönlichen Bilanz gewesen sein. Nach der Wende wurde er oft gefragt, ob er jemals daran gedacht habe, in den Westen zu gehen, und seine Antwort lautete: „Ich war dem historischen Versuch namens DDR verbunden.“ Er wollte die Hoffnung, dass eine Gesellschaftsordnung, in der Geld nicht alles regelt, die bessere sein könnte, nicht einfach begraben. Der Sozialismus als Utopie hat ihm eingeleuchtet, bis zum Schluss.

Voss blickt an den neuralgischen Punkten dieses Staates in Kohlhaases Leben – meist vergeblich. Zu dem 1956 von der Sowjetarmee blutig niedergeschlagenen Ungarnaufstand ist nichts von ihm überliefert; auch nachdem er Emöke Pöstenyi geheiratet hatte, die ungarische Choreografin des Fernsehballetts, scheint es kein Thema gewesen zu sein. Zum Bau der Mauer 1961 sagte er: „Wenn die DDR dadurch sicherer war, konnte man dann nicht anders miteinander umgehen? Mit mehr Geduld, mit mehr Liebe zur Wahrheit, mit mehr Freundlichkeit.“

Das Gegenteil trat ein, im „Kahlschlagplenum“ der SED, auf dem fast alle Defa-Filme des Jahres 1965 verboten wurden, darunter Kohlhaases „Berlin um die Ecke“: keine Wortmeldung von ihm. Die Invasion von Warschauer-Pakt-Truppen, inklusive aus der DDR, mit der dem Prager Frühling 1968 der Garaus gemacht wird: Kohlhaase war mit Konrad Wolf und ihrem Film „Ich war neunzehn“ auf Kinotour. Wolf Biermanns Ausbürgerung 1976, wogegen bekannte Schriftsteller in einem offenen Brief protestierten – Kohlhaase nicht.

Ein halbes Jahr danach hat er auf dem Kongress des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden eine Rede gehalten. Man spürt seine Ungeduld, aber sie ist in Poesie gekleidet: „Jeder hat von den Wanderern auf weiter Fläche gehört, die erbleichend ihrer eigenen Spur begegnen; sie sind im Kreis gegangen. So entdecke ich mich. Hier bin ich, in jenem beunruhigenden Sinn, schon gewesen.“ Nicht das System beklagt er, sondern dessen Erstarrung, und wenn er an ihm zunehmend verzweifelte, hat er davon nichts rausgelassen.

Bastienne Voss, eine Freundin der Familie Kohlhaase/Pöstenyi, die ihn häufig „Wolfgang“ nennt, stellt diese wichtigen Fragen, verfolgt sie aber nicht unbedingt journalistisch konsequent (so scheint sie nicht im Stasi-Archiv geforscht zu haben). Wolfgang Kohlhaase, der bis ins hohe Alter boxte, hat sich nie auf einen Schlagabtausch mit den Mächtigen eingelassen. Vielleicht verdanken wir gerade dem ein halbes Dutzend der besten Filme der deutschen Filmgeschichte.

Bastienne Voss: Wolfgang Kohlhaase. Ch. Links Verlag, 264 Seiten, 25 Euro.

Source: welt.de