„Sie lagen wie aufwärts dieser Fleischbank zugehauen“

Nach ihrem Sieg im „Vierkaiserjahr“ kämpften Septimius Severus und Clodius Albinus im Februar 197 bei Lyon um die Entscheidung. Mit 300.000 Soldaten soll es die größte Schlacht gewesen sein, die Roms Legionen jemals geschlagen haben.

Aufstieg und Untergang des Römischen Reiches werden zumeist mit Siegen und Niederlagen gegen äußere Feinde erklärt. Dabei wird übersehen, dass der lange Niedergang des Imperiums nicht nur durch Invasoren, sondern auch durch interne Konflikte heraufbeschworen wurde. Man hat errechnet, dass römische Soldaten seit dem 3. Jahrhundert beinahe ebenso oft in Bürgerkriegen wie an den Grenzen kämpften.

Einen Vorgeschmack darauf bot das Ringen um die Kaiserkrone, die Lucius Septimius Severus (reg. 193–211), der Begründer der Severischen Dynastie, ausgetragen hat. Das Treffen bei Lugdunum (Lyon) am 19. Februar 197, in der er seinen Rivalen Decimus Clodius Albinus entscheidend schlug, gilt sogar als größte Schlacht der römischen Geschichte – wenn man den Worten des Senators und Historikers Cassius Dio traut, der von 300.000 Kombattanten berichtet. Auch wenn antike Zahlenangaben notorisch unzuverlässig sind, hat Dios Zeugnis einiges für sich. Schließlich war er ein Zeitgenosse, widmet dem Kampf eine ausführliche Beschreibung und legt Wert auf die Feststellung, nicht der offiziösen Darstellung des Siegers zu folgen, sondern zu erzählen, „wie sich alles wirklich begeben hat“.

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Severus amtierte als Statthalter von Pannonia Superioris (Westungarn), als ihn die dort stationierten Legionen nach der Ermordung des kurzfristigen Kaisers Pertinax zum Kaiser erhoben. Das goldene Zeitalter der Adoptivkaiser war da längst Geschichte; ihr letzter Vertreter Marc Aurel (161–180) hatte den Purpur seinem Sohn Commodus (reg. 180–192) vererbt, der es zu einer der verhasstesten Figuren auf dem Thron gebracht hatte.

Weil Severus aus einer ritterlichen Familie in der Provinz Africa stammte und über dessen „punischem“ Akzent man sich lustig machte, wird er gern als Afrikaner bezeichnet. Tatsächlich waren die Severer vollständig romanisiert, sodass der Sohn die typische Ausbildung der Oberschicht erhielt. Nicht als Militär, sondern als Jurist machte er Karriere, wurde 169 von Marc Aurel in den Senat von Rom aufgenommen, übernahm mehrere Statthalterposten und brachte es bis zum Konsulat. Dass Severus sich bis dahin kaum als Feldherr ausgezeichnet hatte, dürfte für Commodus der Grund gewesen sein, ihm das Kommando über die Legionen in Oberpannonien zu übertragen, schien er doch gegen die Versuchung einer Usurpation immun zu sein.

Das war ein Trugschluss. Nachdem Commodus Ende 192 und sein Nachfolger Helvius Pertinax im März 193 ermordet worden waren, entstand eine Lage, die die Krise des 3. Jahrhunderts vorwegnahm. In Rom gelang es Didius Iulianus mit der Zahlung einer hohen Summe, die Prätorianergarde zur Proklamation seiner Kaiserwürde zu bewegen. Die Legionen Syriens riefen Pescennius Niger, ihre Kameraden in Britannien Albinus zum Kaiser aus. Severus vervollständigte dieses Vierkaiserjahr.

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Zunächst wurde Iulianus vom Senat anerkannt. Weil aber Severus bald darauf nach einem Gewaltmarsch über die Alpen in Italien erschien, gingen die Senatoren zu ihm über und legalisierten sein Kaisertum, während Severus die von seinen Leuten umzingelte Prätorianergarde entließ. Zudem erkannte er Albinus als Caesar und damit Teilhaber an der Herrschaft an. 194 entledigten sich beide des Niger.

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Doch Albinus sollte sich täuschen. Severus erhob seinen Sohn Caracalla zum Caesar und ließ den Rivalen durch den Senat zum Staatsfeind erklären. Sich selbst erklärte er zum Adoptivsohn des vergöttlichten Marc Aurel und ließ damit keine Zweifel aufkommen, dass es ihm um die Alleinherrschaft ging. Daraufhin rüsteten Severus und Albinus zum entscheidenden Kampf.

Severus hatte die Legionen der Donaugrenze, darunter die Truppen seines Bruders Geta, der die Provinz Moesia inferior (im heutigen Bulgarien/Rumänien) verwaltete, auf seiner Seite, die ihre Schlagkraft bei der Niederwerfung des Niger unter Beweis gestellt hatten. Albinus konnte auf den bewaffneten Anhang mehrerer Statthalter in Gallien zurückgreifen. Ob jedoch die Logistik ausreichte, um mitten im Winter 300.000 Soldaten zu versorgen, darf zumindest bezweifelt werden.

Die Schlacht bei Lugdunum habe „viele Wechsel und Wendungen des Glücks“ gesehen, schreibt Dio. So war es dem rechten Flügel des Severus gelungen, die Gegner bis ins Lager zurückzutreiben und sie dort „zusammenzuhauen und die Zelte zu plündern“.

Auf der anderen Seite der Front fielen die Truppen aus Pannonien jedoch einer Kriegslist zum Opfer, indem Albinus‘ Legionäre sie durch einen Scheinrückzug zum Angriff provozierten, dabei aber in Gräben stürzten, die sie zuvor ausgehoben hatten. „Unter Pferden und Soldaten wurde ein Blutbad angerichtet.“ Seine Leute wandten sich daraufhin zur Flucht. Severus habe „sein Oberkleid zerrissen und sein Schwert gezogen, um sie durch Scham zur Umkehr zu bewegen“, schreibt Dio. Damit stabilisierte sich die Lage, was den bis dahin zaudernden Kavallerie-General Laetus bewog, Severus endlich aktiv zu unterstützen und diesen damit „zum Sieger zu machen“.

„Die römische Kriegsmacht wurde durch diese Schlacht sehr erschöpft“, berichtet Dio: „Die ganze Ebene war mit Leichen von Menschen und Pferden und mit Verwundeten bedeckt, die wie auf der Fleischbank zugehauen dalagen … das Blut floss in solchen Strömen, dass es sich in die Flüsse ergoss.“ Albinus beging Selbstmord. Severus ließ ihn enthaupten, seinen Rumpf wegwerfen und den Kopf nach Rom schicken, wo er anschließend vor dem Senat eine blutige Abrechnung ankündigte, die allein mehreren Dutzend Senatoren das Leben kostete. Große Städte wie Antiochia oder Byzantion, die sich im Bürgerkrieg gegen ihn erklärt hatten, drückte Severus auf den Status von Dörfern zurück.

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Die von ihm begründete Dynastie der Severer erschien den Zeitgenossen denn auch als Gegenteil der glücklichen Zeiten, die sie unter den Adoptivkaisern erlebt hatten. Obwohl Severus seinen Erben auf dem Sterbebett eingeschärft hatte: „Bleibt einträchtig, bereichert die Soldaten und schert euch um all das andere den Teufel“, starben Caracalla, Geta, Elagabal und Alexander Severus allesamt eines gewaltsamen Todes.

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.

Source: welt.de