„Beim letzten Wechsel ziehen die Sportler die Felle von den Skiern“
Skibergsteigen feiert seine olympische Premiere. Die Wettkämpfe versprechen spektakuläre Bilder, und es gibt eine Parallele zur Formel 1. Der Bundestrainer tut etwas, was Julian Nagelsmann wohl noch nie machen musste: Er erklärt seine Sportart.
Skitourengehen boomt in den Alpen. Immer mehr Menschen schnallen sich Felle unter die Skier und erarbeiten sich die Abfahrt mit einem langen Aufstieg. Jenseits des Trubels der Skigebiete lassen sich beim Skitourengehen die Berge in ihrer Ursprünglichkeit genießen.
Erstmals ist Skibergsteigen, oder auch Skimountaineering, olympisch. Auf der berühmten Stelvio-Piste in Bormio kämpfen die besten Skibergsteiger der Welt um Olympia-Gold. Beschaulich geht es im Sprint und in der Mixed-Staffel aber nicht zu. Bundestrainer Andreas Eder rechnet sich für das kleine deutsche Team realistische Medaillenchancen aus.
WELT: Eine Frage, die Julian Nagelsmann wohl nie gestellt bekommt: Können Sie uns Ihre Sportart erklären?
Andreas Eder: Gerne. Skibergsteigen ist eigentlich ein blöder Name, weil sich die meisten unter Skibergsteigen nichts vorstellen können. Eigentlich ist es normales Skitourengehen, wie es immer mehr Menschen in den Alpen machen. Skibergsteigen oder Skimountaineering, wie es bei Olympia durchgeführt wird, ist natürlich rasanter als gemütliches Skitourengehen. Im Spitzensport kann man nicht mehr gemütlich die Landschaft in den Bergen genießen.
WELT: Wie sieht der Wettkampf aus?
Eder: Bei Olympia wird es nur den Sprint und eine Mixed-Staffel geben. Es treten immer sechs Athleten gegeneinander an. Die beiden besten qualifizieren sich für die nächste Runde. Das bis zum Finale. Alle starten gleichzeitig. Es sind etwa 100 Meter, die die Athleten flach geradeaus sprinten. Dann geht es bergauf im Diamanten.
WELT: Was sind Diamanten?
Eder: Es geht abwechselnd diagonal den Hang hoch. Das erinnert dann an das klassische Skitourengehen im steilen Gelände. Nach den Diamanten geht es in die erste Wechselzone: Skier abschnallen, in einer Schlaufe am Rucksack verstauen und dann müssen 25 Höhenmeter zu Fuß überwunden werden. In Bormio geht es über steile Treppenstufen, die in die Piste gefräst sind. Am Ende der Stufen werden die Ski wieder angeschnallt und es geht das letzte Stück bis zum Anfang der Abfahrt.
WELT: Wie wichtig sind die Wechsel?
Eder: Gerade im Sprint können sie entscheidend sein – wie die Boxenstopps in der Formel 1. Beim letzten Wechsel reißen die Sportler die Felle von den Skiern. Oft beide gleichzeitig im Sprung. Das sind alles automatisierte Bewegungen, die die Sportler im Schlaf beherrschen müssen. Die werden sowohl im Sommer als auch im Winter täglich trainiert. Auch das Verstauen der Felle.
WELT: Verstauen?
Eder: Ja, die Felle dürfen nicht in der Wechselzone bleiben, sie müssen mit den Sportlern das Ziel erreichen. Sonst gibt es Strafsekunden. Die Athleten stopfen sie sich vor der Abfahrt in den Anzug.
WELT: Bei den Sommerspielen in Paris hat 3 x 3 Basketball die Fans als neue Sportart begeistert. Hat Skibergsteigen das Zeug dazu, das 3 x 3 des Winters zu werden?
Eder: Ich glaube, dass die Wettbewerbe ein echtes Spektakel werden. Die 5000 Tickets waren schnell ausverkauft. Die Sportler treten direkt gegeneinander an, man sieht sofort, wer gewonnen hat. Die Zuschauer können die ganze Piste überblicken. Das Faszinierende ist, dass jeder sagt, die Sportler sind ja total verrückt, wie schnell sie die Piste hochlaufen, wie schnell sie die Felle von den Skiern runterreißen und danach gegeneinander auf die Abfahrt gehen. Aber der Sport ist zum ersten Mal dabei und wird auch noch etwas Zeit brauchen, um in den Köpfen der Fernsehzuschauer präsent zu sein.
WELT: Wobei Skitourengehen in den Alpen boomt.
Eder: Ja, da ist seit Corona richtig explodiert. Viele haben keine Lust mehr auf das Halligalli in den großen Skigebieten und suchen beim Skitourengehen Ruhe und Erholung in den Bergen. Vielleicht wird das durch unsere Auftritte bei Olympia noch mal mehr.
WELT: Ist das Format des Sprints auch ein Kompromiss?
Eder: Mit Sicherheit. Ein Rennen dauert maximal drei Minuten, das ist auf jeden Fall fernsehtauglich. Natürlich auch die Mixed-Staffel, die spektakulär wird. Der Sprint ist für das Marketing, Werbung und Sponsoren schon ein wichtiges Thema.
WELT: Wie kommt die Olympia-Premiere bei den Sportlern an?
Eder: Gemischt. Viele Athleten, die schon lange in der Szene dabei sind, sagen: Olympia, das brauchen wir nicht. Für sie ist Skibergsteigen noch individuell drei Stunden durch die Berge zu laufen. Was richtig toll ist, medial aber nichts bringt. Die jungen Athleten, die nachkommen, sehen das anders. Die wissen, dass das zu ihrem Sport gehört und ihnen eine großartige Plattform bietet. Die Zeiten ändern sich.
WELT: Wie trainiert man das Ganze?
Eder: Unsere Sportler haben unterschiedliche Hintergründe. Sie kommen aus dem Trailrunning, dem Radsport und dem Langlauf. Aber alle bringen eine gute Ausdauer mit. Bei uns werden Meister im Sommer gemacht. Da holen wir uns auf Skirollern und dem Rad die Grundlagenausdauer. Dazu machen wir hochintensives Intervalltraining, weil die Laufzeit beim Sprintrennen so kurz ist. Da kommen die Sportler in den roten Bereich, die Laktatwerte schießen nach oben. Natürlich trainieren wir im Winter auch Skifahren, aber das ist nicht das Wichtigste. Auf den Abfahrten ändert sich in den Rennen meist nicht mehr so viel.
WELT: Es gibt bei Olympia drei Entscheidungen. Was ist für die Deutschen möglich?
Eder: Im Einzel der Frauen sind wir mit Tatjana Paller und Helena Euringer gut vertreten. In der Mixed-Staffel, in der jede Nation nur ein Team stellt, können Tatjana und Finn Pösch etwas reißen. Ich denke, dass eine Medaille bei den Spielen realistisch ist.
Source: welt.de