Berlinale-Chefin kritisiert Filmschaffende zu Gunsten von „virale Kampagne“ wegen Gaza-Krieg

Dutzende internationale Filmschaffende kritisierten die Berlinale dafür, keine eindeutige Position im Gaza-Krieg bezogen zu haben. Diese Vorwürfe weist die Festivalchefin entschieden zurück. Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer stellt sich hinter die Berlinale-Leitung und Jury-Chef Wim Wenders.

Als Reaktion auf einen offenen Brief dutzender Filmschaffender zum Nahostkonflikt hat Berlinale-Chefin Tricia Tuttle Zensurvorwürfe zurückgewiesen. Es stimme nicht, dass sie Filmemacher „zum Schweigen gebracht“ oder „eingeschüchtert“ hätten, sagte Tuttle der Deutschen Presse-Agentur. Sie sei von dem Brief überrascht worden und es sei „unglaublich hart“ gewesen, ihn zu lesen. Einige der Unterzeichner kenne sie und sie habe sich gewünscht, dass sie sie zuerst kontaktiert hätten.

Dutzende Filmschaffende hatten der Berlinale zuvor in einem offenen Brief eine mangelnde Positionierung im Gaza-Krieg vorgeworfen. Zu den rund 80 Unterzeichnern gehören unter anderem die Schauspielerin Tilda Swinton, die Fotokünstlerin Nan Goldin und Schauspieler Javier Bardem. Sie seien entsetzt über das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“, heißt es in dem Schreiben. Die Unterzeichner werfen der Berlinale-Führung Zensur und „Beteiligung an der Unterdrückung“ palästinensischer Stimmen vor. Zu Gräueltaten im Iran und in der Ukraine habe sich das Festival dagegen klar positioniert. Die Unterzeichner gehen dabei sehr weit. Sie sprechen von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und einer deutschen Gesetzgebung, die Solidarität mit der palästinensischen Sache unter Strafe stelle.

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Zur Frage, wie ihre Position sei, sagte Tuttle, sie sei zutiefst betroffen über den Verlust von Menschenleben in der Zivilbevölkerung. „Ich fordere Israel nachdrücklich auf, sich an das Völkerrecht zu halten. Ich bin auch der Meinung, dass die Regierungen und Partner Israels dafür sorgen müssen, dass sie sich an das Völkerrecht halten, um das Leben der Zivilbevölkerung zu schützen.“ Aber dies sei eine komplexe Angelegenheit. „Es ist keine Angelegenheit, deren Komplexität und Sensibilität man in einem kurzen Statement vermitteln kann.“

„Wir wissen, dass die Darstellung von Menschen als ‚pro-palästinensisch‘ oder ‚pro-israelisch‘ die komplexe Bandbreite an Perspektiven verengt und den Diskussionen, die wir über eines der schwierigsten und polarisierendsten Themen unserer Zeit führen müssen, nicht gerecht wird“, sagte Tuttle. „Ich halte es für sehr gefährlich, wenn das Festival Stellung bezieht, weil es damit Raum nimmt und Menschen signalisiert, dass sie nicht zu dieser Diskussion eingeladen sind und ihre Meinung nicht äußern dürfen.“

Tuttle kritisiert Umgang mit Wenders‘ Aussagen

Die Unterzeichner des Briefs hatten auch Jurypräsident Wim Wenders kritisiert, der bei einer Pressekonferenz zur Positionierung im Nahostkonflikt befragt worden war. Der Regisseur („Perfect Days“, „Paris, Texas“) hatte gesagt, sie könnten sich nicht auf das Feld der Politik begeben. Filmschaffende müssten sich aus der Politik heraushalten, sie seien ein Gegengewicht zur Politik.

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Tuttle kritisierte, es sei nur ein Ausschnitt herausgegriffen worden, was sie traurig mache. „Denn dieser Mensch zeigt seit 50 Jahren mit unglaublichen Filmen eine immense Empathie für die Menschen. Er hat uns Menschen sehen lassen, die vielleicht sonst unsichtbar geblieben wären. In seinen Werken steckt immer ein politisches Element.“ Sie halte es für ungerecht, dass Leute einen „Ausschnitt herausgreifen, ihn falsch darstellen und daraus eine virale Kampagne machen“, sagte Tuttle.

Weimer: „Die Berlinale ist keine NGO mit Kamera und Regie“

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) hatte zuvor die Leitung der Berlinale ebenfalls gegen Kritik in Schutz genommen. Berlinale-Chefin Tricia Tuttle und Jury-Präsident Wim Wenders führten das Filmfestival „sehr ausgewogen, sehr feinfühlig“, sagte Weimer am Mittwoch im Gespräch mit WELT TV. Wenders werde nun „aus einer bestimmten Ecke von Aktivisten, von Pali-Aktivisten bedrängt“, sagte Weimer. „Ich würde ihn da gerne in Schutz nehmen, weil ich finde, er hat genau die richtigen Worte gefunden.“

Weimer betonte hingegen: „Es wird natürlich keine Zensur betrieben. Die Berlinale ist ein Ort, wo wirklich die Meinungen aufeinanderprallen, wo offen diskutiert wird.“ Es sei das „politischste Festival überhaupt“. Zur Meinungsfreiheit gehöre auch, dass man auch mal nichts sage. „Ich finde, die Künstler sollte man nicht politisch bevormunden“, sagte Weimer. „Die Berlinale ist keine NGO mit Kamera und Regie, sondern sie ist ein Ort, wo die freien Filmschaffenden sich entfalten und wo sie offen miteinander diskutieren und alle Themen adressieren. Und das findet statt.“

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Seit dem Start der Internationalen Filmfestspiele in Berlin ging es mehrfach um Politik, zum Beispiel in Bezug auf den Nahost-Konflikt. Jury-Präsident Wenders hatte bei einer Pressekonferenz betont, Filmschaffende seien ein Gegengewicht zur Politik. „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten“, sagte er. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy kritisierte das und sagte ihre Teilnahme ab, auch in dem jetzt veröffentlichten offenen Brief wurde die Aussage von Wenders kritisiert.

Berlinale-Chefin Tricia Tuttle stellte sich bereits am Wochenende hinter den Jury-Chef und die Künstler des Festivals. Sie betonte da in einem Statement, bei dem Festival finde freie Meinungsäußerung statt und viele Filmschaffende bei der Berlinale eine ein tief verwurzelter Respekt vor der Würde jedes Menschen.

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„Wir glauben nicht, dass es unter den hier vertretenen Filmschaffenden jemanden gibt, dem gleichgültig wäre, was in dieser Welt geschieht – jemanden, der die Rechte, das Leben oder das immense Leid der Menschen in Gaza und im Westjordanland, in der Demokratischen Republik Kongo, im Sudan, im Iran, in der Ukraine, in Minneapolis und an einer erschreckend großen Zahl weiterer Orte nicht ernst nähme“, schrieb Tuttle.

Viele der Unterzeichner des offenen Briefs waren auch schon mit eigenen Filmen auf der Berlinale vertreten. Swinton war im vergangenen Jahr mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet worden – und lobte bei der Gelegenheit die BDS-Bewegung, die Sanktionen und Boykott gegen Israel unterstützt. Oscar-Preisträger Bardem verglich Israels Armee bereits mit Nazis.

ll/saha mit dpa

Source: welt.de