Stewart O’Nans „Abendlied“: Die markanteste Tugend welcher amerikanischen Mittelschicht
An einem eisigen Januarmorgen erschien in unserer Bostoner Online-Nachbarschaftszeitung die Mitteilung: „Ray-Bans mit geschliffenen Gläsern im Schnee gefunden; habe die Brille geputzt; liegt jetzt auf einer Bank Ecke Exeter/Comm Ave; wohl von Gassigängerkollegin verloren.“ Ein Roman in wenigen Sätzen. Sie sehen, wie der Finder die Brille putzt, und bilden sich ein Urteil über den Erzähler: total naiv, wer Ray-Bans mitten in Boston auf einer Bank liegen lässt und glaubt, die lägen eine Stunde später noch da.
Ich schrieb eine Fanmail, weil der angegebene Name des Finders bei mir eine literarische Glühbirne anknipste: „Dank für Ihre gute Tat, auch wenn mir die Ray-Bans nicht gehören, schon weil ich keinen Hund habe. Sind Sie der Schriftsteller Stewart O’Nan?“ Die Replik kam prompt: „Heute eher schreibender Gassigeher.“ Ganz unbedarft war die Frage nicht, auch wenn selbst ChatGPT behauptet, O’Nan lebe in Pittsburgh. Dort wuchs er auf, dort wurde er auch literarisch geboren, denn die sozial schwierige alte „Stahlstadt“ lehrte ihn, genau und empathisch hinzusehen. Was er wahrnahm, inspirierte seinen fast manischen und in der Lesewirkung hypnotischen Hyperrealismus.

Er macht auch Romane, in denen wenig passiert, zu einer berauschenden Erfahrung, weil die Figuren von einer derartigen Plastizität sind, dass man in ihren Wohnungen zu stehen meint. Das ist auch der Fall in O’Nans zwanzigstem Roman „Evensong“, der in Deutschland jetzt unter dem Titel „Abendlied“ erschienen ist, von Thomas Gunkel kenntnisreich und wortschöpferisch übersetzt.
Der deutsche Titel kann einen zunächst in die falsche Richtung schicken: Es ist nicht Matthias Claudius, an den man hier denken sollte, sondern eher Josef Rheinbergers berührende Mottete „Abendlied für gemischten Chor“. Evensong ist der Abendgottesdienst der Anglikaner und Episkopalen, der in Kirchen, wo das noch möglich ist, mit Chor zelebriert wird. Die vier alten Pittsburgher Damen, von deren Alltag O’Nans Roman erzählt (drei von ihnen in den hohen Achtzigern), haben sich im Chor der Calvary-Gemeinde kennengelernt. Wenige Gehminuten von ihrer Kirche steht die Tree-of-Life-Synagoge, in der im Oktober 2018 elf alte Menschen von einem Rechtsradikalen erschossen wurden. In der erzählten Zeitspanne des Romans, von September 2022 bis zum Januar 2023, dient Calvary der Tree-of-Life-Gemeinde als Ausweichquartier für größere Gottesdienste. Die Damen vergleichen den telegenen Rabbiner mit ihrem ältlichen Father John.
Alles beginnt mit einem bösen Sturz
O’Nans Spezialität ist Pittsburgh Noir. Gegen die Brutalität setzt er einen Wall aus absoluter Hilfsbereitschaft. Jahrzehntelang war das die markanteste Tugend der amerikanischen Mittelschicht. Jetzt ist sie im Verfall begriffen. Die vier alten Damen sind Mitglieder des Humpty-Dumpty-Clubs, treffen sich zum Bridge und organisieren gleichzeitig Nachbarschaftshilfe (Besuche, Einkäufe, Arzttermine) für die, die es nicht mehr allein schaffen. Das klingt süßlich wie Claudius’ „Abendlied“, doch in einer Erzählung vom Meister des giftigen Alltagsgrauens (the everyday gothic) kommt Süße nicht auf.
So beginnt der Roman denn auch mit einem verheerenden Sturz ins Bodenlose, wie es sich bei einem nach Humpty Dumpty benannten Club gehört: „Joan Hargrove, ihre kluge, strukturiere Anführerin, Königin des Textmarkers und des farblich gegliederten Hefters“, fällt mit ihrem Küchenmüll auf der Treppe und bleibt mit Knochenbrüchen über Nacht auf dem Zementfußboden liegen. Der alte Kinderreim „Humpty Dumpty sat on a wall / Humpty Dumpty took a great fall / All the king’s horses and all the king’s men / couldn’t put Humpty together again“ nimmt das Ende vorweg: Menschen sind fragil wie Eier. Joan wird nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Die vier Damen Emily, Arlene, Kitzi und Susie übernehmen Joans Aufgaben und am Schluss auch die Auflösung der vollen Wohnung.
Ein Aufscheinen des goldenen Amerikas der Fünfzigerjahre
Der Sturz ist ein Selbstzitat. Auch O’Nans Roman „Emily Alone“ (2011) begann mit einem grotesken Sturz: Arlene wird ohnmächtig und stürzt am Frühstücksbüffet mit ihrem gerade erstmals gefüllten Teller. Sie ist die Schwester von Emilys verstorbenem Mann Henry Maxwell. O’Nan-Leser wird die vierte Fortschreibung der Pittsburgher Maxwell-Saga freuen. „Emily Alone“ war ein radikales Buch; es konzentrierte sich auf das plötzlich sozial isolierte Leben einer älteren Witwe, die mit ihren Kindern nicht klarkommt. In „Abendlied“ hat nun diese Emily über den Chor von Calvary und den Humpty-Dumpty-Club sozialen Anschluss gefunden: an drei andere alleinkämpfende Damen (geschieden, mit krankem Mann belastet, nie verheiratet und durch erste Anzeichen von Demenz existenziell bedroht). Nachbarschaftshilfe als Pflicht ist ihre Therapie.
Erzählt wird in fünfzig kleinen Kapiteln, die wie Briefmarken im Album des Romans stecken, jedes ein eigenes Kunstwerk, darunter originelle Miniaturen über das Leben mit einer Katze und emotionale Kommunikation eines Hundes. Dieses Album lässt noch einmal des goldene Amerika der Fünfzigerjahre aufleuchten, das den mentalen und sozialen Habitus der Pittsburgher Damen bis ins hohe Alter prägt: Halloween, Veterans Day, Thanksgiving, Christmas, New Year’s Eve – jeder Festtag stressbeladen durch unumstößliche Rituale des Dekorierens, Einkaufens, Kochens, Schenkens, endlosen Kartenschreibens. Eine Scheinidylle, durchzogen von O’Nans giftigem Alltagsgrauen. Unter den verspäteten Weihnachtskarten erhält Emily eine eigene Karte an eine einstmals enge Freundin zurück, die wohl gestorben ist. Als sie den Umschlag öffnet, sieht sie unter den vorgedruckten Wünschen ihre eigene hohle Floskel: „Love, Emily.“ Sonst nichts. Pittsburgh Noir.
Stewart O’Nan: „Abendlied“. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel. Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 352 S., geb., 26,– €.
Source: faz.net