Mutmacher Jesse Jackson: Der Bürgerrechtler aus jener Sesamstraße

Als schwarzer Pastor aus den Südstaaten wusste der 1941 geborene Jesse Jackson, wie man eine Gemeinde in Schwingung versetzt; im Umfeld des Pastors und Bürgerrechtlers Martin Luther King, Jr. (mit dem er noch scherzte auf dem Balkon des Lorraine-Motels in Memphis, kurz bevor King dort am 4. April 1968 erschossen wurde), lernte er noch einiges mehr darüber. Schon als King noch lebte, leitete Jackson selbst auf beeindruckende Weise zu sogenannten Chants bei Massenveranstaltungen an, vor allem zu einem, der seine Kernbotschaft werden sollte: „I am somebody“ (dokumentiert bereits 1963).

Dieser Slogan war ein Selbstbewusstseins- und Selbstermächtigungsmantra vor allem, aber nicht nur für Schwarze in den Vereinigten Staaten. Lange vor Barack Obamas „Yes we can“ wurde er zu einem der zentralen Mutmach-Sätze des Landes. Das zeigte sich nicht zuletzt bei einem legendären Auftritt in der „Sesamstraße“, als Jackson Kinder anfeuerte: Auch wenn du klein bist, auch wenn du schwach bist: Du bist jemand!

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Der Slum ist nicht in uns: Wattstax-Festival, 1972

Erstaunlicherweise haben noch immer viele nie vom Wattstax-Festival gehört, das als das „schwarze Woodstock“ in die Geschichte der Popmusik einging: Veranstaltet vom einflussreichen Musiklabel Stax Records, brachte es am 20. August 1972 mehr als 100.000 Menschen ins Los Angeles Memorial Coliseum, um Auftritte von den Staples Singers, Rufus Thomas oder Isaac Hayes zu feiern. Aber memorabel war besonders auch die Eröffnungsrede des Bürgerrechtlers Jesse Jackson mit seinem später leicht variierten, chiastischen Slogan „We may be in the slum – but the slum is not in us.“ Und, noch drastischer und eingängiger: „We have shifted from ‚burn, baby, burn‘ to ‚learn, baby, learn‘.“

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„Nothing to hold us back“, 1977

Für sein lebenslanges Engagement zur Verbesserung von Bildungschancen Schwarzer in den USA ist Jacksons Rede „Nothing to hold us back“ von 1977 ein Beispiel, bei dem er auch sarkastisch die Zähne zeigt: Das „Wir“, in dessen Namen er spricht, scheint anzuknüpfen an jenes aus dem Protest- und Hoffnungslied „We Shall Overcome“, dieses weiterzudichten und die Verwirklichung der Wünsche auf Erden zu fordern, handgreiflich: „Wir haben so lange für Kleidung kämpfen müssen – wir haben sie jetzt. Wir haben so lange gekämpft, um zur Schule gehen zu können – wir können es jetzt. Es gibt nichts, was uns zurückhalten sollte.“ Und dann, in Anspielung auf die Geschichte der Sklaverei: „No more cotton to pick!“

Die Wut, die man Jackson hier anmerkt, hat auch seine Kritiker befeuert. Später stand infrage, ob er Gewalt legitimieren wolle. 1992, nach den „Rassenunruhen“ in Los Angeles, sagte sich Bill Clinton von seinem demokratischen Parteikollegen Jackson los, nach dem dieser die Rapperin und Aktivistin Sister Souljah in seine „Regenbogen-Koalition“ aufgenommen hatte. Sie hatte zuvor in einem umstrittenen Interview über das Töten von Schwarzen und Weißen gesprochen.

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Regenbogen-Koalition und amerikanischer Quilt: Rede vor der National Democratic Convention, 1984

Wie bei anderen großen Bürgerrechtlern mit christlichem Hintergrund war auch bei Jesse Jackson oft nicht ganz zu unterscheiden zwischen politischen Reden und Predigten – man denke etwa an Martin Luther Kings „Mountaintop Speech“. Eine ähnlich einflussreiche Rede, die in die amerikanische Geschichte einging, war Jacksons vor dem Parteitag der Demokraten 1988. Sofort hört man hier viele biblische Bezüge – mit einer Wendung ins Nuklearzeitalter: „We are not a perfect people. Yet, we are called to a perfect mission. Our mission: to feed the hungry; to clothe the naked; to house the homeless; to teach the illiterate; to provide jobs for the jobless; and to choose the human race over the nuclear race.”

In dieser Rede sind so viele Sprachbilder, dass sie eine lange Auslegung verdient – sie ist aber leicht verständlich. Amerika sei keine homogene Decke, sondern ein Quilt: „Viele Flicken, viele Stücke, viele Farben, viele Größen, alle verwoben und von einem gemeinsamen Faden zusammengehalten. Weiße, Hispanics, Schwarze, Araber, Juden, Frauen, Indigene, Kleinbauern, Geschäftsleute, Umweltschützer, Friedensaktivisten, Junge, Alte, Lesben, Schwule und Menschen mit Behinderungen bilden den amerikanischen Flickenteppich.“

Und beschworen wird darin auch die sogenannte Regenbogen-Koalition, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft und Überzeugung zusammenpassen. Dass Jackson seinen Idealen selbst nicht immer entsprochen hat, steht auf einem anderen Blatt.

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„You can make it“, 1988

Auch wenn Jackson 1988 abermals das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur verlor, wurde seine Rede vor dem Parteitag aus jenem Jahr bald als historisch begriffen. Der Einstieg klingt fast wie ein Song: „I was born to a teenage mother who was born to a teenage mother.“ Was folgt, ist ein beeindruckendes Beispiel von „Zeige deine Klasse“: Jackson erzählt von seiner unterprivilegierten Herkunft und verspricht, im Namen aller Unterprivilegierten Politik zu machen. Kritiker wie Stanley Crouch warfen Jackson daraufhin vor, sein eigenes Leben zu mythologisieren.

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Auch manche andere Äußerungen und Aktivitäten Jacksons, der am 17. Februar in Chicago gestorben ist, provozierten Widerspruch oder brachten ihm gar den Vorwurf ein, Politik für private Zwecke zu instrumentalisieren. In in den Siebzigerjahren sprach er sich zunächst gegen Abtreibung aus, bevor er seine Meinung änderte. Barack Obama war er gar nicht freundlich gesonnen, bevor er sich überwältigt von dessen historischem Erfolg zeigte – den Jackson selbst mit vorbereitet hatte. In einem Nachruf des Magazins „The Atlantic“ schrieb Adam Serwer, anders als die Karikatur, die seine Kritiker davon zeichneten, sei Jacksons politische Agenda inklusiv und multikulturell gewesen und habe immer im Gegensatz zu Vorurteil und Bigotterie gestanden.

Source: faz.net