Berlinale | Kritik an welcher Berlinale: Beschämte Stars fordern Statement zu Gaza
Wer hätte gedacht, dass die stolze Selbstbeschreibung der Berlinale, das „politischste“ unter den europäischen A-Festivals zu sein, ihr einmal in dieser Form um die Ohren fliegen würde? Es brauchte nicht mehr als eine zugespitzte Frage. Gestellt wurde sie bei der traditionell langweiligsten aller Pressekonferenzen, bei der sich üblicherweise die Jurymitglieder mit gegenseitigen Komplimenten und Phrasen zum Kino – „Kino macht aus Bildern Erlebnisse!“ – überschütten. Ein Journalist wollte wissen, wie es die Jury mit dem Nahostkonflikt hält. Wim Wenders antwortete sehr ernsthaft mit drei Sätzen auf Englisch: „We cannot really enter the field of politics, we have to stay out of politics – we are the counterpart of politics“ (Wir können uns nicht wirklich aufs Feld der Politik begeben, wir müssen uns aus der Politik heraushalten, wir sind das Gegenstück zur Politik), aus denen ihm dann in den Tagen danach der Strick gedreht wurde.
Arundhati Roy sagte ihr Kommen ab – dass Kunst nicht politisch sein solle, sei empörend –, weitere Stars wie Neil Patrick Harris verhedderten sich in der Beantwortung der Frage, wie politisch sie Kunst verstehen, und wurden dafür in den sozialen Medien beschämt. Die Berlinale-Leitung sah sich zu einem Statement gedrängt, um die angereisten Gäste zu beschützen: Man solle von Künstlern nicht erwarten, sich zu jedem politischen Thema zu äußern. Die Häme in den sozialen Medien schäumte noch mehr auf, mit den erwartbaren Beleidigungssteigerungen, von „Ich fand Wenders noch nie gut“ bis zu „keiner seiner Filme hatte viele Zuschauer“.
Das nicht gerade für seine politische Berichterstattung bekannte Branchenmagazin Variety konstatierte genüsslich, dass die Welt kopfüber stehen müsse, wenn die Grammys politischer seien als die Berlinale. Als wahrer Social-Media-Gewinner stand schließlich Schauspieler Rupert Grint da, der bei seiner Berlinale-Pressekonferenz die Frage zum Aufstieg des Faschismus salopp mit einem „Obviously, I’m against it“ (Natürlich bin ich dagegen!) parierte. Der heraushörbare Sarkasmus war der vielleicht beste Spiegel für die Plumpheit der Fragestellung.
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„Alles, was den Faschismus bekämpft, ist ganz in meinem Sinn“
Unter anderen Umständen hätte sich die Berlinale damit schmücken können: Nirgendwo wird so intensiv über das Verhältnis von Kunst und Politik diskutiert. Was stattdessen stattfand, war weiteres „Engagement Farming“, in dem die Frage zum oft von Hohn begleiteten Selbstläufer wurde. Nicht jeder der bedrängten Stars verstand es mit der selbstironischen Ruhe von Ethan Hawke zu antworten: „Die letzten, von denen man spirituellen Rat holen sollte, sind angetrunkene Künstler im Jetlag, die über ihre Filme reden … aber gut, alles, was den Faschismus bekämpft, ist ganz in meinem Sinn.“
Und es konnte nicht ausbleiben, dass pünktlich zur Festivalmitteein offener Brief an das Festival gerichtet wurde, unterschrieben unter anderem von Tilda Swinton, Javier Bardem, Mike Leigh und weiteren ehemaligen Berlinale-Gästen. Das Schreiben prangert das Schweigen des Festivals gegenüber Gaza an und fordert, die Berlinale möge „ihrer moralischen Pflicht nachkommen und klar ihre Ablehnung von Israels Genozid […] an den Palästinensern erklären“.
Obwohl an die gegenwärtige Berlinale gerichtet, ist die vage Zielrichtung der Forderungen eher die deutsche Regierung, wenn nicht gar „Deutschland“ selbst, das, so wird im Brief ein Statement von Ai Weiwei zitiert, „dasselbe wie in den 30er Jahren mache“. Tilda Swinton war erst im vergangenen Jahr auf der Berlinale mit einem Ehrenbären ausgezeichnet worden, wo sie mit ihren propalästinensischen Äußerungen – unter anderem gab sie an, die BDS-Bewegung zu bewundern – Kontroversen ausgelöst hatte, aber wohlgemerkt nicht zensiert worden war.
Natürlich ist es eine wichtige Frage, wie es die Berlinale nun mit der Politik hält. Sie soll auch immer wieder gestellt werden. Schön wäre nur, wenn man die ernsthaften Antworten darauf auch ernst nähme. Und es weniger drauf abgesehen hätte, sie in aufmerksamkeitsgenerierende Schlagzeilen zu packen. Was die Debatte um Wenders’ Antwort abbildete, hatte aber nichts mit dem Festival als solchem zu tun. Ganz zu schweigen davon, dass sowieso der interessantere Anstoß zur Auseinandersetzung sein Satz von der „Kunst als Gegenstück zur Politik“ ist.
Am besten wäre natürlich, wenn sich einfach sagen ließe: Lasst Wim Wenders reden, seht her, die Filme sind alle politisch! Aber ausgerechnet in diesem Jahr tut einem zumindest der Wettbewerb hier keinen Gefallen: Kein Film über Nahost, keiner über den Krieg in der Ukraine und keiner über Trump. In den Vorjahren hat es all das gegeben, bei dieser Ausgabe muss man etwas genauer hinschauen – findet dafür aber oft etwas Besseres als das bloße Partei-Ergreifen.
Vor dem Einmarsch der Taliban
Das begann bereits mit dem Eröffnungsfilm No Good Men der afghanischen Regisseurin Shahrbanoo Sadat, angekündigt als eine Liebeskomödie unter Fernsehjournalisten im Kabul der Zeit vor dem Einmarsch der Taliban. Was wirken könnte wie eine unglückliche Mischung aus Polit-Thema und Kommerzkino entpuppte sich als berührendes Porträt eines Milieus, an das im Westen viel zu wenig gedacht wird: die urbane afghanische Zivilgesellschaft, die den Abzug der Amerikaner mit ihrem Leben bezahlen musste.
Im neuen Film des deutschen Regisseurs Ilker Çatak (Das Lehrerzimmer) ist die konkrete politische Realität absichtlich im Ungefähren belassen, umso genauer kommt das politische Verhalten der Figuren in den Fokus. Gelbe Briefe spielt in der Türkei, gedreht hat Çatak in Deutschland, wobei er zu dem ungewöhnlichen Mittel greift, das mit Schrifttafeln anzuzeigen: „Berlin als Ankara“ und „Hamburg als Istanbul“. In Ankara geraten in einer sich verschärfenden politischen Lage eine Schauspielerin und ein Stückautor, der auch als Universitätsprofessor arbeitet, ins Visier der Behörden.
Ihr neuestes Stück wird abgesetzt, die Universität entlässt Professoren. Noch ist die autokratische Machtergreifung nicht ganz vollzogen, man kann sich vor Gericht zur Wehr setzen. Aber der Anpassungsdruck wird größer. Das Paar zieht nach Istanbul, wo der Mann Arbeit als Taxifahrer findet und ein kleines Theater, wo er inszenieren kann. Nur dass die Frau auf einmal ein Jobangebot in einer kommerziellen, mithin systemkonformen Serie erhält. Für sie fühlt es sich wie Emanzipation an, in seinen Augen ist es Verrat an der Sache.
Gelbe Briefe stellt die Frage nach dem Politischen im Persönlichen. Wo beginnt die Anpassung, wie erzieht man, wie verhält man sich in der Paarbeziehung? Es ist ein wunderbar zwiespältiger Film, dessen leise Qualitäten völlig querstehen zur Empörungslust der sozialen Medien – und deshalb wohl leider übersehen werden.
Politisch versteht sich die Berlinale auch im Versuch, das Kino von Frauen und über Frauen zu fördern. Manchmal gerät das oberflächlich wie im tunesischen Beitrag À voix basse von Leyla Bouzid, der zwar einen wachen Blick für die Bigotterie einer Gesellschaft hat, in der Homosexualität verboten ist, seine Frauenfiguren aber allzu plakativ sämtlich auf die „gute“ Seite stellt. Der französisch-senegalesische Regisseur Alain Gomis verleiht seinen Frauenfiguren in Dao etwas mehr Profil, lässt sie im Parallelschnitt zweier großer Familienfeiern, einer Hochzeit in Frankreich und einer Beerdigung in Guinea-Bissau, dann aber wieder untergehen im bunten Treiben der wechselnden Identitäten und Themen von Kolonialismus, Patriarchat und Mutterschaft.
Eine Frau als Mann ist der Festivalhit
Als Gegenentwurf dazu wirkt der in Singapur spielende We Are All Strangers von Anthony Chen, der eine Patchworkfamilie am unteren Rand des sozialen Spektrums durch diverse Schicksalsschläge begleitet. Er reißt mit durch seine seifenopernhaften Wendungen von Schwangerschaft, Krankheit und Scheitern in der Digitalökonomie und fasziniert durch seine zentrale Frauenfigur, die von Yeo Yann Yann gespielte Bee Hwa, die sich als malaysische Einwanderin ihr Leben lang durchschlagen musste, aber nie nur Opfer ist.
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Die Frauenfigur, die bislang die größte Begeisterung auslöste, ist jedoch eine, die als Mann daherkommt. Sandra Hüller verkörpert in Markus Schleinzers Rose die Titelfigur. Der Film rekonstruiert mit einer raffinierten Mischung aus Künstlichkeit und Realismus den von wahren Gegebenheiten inspirierten Fall einer Frau im 17. Jahrhundert, die „in die Hose stieg“, wie sie es selbst nennt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Als Kriegsheimkehrer nimmt sie ein Gut in Besitz, als dessen Erbe sie sich ausgibt. Als Bauer ist sie so erfolgreich, dass sie heiratet – und zur eigenen Überraschung sogar Vater wird. Aber ein paar Bienenstiche bringen alles zu Fall … Rose beeindruckt, weil er ökonomisch erzählt, sich einen feinen Humor erlaubt, und doch sehr modern politische Dinge benennt, wie etwa die Rolle der Vergewaltigung im Krieg – und der damaligen Rechtsprechung.