Heimliche Ölexporte: Er macht Jagd gen die Geisterschiffe
Von der Dachterrasse seines Apartmentblocks aus sieht Remy Osman viele Schiffe, die für die meisten Menschen unsichtbar bleiben. Im Zentrum Singapurs fährt der 32 Jahre alte Brite aus einem der unteren Geschosse mit dem Fahrstuhl in den 47. Stock des Wohnhauses. Hier oben in schwindelerregender Höhe lässt sich fast die gesamte Skyline der südostasiatischen Hafen- und Finanzmetropole überblicken: Bankentürme, Parkanlagen und Hafenkräne.
Doch Osman interessiert sich für das Meer, das in der Ferne blau in der Nachmittagssonne schimmert. Auf 150 Meter Höhe sucht er mit seiner Kamera den Horizont ab. Ein Fernglas baumelt von seiner Schulter.
Mit dem Teleobjektiv seiner Nikon macht Osman das gesuchte Schiff im fernen Dunst aus. „Das Timing ist perfekt, das ist genau der Tanker“, sagt er und zeigt nach Osten, wo hinter einem Hochhaus ein mehr als 330 Meter langes Ungetüm hervorlugt. Ein Teil des rot-ausgeblichenen Kiels ragt über der Wasseroberfläche auf – ein Hinweis darauf, dass der Tanker derzeit keine Ladung trägt.
Da Name und Flagge aus der Distanz nicht zu erkennen sind, öffnet Osman auf seinem Handy eine App. Mit dem Programm lassen sich Schiffe online verfolgen. Anhand der Position kann er den Tankernamen als Hedy identifizieren. Es ist ein „Very Large Crude Carrier“, einer der größten Rohöltanker, die auf den Weltmeeren unterwegs sind.
Osman zeigt auf dem Handybildschirm den mit grünen Pfeilen markierten Weg, den der Tanker in Richtung Singapur genommen hat. Er beginnt mitten im Südchinesischen Meer, als wäre das gigantische Schiff mit einem Mal wie ein U-Boot aus dem Ozean aufgetaucht.
Eine Geisterflotte aus mehr als 1400 Schiffen
Denn die Hedy hat erst vor ein paar Stunden ihr Automatic Identification System angeschaltet, das mittels eines Transponders eine Ortung der Schiffe ermöglicht. Vorher war der Tanker für Behörden, Unternehmen und Schiffsenthusiasten wie Osman nur über Umwege wie Satellitenbilder zu entdecken. „Der Tanker gehört per Definition zur Schattenflotte, wenn man sie so versteht, dass die Schiffe im Verborgenen agieren“, sagt der Brite.
Die Hedy ist Teil einer Armada von Tankern, die teilweise unter Umgehung amerikanischer und europäischer Sanktionen russisches, iranisches oder venezolanisches Rohöl aus Russland, dem Nahen Osten und Lateinamerika in die Welt bringen. Dem auf maritime Daten und Analysen spezialisierten Unternehmen Lloyd’s List zufolge gehören mehr als 1400 Schiffe zu dieser Geisterflotte.
Osman sieht jede Woche mehrere davon, manchmal sogar drei bis fünf an einem Tag. Etwa zur Hälfte dürften sie russisches oder iranisches Öl transportieren. In letzter Zeit hat die Zahl der iranischen Tanker aber zugenommen. Die Schiffe verschleiern ihre Herkunft, indem sie Namen und Registrierung ändern, ihr Ortungssystem manipulieren und unter falscher Flagge unterwegs sind. Manche nehmen auch die Identität bereits abgewrackter Schiffe an. Osman nennt sie „Zombieschiffe“.
Auch bei der Hedy gibt es klare Anzeichen, dass sie ihre wirklichen Absichten nicht offenlegen möchte. Der App zufolge soll sie zum letzten Mal im November 2024 in einem Hafen in den Vereinigten Arabischen Emiraten geankert haben. „Ganz offensichtlich hat sie in den vergangenen zwölf bis 14 Monaten noch etwas anderes gemacht“, sagt Osman. Ebenso im Dunkeln wie die Herkunft liegt das Ziel des Tankers: „To Order“ steht in der App. Damit wird normalerweise eine Warenlieferung bezeichnet, deren Abnehmer noch nicht feststeht.

Osman ist sich aber sicher, dass das Schiff auf dem Rückweg in den Nahen Osten ist. Er hat die Hedy schon im Januar beobachtet, auf dem entgegengesetzten Weg. Da lag sie noch tief im Wasser. Ihre Ladung hat sie wohl in China gelassen oder auf dem Südchinesischen Meer an einen anderen Tanker weitergegeben.
Osman drückt mehrfach auf den Auslöser seiner Kamera. Die Fotos und Videoaufnahmen der Tanker veröffentlicht er später auf seinem Instagram-Account. Mit seinen Bildern zeigt er, wie sehr die Schattenflotte in dieser Weltgegend Teil des Alltags ist. Die Tanker fahren hier durch die Straße von Malakka, die an manchen Orten nur wenige Kilometer breit ist, sodass man sie manchmal mit bloßem Auge sehen kann.
Der „Highway der Weltwirtschaft“ zwischen der malaiischen Halbinsel und der indonesischen Insel Sumatra verbindet den Indischen Ozean mit dem Südchinesischen Meer. Geschätzte 40 Prozent des Welthandels werden durch die Meerenge geschleust. Mehr als 100.000 Schiffe sind hier jedes Jahr unterwegs.
An Tagen wie diesen sind die Gewässer vor Singapur so voll, dass man vor lauter Schiffen den Horizont kaum noch sehen kann. Der Stadtstaat ist Osman zufolge „der beste Ort der Welt“, um die Tanker mit ihrer sanktionierten Fracht aus der Nähe zu beobachten. Seine Aufnahmen interessieren deshalb auch weltweit. Manche Posts werden hunderttausendfach angeklickt. Ein Video aus dem vergangenen Jahr hatte mehr als zwei Millionen Views. Dabei könnte Osman zufolge eigentlich auch jeder andere Laie die Tanker anhand weniger Kriterien als Teil der Schattenflotte identifizieren. So einfach sei das, sagt er.
In Südostasien bewegen sich die Tanker ungehindert
Sobald er ein verdächtiges Schiff gefunden hat, vergleicht Osman den Namen mit den Sanktionslisten der USA und der EU. Im Fall der Hedy wird er auf der Liste des amerikanischen Office of Foreign Assets Control fündig. Die Schiffe sind dabei oft unter der Flagge kleinerer afrikanischer Länder wie Kamerun, Guyana und Gambia unterwegs.
Doch hier liegt der Fall etwas anders: Der gigantische Rohöltanker fährt offen unter iranischer Flagge. Das sei etwas, was er zuletzt häufiger beobachte, sagt Osman, auch bei russischen Tankern. Die Hedy gehört den Angaben nach zur National Iranian Tanker Company. Die USA haben das Staatsunternehmen wegen seiner Unterstützung für die iranischen Revolutionsgarden mit Sanktionen belegt. „Sie machen sich nicht einmal die Mühe, ihre Identität zu verbergen“, sagt Osman.
In Südostasien können sich die Tanker der Schattenflotte weitgehend ungehindert bewegen. Die meisten Länder haben sich den Sanktionen der USA und EU nicht angeschlossen. Singapur hat aber eigene Exportkontrollen und Finanzmaßnahmen gegen Russland verhängt und gehört auch nicht zu den Abnehmern russischen Öls.
Die Behörden des hochdigitalisierten Stadtstaats wissen Osman zufolge ganz genau, was sich vor ihren Augen abspielt. „Aber aus ihrer Sicht ist es ganz klar, dass diese Schiffe das Recht auf friedliche Durchfahrt vor Singapur haben“, sagt er. Die Straße von Malakka ist ein Transitgewässer, in dem laut Seerecht die Freiheit der Schifffahrt gilt.

Gleichwohl wächst international der Druck, stärker gegen die Machenschaften vorzugehen. Die USA haben zuletzt venezolanische Schattentanker geentert, und sogar Indien hatte jüngst drei Schiffe vor Mumbai festgesetzt. Vor Kurzem waren auch in Singapurs Nachbarland Malaysia zwei sanktionierte Tanker vorübergehend beschlagnahmt worden, die vor der Küste untereinander Rohöl im Wert von mehr als 100 Millionen Euro ausgetauscht hatten. Angeblich hatten die malaysischen Behörden das Öl konfisziert und die Schiffe gegen eine Strafe von 65.000 Euro freigelassen.
Wenige Tage später fotografierte Osman von seinem Hochhausdach aus einen der Tanker. Er lag tief im Wasser – was auf einen weiterhin prall gefüllten Tank hinweist. Osman bezeichnet den Umgang des Nachbarlandes mit der Schattenflotte als „etwas laxer“.
Manche seiner Beiträge im Netz werden nicht von allen Kommentatoren positiv aufgenommen. „Die Leute haben offensichtlich eine starke Meinung zu vielen dieser Themen, gerade wenn es um Russland oder Iran geht“, sagt Osman. Der Mann mit der freundlichen Stimme und dem Fünftagebart reagiert dann meist damit, dass er einfach die bekannten Fakten aufzählt. Osman ist kein Aktivist, der jemanden bekehren oder beeinflussen möchte. Er handelt nur aus Interesse an den Schiffen und den geopolitischen Hintergründen.
Der Brite, der nahe der Universitätsstadt Oxford und damit weit weg der Küsten aufgewachsen war, hatte vor seiner Ankunft in Südostasien keine Berührung mit der Schifffahrt. Das änderte sich mit dem ersten Anflug auf den Flughafen von Singapur: Aus dem Fenster sah er Hunderte Containerschiffe, die dicht an dicht im Wasser lagen. „Ein unglaublicher Anblick“, wie er sich erinnert.
Geld verdient Osman mit der Dokumentation nicht
Wegen des damals noch grassierenden Coronavirus musste er zwei Wochen in Quarantäne verbringen. Sein Hotel hatte Meerblick. „Ich habe einfach vom Balkon aus auf die Schiffe und das Meer geschaut.“
Damals widmete er sich Besonderheiten, wie den ganz großen Containerschiffen oder dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln, der kürzlich an Singapur vorbei in Richtung Naher Osten gefahren war. Auf die Idee mit der Schattenflotte kam Osman erst, als ihn jemand fragte, ob unter den von ihm fotografierten Schiffen auch einige derartige Tanker seien. Tatsächlich fand er in seinem Archiv gleich mehrere. Die Aufnahmen der Schattenflotte hätten viel mehr Aufmerksamkeit erregt als alles andere, was er sonst auf seiner Seite veröffentlichte, sagt er.
Das Dokumentieren der Schattenflotte bleibt für ihn trotzdem ein Hobby. Sein Geld verdient er mit der Arbeit in einem Unternehmen der Speise- und Getränkebranche.
Mittlerweile hat Osman, der wegen seiner Frau nach Singapur gezogen ist, eine Daueraufenthaltsgenehmigung für den Stadtstaat. Er liebt den Blick von der Dachterrasse nicht nur wegen des freien Blicks auf das Meer. Man sehe von hier oben alles, was Singapur ausmache: die Meerenge, das Wasser und das tropische Grün, die Wolkenkratzer und die gigantischen Apartmentblöcke, in denen jeder Singapurer ein Anrecht auf eine subventionierte Wohnung hat.
Während sich die Hedy im Küstengebiet an einem riesigen Containerschiff, Tankern und einem Schiff der singapurischen Navy vorbeibewegt, dreht ein Flugzeug der singapurischen Luftwaffe Übungsrunden über dem Wasser. Der Stadtstaat Singapur hat immer viel Wert auf Wehrfähigkeit gelegt – wegen seiner größeren Nachbarn, aber auch, weil er nah am pulsierenden Herzen der Großmachtrivalität in Asien liegt. Rund 75 Prozent der Bevölkerung sind ethnische Chinesen, das Land unterhält enge Beziehungen zu China. Auf der anderen Seite sind die USA ein enger Wirtschafts- und Sicherheitspartner.

Gleichzeitig steht der kleine Stadtstaat international für die regelbasierte Ordnung ein – nicht zuletzt auch in maritimen Angelegenheiten. Und so fahren Geisterschiffe wie die Hedy auch nicht in den Hafen von Singapur ein, da sie dort unter die Kontrolle der singapurischen Behörden kommen würden. Unternehmen, die mit den Geiserschiffen kooperieren und ihnen Dienstleistungen erbringen, könnten auch selbst mit Sanktionen bestraft werden.
Die größten Sorgen machen sich Länder wie Singapur aber wohl darüber, dass ein Tanker der Schattenflotte in seinen Gewässern havarieren oder es zu einer Kollision kommen könnte. Die meisten dieser Tanker sind 15 bis 20 Jahre alt und nur unzureichend versichert. Schon im Mai 2023 geriet vor der Küste Malaysias der 1997 gebaute Schattentanker MV Pablo in Brand. Eine größere Katastrophe blieb aus. Aber der Vorfall war auch für Singapur eine Lehre.
Die Schiffe der Schattenflotte wissen, dass sie ihr Ortungssystem wieder einschalten müssen, wenn sie durch die Straße von Singapur navigieren, die an diesem Ende der Malakka-Straße liegt. „Sie verhalten sich nicht rücksichtslos. Das wäre der beste Weg, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken“, sagt Osman. Vor dem Hintergrund des immensen Verkehrs wäre das auch viel zu gefährlich.
Wenn das Signal eines verdächtigen Tankers außerhalb Singapurs in seiner App auftaucht, bleiben Osman in der Regel bis zu zwei Stunden Zeit, um seine Kamera und sein Fernglas zu packen und sich mit Sonnenbrille, Hawaiihemd und kurzer Hose auf den Weg zu einem seiner üblichen Beobachtungspunkte zu begeben. Neben dem Apartmentblock, in dem er selbst mit seiner Frau wohnt, sind das die Aussichtsplattformen mehrerer Wolkenkratzer sowie einige der Parks direkt an der Küste.
Russische Öltanker geben oft Singapur als ihr Ziel an
Dabei spricht Osman vor dem Abschied noch einen Ort an, den er von hier oben leider nicht einsehen kann, der aber für das Verständnis der Schattenflotte in diesen Gewässern wichtig ist. Auf seiner App zeigt Osman einen Punkt im Südchinesischen Meer, an dem Dutzende rote Dreiecke zu sehen sind. Es sind Tanker der Schattenflotte, die untereinander ihre Fracht austauschen. Der Ort knapp außerhalb der malaysischen ausschließlichen Wirtschaftszone sei ein „Hotspot“ für die sogenannten Ship-to-Ship-Transfers, sagt Osman.
Mit diesen Aktivitäten soll die wahre Herkunft des Öls weiter verschleiert werden. Sie sind wohl auch der Grund, warum russische Öltanker immer häufiger Singapur als ihr Ziel angeben. Fachleute vermuten, dass das Öl stattdessen in der Nachbarschaft von einem Schiff an das nächste weitergegeben werden soll.
Osman hatte nur einmal die Gelegenheit, diesen „Hotspot“ aus einem Flugzeug heraus zu fotografieren. Die Richtung, in der er liegt, ist diejenige, aus der nun auch die Hedy gefahren kommt. Der iranische Tanker hat es mittlerweile fast auf die andere Seite westlich von Singapur geschafft. Dort befindet sich am Horizont ein weiteres Schiff, das Osman schon seit ein paar Stunden auf seiner App beobachtet.
Der Öltanker Vernon hat einen roten Rumpf und eine weiße Brücke. Er kommt der Hedy aus der anderen Richtung entgegen. Osman kann mit seiner Kamera gleich zwei Schiffe aus der Schattenflotte in einem Ausschnitt festhalten.
Dabei ist die Vernon mit 244 Metern deutlich kleiner als die Hedy. Schon vorher hatte Osman auch mit ihr seine Checkliste abgearbeitet: Der Tanker fährt unter der Flagge Guineas. Sein letzter offizieller Aufenthaltsort ist für April 2025 in einem malaysischen Hafen angegeben. Und auch der Name der Vernon befindet sich auf der amerikanischen Sanktionsliste. „Und es liegt definitiv tief im Wasser. Wir wissen mit Sicherheit, dass es mit Öl beladen ist“, sagt Osman über das Schiff. Doch wo die beiden Tanker nun hinfahren, ist offen.
Kurze Zeit, nachdem sie einander passiert und die Gewässer von Singapur verlassen haben, schalten sie ihre Transponder ab. Nun sind sie wieder unsichtbar.
Source: faz.net