266.000 Industriejobs weg: „Die deutsche Industrie steckt in einer tiefen Krise“

Seit 2019 sind in Deutschland 266.000 Arbeitsplätze in der Industrie ersatzlos gestrichen worden. Das entspricht einem Rückgang um 4,7 Prozent. Besonders hart traf es laut einer am Dienstag vorgestellten Analyse der Beratungsgesellschaft EY die Beschäftigten in der Autoindustrie. Mehr als 111.000 Stellen gingen in der Branche im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau verloren, was einem Rückgang der Beschäftigung um 13 Prozent entspricht. Die Textil- und Bekleidungsindustrie hat mit einem Minus von 16 Prozent relativ gesehen sogar noch mehr Stellen eingebüßt, in absoluten Zahlen fällt der Rückgang mit 12.000 Stellen aber weniger stark ins Gewicht. Einen langfristigen Abbau von Arbeitsplätzen gibt es auch in weiteren Paradedisziplinen der deutschen Industrie wie dem Maschinenbau, der Metallbranche, bei Kunststoff- sowie Papierherstellern.
Dass künftige Statistiken dieser Art besser ausfallen, ist nicht zu erwarten. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) veröffentlichte am Dienstag die Ergebnisse ihrer neuesten Konjunkturumfrage, die gemessen an der Größe der staatlichen Ausgabenprogramme – allein in diesem Jahr werden dafür mehr als 180 Milliarden Euro Schulden aufgenommen – bescheiden ausfallen. 25 Prozent der von der DIHK befragten 26.000 Unternehmen rechnen mit einer Verschlechterung ihrer Geschäftslage; nur 16 Prozent mit einer Besserung. Die Mehrheit geht von einer Seitwärtsbewegung aus. 23 Prozent der Befragten wollen Arbeitsplätze abbauen, nur zwölf Prozent wollen Stellen aufbauen.
„Wir befinden uns immer noch im Tal“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov. Es gehe nur „in Trippelschritten“ aufwärts. Als größtes Geschäftsrisiko nannten die Unternehmen in der Umfrage der DIHK die Entwicklung der Arbeitskosten, gefolgt von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Die Energie- und Rohstoffpreise, die 2022 und 2023 als höchste Hürde gesehen wurden, spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. Dies dürfte sowohl an den gesunkenen Marktpreisen als auch an den Zuschüssen des Bundes zu den Netzentgelten und den Gasspeicherkosten liegen.
„Die Investitionen, die für Wachstum stehen, sind auf einem Tiefststand“
Die Skepsis vieler Unternehmen gegenüber den derzeitigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland spiegelt sich in einer anhaltend niedrigen Investitionstätigkeit wider. Diese bewegt sich laut DIHK auf dem Niveau des Jahres 2015. Gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 liege die Investitionstätigkeit der Privatwirtschaft momentan elf Prozent niedriger. Wenn Unternehmen investierten, dann vor allem in den Ersatz defekter Maschinen oder in Maßnahmen zur Kostensenkung, sagte Melnikov. „Die Investitionen, die für Wachstum stehen, sind auf einem Tiefststand.“ Dies sei „niederschmetternd“.
Die von der Bundesregierung auf den Weg gebrachten Maßnahmen wie die verbesserten Abschreibungsbedingungen („Investitionsbooster“) würden zwar helfen, aber nicht reichen. Besser gehe es nur den Branchen, die von den staatlichen Zusatzausgaben für die Verteidigung und die Infrastruktur profitierten, ergänzte DIHK-Konjunkturexperte Jupp Zenzen. „Es ist kein breiter Aufschwung zu erkennen.“
Grund für den Stellenabbau in vielen Branchen sind laut der Beratungsgesellschaft EY sinkende Umsätze, verursacht unter anderem durch einen Rückgang der Exporte. „Die deutsche Industrie steckt in einer tiefen Krise“, sagte Jan Brorhilker, leitender Partner im Bereich Wirtschaftsprüfung. „2025 war das zweite Jahr in Folge mit einem rückläufigen Umsatz, und eine Trendwende ist nicht in Sicht.“ Viele Betriebe hätten die Hoffnung auf Besserung aufgegeben. „Angesichts der schwachen Auftragslage und des enormen Wettbewerbsdrucks wird eine Vielzahl von Unternehmen nicht an weiteren Stellenstreichungen in diesem Jahr vorbeikommen“, so Brorhilker.
Seit 2019 sind der EY-Auswertung zufolge nur in zwei Branchen zusätzliche Stellen entstanden: in der Elektroindustrie und in der Chemie- und Pharmabranche. Alle anderen haben im Saldo Arbeitsplätze abgebaut. Fast 1500 Insolvenzverfahren für Industrieunternehmen hat EY für das Jahr 2025 gezählt, fast doppelt so viele wie 2021. Das ist zwar noch weit weg vom Höchststand an Industrieinsolvenzen von fast 2400 im Jahr der Weltfinanzkrise 2009. Der starke Anstieg aber ist beunruhigend.
0,2 Prozent Wirtschaftswachstum in sechs Jahren
Die Statistik, die DIHK-Geschäftsführerin Melnikov am meisten umtreibt, ist der Ländervergleich zum Wirtschaftswachstum seit 2019. Für die Vereinigten Staaten steht dort preisbereinigt ein Plus von 15 Prozent, für die EU-Länder im Schnitt 7,5 Prozent. Selbst Länder wie Italien und Frankreich, die ebenfalls mit Strukturproblemen kämpfen, kommen auf mehr als fünf Prozent. Die deutsche Wirtschaft wuchs dagegen in den vergangenen sechs Jahren nur 0,2 Prozent.
„Viel zu wenig“ sei das, findet die Verbandschefin. In Richtung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) sagte sie: „Wenn wir ein weiteres Jahr mit Ankündigungen und weißer Salbe verlieren, wird nächstes Jahr auch nichts passieren.“ Politische Debatten kreisten häufig um Nebenthemen, die wenig mit den drängenden harten Standortfaktoren zu tun hätten. So fordert die DIHK eine Rentenreform, welche die Frührentenanreize (Rente mit 63) abschafft und das Rentenalter an die Lebenserwartung anpasst.
Noch pessimistischer als die Mitglieder der Industrie- und Handelskammern blickt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, in die Zukunft. „Der Wachstumsmotor in Deutschland wird schon allein wegen der Demographie nie mehr anspringen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Es fehlten dafür schlicht die Arbeitskräfte. Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, drückte es im Gespräch mit der F.A.Z. nicht so drastisch aus: „Die Fakten, die wir im Moment haben, sprechen für eine leichte Belebung des Wachstums.“ Fuest sagte aber auch: „Wir haben keine Hinweise, dass es zu einem Aufschwung kommt, der über das hinausgeht, was ohnehin eingepreist ist.“
Die Frage ist, was politisch aus alldem folgt. Die schwarz-rote Koalition erhofft sich Impulse aus Expertenkommissionen, die aktuell zur Finanzierung der Kranken- und der Rentenversicherung tagen. DIW-Ökonom Fratzscher rechnet nicht mit spürbaren Senkungen der Sozialausgaben. Er hält eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent für unumgänglich, um die Löcher im Haushalt zu füllen. In der DIHK sieht man diese Diskussion mit Sorge. „Wir sind ohnehin schon ein Hochsteuerland“, sagte Melnikov. Strukturprobleme könne man nicht mit Steuererhöhungen lösen. Fuest hält wenig von dem SPD-Vorschlag den Spitzensteuersatz zu erhöhen. „Das würde sich mittelbar negativ auf die Einkommen der Mittelschicht auswirken. Damit ist nichts gewonnen.“ Auch er hält eine Mehrwertsteuererhöhung mittelfristig für realistisch.