Wurde Kurt Cobain doch umgebracht? Die Sensationsgeilheit aus dieser Forensik kennt kein Ende

Eine forensische Studie will herausgefunden haben, dass Kurt Cobain von einer zweiten Person ermordet wurde. Dass so viele auf verschwörerische Theorien anspringen, ist ein Symptom der Zeit, verschafft aber nur den Falschen Aufmerksamkeit


Neue verschwörerische Theorien hinterfragen den Tod des Nirvana-Frontmanns Kurt Cobain. Wurde er Opfer eines Mordes oder handelt es sich nur um Clickbait unterm Deckmantel der Forensik?

Foto: Michel Linssen/Redferns


„Hab ich’s doch gewusst“, dachten viele, als es hieß, Nirvana-Frontmann Kurt Cobain habe sich im April 1994 nicht selbst das Leben genommen, sondern sei Opfer eines Mordes gewesen. Das behauptet zumindest ein internationales Expert:innenteam um den Forensiker Bryan Burnett, dessen Ergebnisse bereits im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden.

Medien weltweit stürzten sich auf das Thema und viele Hobby-Jessica-Fletchers machten sich daran, den Mörder zu identifizieren. Am Ende kann es nur Cobains Frau Courtney Love gewesen sein, oder? So wie Yoko Ono auch am Tod von John Lennon verantwortlich ist. Weil ohne Yoko sich die Beatles nie aufgelöst hätten und so Lennon auch nie nach New York gezogen wäre. Frauen sind im Rock ’n’ Roll traditionell an allem schuld, wenn bei den Männern mal etwas nicht läuft wie gewünscht.

Die Studie will die Sachlage völlig neu analysiert haben. Die Basis dafür sind Fotografien des Tatorts und Autopsieberichte, die zwischen 2014 und 2025 veröffentlicht wurden. Das Hauptargument lautet: Kurt Cobain soll so viel Heroin im Blut gehabt haben, dass kein Mensch in der Lage gewesen sei, sich mit einer Remington M11 selber umzunieten.

Anderer Schriftstil in Kurt Cobains Abschiedsbrief?

Das Expertenteam wundert sich, dass Cobain sein Fixerbesteck zu ordentlich aufgeräumt hatte. Viele Indizien sprächen dafür, dass die Leiche nach dem Tod im Haus verschoben worden sei. Das zeigten Blutspuren und Blutspritzer, die „ungewöhnlich“ seien. Außerdem gebe es Auffälligkeiten in seinem Abschiedsbrief. Die letzten Zeilen hätten einen anderen Schriftstil. Verdächtig!

Verschwörungen über den Tod faszinieren die Menschheit seit jeher. Elvis Presley, so glauben viele, soll immer noch am Leben sein. Jeffrey Epstein soll laut aktuellen „Erkenntnissen“ sich nicht selber getötet, sondern entweder umgebracht worden sein, oder wie andere meinen, sich quicklebendig in Israel ins Fäustchen lachen.

Andere Diskussionen im Internet drehen sich darum, dass das Attentat auf Donald Trump im Sommer 2024 ebenfalls inszeniert wurde. Es sei unmöglich, auf jemanden zu schießen und dabei nur ein Ohr zu treffen. Es kursieren Ketchup-Theorien. Wieso denn so wenig über den Attentäter Thomas Crooks in den Medien berichtet wurde, ist eine der Fragen, die immer wieder auftauchen.

Solche Narrative sind reizvoll und packen einen wie Jim Garrisons Investigationen in Oliver Stones JFK, lassen in der Regel die meisten Tatsachen jedoch außen vor. Crooks wurde noch am Tatort vom Secret Service getötet. Auch wird vergessen, dass er drei weitere Menschen schwer verletzte und der 50-jährige Corey Comperatore sogar ums Leben kam. Der beste Schütze war er nicht. Verschwörungen zeichnen sich oft durch eine sehr niedrige Zufallstoleranz aus.

Bryan Burnetts Homepage wirkt unseriös

Ähnlich im Falle von Kurt Cobain. Wichtiger als die neuen Spekulationen sollten aber die Hintergründe vor seinem Tod sein. Cobain war nicht nur seit seiner Jugend schwer heroinabhängig, sondern auch chronisch krank und paranoid. Schon am 4. März 1994 versuchte er in Rom, sich das Leben zu nehmen. Courtney Love griff in letzter Sekunde ein, rief den Rettungsdienst und konnte so sein Leben retten.

Danach besuchte Cobain widerwillig eine Entzugsklinik. Die Polizei konfiszierte aus Sorge vor einem weiteren Suizidversuch seinen Waffenschrank. Als Cobain nach wenigen Tagen den Entzug abbrach, beauftragte er seinen Freund Dylan Carson, ihm die Remington-Tatwaffe mitsamt Munition zu kaufen.

Interessant an der Studie ist: Sie hat keinen Auftrag- und Geldgeber. Bryan Burnett und sein Team haben offenbar alles selber initiiert. Googelt man den Namen Bryan Burnett und sein Unternehmen Meixa Tech – dafür muss man kein Superdetektiv sein –, findet man nur seine persönliche Webseite, die seine Arbeitsproben präsentiert. Dabei handelt es sich nicht um kriminologische Meisterstücke, sondern um eine krude Sammlung von teils dilettantischen Holzschnitzereien, Cartoons und Schreinerarbeiten. Die Seite wirkt themenfern und unseriös und lässt hinterfragen, ob sich nicht jemand mit kinotauglichen Geschichten in die Öffentlichkeit spielen wollte, was so gesehen gelungen ist.

Das auf Kosten der hinterbliebenen Familie zu machen, ist mindestens grenzwertig. Zumal es weder neue Zeugen noch ein neues Motiv gibt. So sind auch Wissenschaften wie die Forensik vor Sensationsgeilheit, Boulevard und Clickbait nicht mehr gefeit. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Wer das Gefühl hat, sich in einer scheinbar ausweglosen Lebenssituation zu befinden, sollte nicht zögern, Hilfe anzunehmen. Hilfe bieten die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800-111-0111, das Info-Telefon Depression unter 0800-334-4533 oder die Stiftung Deutsche Depressionshilfe auf ihrer Website.