„Lieber Epstein, bin ohne Rest durch zwei teilbar mit Boys und Toys in Afghanistan“: Was enthüllt jene E-Mail?
US-Milliardär Thomas Pritzker schrieb Epstein eine E-Mail, die einen Hinweis auf Kriegstourismus von Superreichen nach Afghanistan gibt. Beteiligt: Der ISAF-Kommandeur David Petraeus. Was könnte Pritzer mit „Boys and Toys“ gemeint haben?
Was haben der US-Milliardär Thomas Pritzker und der ISAF-Kommandeur Commander David Petraeus mit Jeffrey Epstein zu tun?
Montage: der Freitag; Fotos: Getty, Imago
Die jüngst veröffentlichten Epstein-Akten, die vom US-Justizministerium freigegeben wurden, schockieren mit ihren Details weiterhin die Weltöffentlichkeit. Ein großes Problem ist allerdings die Art und Weise ihrer Freigabe: Es gibt weder Ordnung noch Struktur. Jeder darf, aber jeder muss auch suchen, wie es ihm beliebt. Als würde die Trump-Regierung uns sagen: „Hier, fresst und seid nun endlich zufrieden!“
Bei meinem ersten Blick auf die Dokumente fokussierte ich mich deshalb nur auf jene Bereiche, die mit meiner alltäglichen Arbeit zu tun haben: die Kriegs- und Krisengebiete von Nahost bis nach Afghanistan und Pakistan.
Und genau dabei stieß ich auf eine schockierende Mail. Sie stammte vom US-Milliardär und Luxushotelinhaber Thomas Pritzker. Im Juni 2011 schrieb er an Jeffrey Epstein Folgendes: „Ich bin in einem abgelegenen Tal in Afghanistan (es war mein Geburtstagswunsch) mit Jungs und Spielzeug [Boys with Toys]. Sprach gestern mit Patraeus. [sic!] Er hat mir einen Chopper geliehen (eigentlich zwei, einer als Back-up). Kann bis morgen nicht telefonieren.“ Mit Chopper bezeichnet man Militärhubschrauber.
Warum traf US-Milliardär Pritzker den ISAF-Kommandeur Petraeus in Afghanistan?
Mir war bewusst, dass diese E-Mail es in sich hatte. Ich teilte sie umgehend in meinen sozialen Kanälen, wo sie schnell viral ging.
Worum es geht? Thomas Pritzker, der laut aktuellem Kenntnisstand ein enges Verhältnis zu Epstein pflegte und zahlreiche E-Mails mit ihm austauschte, deutet in dieser kurzen Mail an, dass es während des 20-jährigen NATO-Krieges in Afghanistan eine Art Kriegstourismus für Superreiche gab – und dass dieser von den vorherrschenden westlichen Militärstrukturen, die nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 immerhin mit einem UN-Mandat am Hindukusch agierten, unterstützt oder zumindest toleriert wurde.
Der erwähnte US-General David Petraeus war zum damaligen Zeitpunkt Kommandeur der ISAF-Truppen unter NATO-Führung in Afghanistan. Viele assoziierten diese Anekdote etwa mit den Nachrichten über die „Sarajevo-Safaris“ der 1990er. Serbische Faschisten sollen reiche, westliche Tourist:innen vor das besetzte Sarajevo eingeflogen haben, damit diese auf Menschenjagd gehen konnten. Das ergaben italienische Recherchen, bestätigt von bosnischen Quellen.
Sicher ist: Sämtliche Richtlinien des US-Militärs als auch der NATO verbieten eine solche Hofierung von Zivilist:innen, wie sie von Pritzker beschrieben wird, in einem Kriegsgebiet.
Ballern, was das Zeug hält?
Vor allem in den abgelegenen Regionen Afghanistans fanden oftmals Kriegsverbrechen statt, die erst Jahre später bekannt wurden. Hier konnte man „ballern, was das Zeug hält“, ohne dass die Welt je davon mitbekommen würde. Ich kenne viele Anekdoten von einfachen Arbeitern oder Bauern, die mir erzählten, wie ihre Häuser und Dörfer von ausländischen Truppen oder ihren Verbündeten, der damaligen afghanischen Armee, ausradiert wurden.
Kaum jemand interessierte sich für die Aussagen dieser Menschen.
Mittlerweile haben sich in den sozialen Medien auch andere Afghan:innen zu Wort gemeldet. Sie erinnern sich an düstere Kriegsgeschichten und sind über das, was Pritzker und womöglich auch andere privilegierte Westler in Afghanistan taten, nicht überrascht. Erwähnenswert ist gleichzeitig auch, wer seit der Veröffentlichung schweigt: Politiker:innen, die den Krieg in Afghanistan befeuerten, aber auch die NATO und das US-Militär. Beide sind mehr als nur eine Antwort schuldig.
Hyatt-Erbe Thomas Pritzker ist zurückgetreten
Seit der Veröffentlichung der neuen Epstein-Files sind über zwei Wochen vergangen. Thomas Pritzkers Afghanistanreise war den meisten Medien keine Schlagzeile wert. Mittlerweile ist der Erbe der Luxushotelkette Hyatt wegen seiner Verbindungen zu Epstein von seinem Posten als Verwaltungsratschef zurückgetreten: Er habe in Bezug auf Epstein ein „furchtbares Urteilsvermögen“ an den Tag gelegt, so Pritzker. Die Episode in Afghanistan spielt bei seinem Rücktritt jedoch eine untergeordnete Rolle.
Dabei gehen einige Beobachter:innen des Krieges sogar noch weiter: Sie deuten „Boys with Toys“ düsterer. Sind damit in erster Linie schwer bewaffnete Soldat:innen gemeint, oder geht die Andeutung in eine andere Richtung? Bekannt ist, dass im Zuge des Afghanistankrieges zahlreiche Sexualverbrechen stattgefunden haben.
Minderjährige Afghan:innen wurden missbraucht und prostituiert, auch von sogenannten Sicherheitskräften, sprich Armee und Polizei. Bekannt wurde etwa die Praxis „Bacha Bazi“, der Missbrauch von afghanischen Jungen in Afghanistan, die sich meist zum Wohlwollen einflussreicher Männer als Mädchen oder Frauen verkleiden mussten, um diese sexuell zu befriedigen.
Über die Jahre gab es hierzu Berichte. Inwiefern die westlichen Truppen Teil des Ganzen waren, ist bis heute nicht geklärt. Eine Aufarbeitung hat de facto nicht stattgefunden. Fakt ist allerdings, dass sie nun notwendig ist. Denn das, was wir über die Epstein-Files erfahren haben, ist bereits schlimm genug. In einer gerechten Welt würde er den Stein ins Rollen bringen.