„Manche Jugendliche spielen eine Art Religionspolizei“ – Muslime warnen vor Gruppendruck an Ramadan
Zum Beginn des Ramadan warnen liberale Stimmen wie Mouhanad Khorchide und Seyran Ates vor ideologischer Vereinnahmung und sozialem Druck. Derzeit gebe es einen spürbaren Wandel in der Bedeutung von Religion unter Muslimen in Deutschland.
Vor Beginn des Ramadan zeigen sich liberale Muslime besorgt über eine ideologische Instrumentalisierung des islamischen Fastenmonats. Besorgniserregend sei eine Entwicklung, die insbesondere im schulischen Kontext zu beobachten sei, sagte der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, am Dienstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „Der Ramadan wird von einigen männlichen Jugendlichen zum Anlass genommen, Männlichkeit misszuverstehen als Demonstration körperlicher Leistungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und vermeintlicher religiöser Stärke.“
„Manche Jugendliche spielen dann eine Art Religionspolizei“, so Khorchide: „Sie werten Mitschüler ab, die nicht fasten wollen oder können, setzen sie emotional unter Druck oder mobben sie mit Sätzen wie: Was für ein Muslim bist du?“
Rituale als „Marker von Zugehörigkeit“
Derzeit gebe es einen spürbaren Wandel in der Bedeutung von Religion unter Muslimen in Deutschland, führte der Theologe aus. Persönliche Gottesbeziehung und ethische Anliegen des Islam träten in der öffentlichen wie innergemeinschaftlichen Kommunikation zunehmend in den Hintergrund. „An ihre Stelle rücken immer häufiger religiöse Rituale oder sichtbare Symbole; nicht primär als Ausdruck innerer Frömmigkeit, sondern als Marker von Zugehörigkeit“, sagte Khorchide.
Religion werde so immer stärker zu einer Identitätsressource, die laute: „Wir Muslime.“ Das Fasten im Monat Ramadan, der am Donnerstag beginnt, werde von Familienangehörigen und Gleichaltrigen wahrgenommen, registriert und in manchen strenggläubigen Milieus kontrolliert. Khorchide: „Wer nicht fastet, gerät schnell in eine Rechtfertigungsposition.“
Sorge vor politischem Islam
Die Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, Seyran Ates, sagte der KNA: „Aus meiner Sicht besteht gegenwärtig leider eine Instrumentalisierung des Ramadan durch den politischen Islam in Deutschland, vor der alle warnen sollten. Insbesondere, wenn die Politik zum Fastenbrechen eingeladen wird, sollte sie besser prüfen, welche Organisationen dahinterstecken.“ Oft handele es sich dabei um Institutionen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden.
Der islamische Glaube stellt aus Sicht der Muslimin die private Beziehung zu Gott in den Mittelpunkt. Ramadan-Beleuchtungen in Städten sieht Ates kritisch; „insbesondere, weil jährlich darüber diskutiert wird, Weihnachten umzubenennen und Weihnachtsmärkte zu Wintermärkten zu erklären“.
kna/ceb
Source: welt.de