Paris Hilton: Vom Blondinenwitz zur Aktivistin

Kaum eine Karriere wurde so belächelt und später neu gelesen wie die von Paris Hilton. Ihre Geschichte erzählt mehr, als man denkt.
Seit fast 30 Jahren ist Paris Hilton (45) Teil der Popkultur. Kaum eine Prominente wurde so lange verspottet, sexualisiert, unterschätzt. Mittlerweile sieht das anders aus. Wer ihre Geschichte betrachtet, lernt deshalb nicht nur etwas über sie, sondern über uns.
Geboren am 17. Februar 1981 in New York als Erbin des Hilton-Imperiums, schien ihr Weg vorgezeichnet: diskrete Wohltätigkeitsgalas statt Dauerblitzlicht. Doch Hilton wollte berühmt werden. Früh rebellierte sie gegen die Strenge ihrer Eltern und landete mit 16 in Internaten für schwer erziehbare Jugendliche. Dort, so schilderte sie es Jahrzehnte später in Dokumentationen und vor dem US-Kongress, erlebte sie Zwangsmedikamentation, Isolation, Gewalt und sexuelle Übergriffe durch das Personal.
„Es war Missbrauch“
Weltberühmt wurde sie, aber unfreiwillig: 2004 veröffentlichte ihr Ex-Freund ohne ihr Einverständnis ein privates Sexvideo mit ihr. Heute fällt das ganz klar unter den Strafbestand der sexualisierten Gewalt. Doch das Wort dafür existierte im Mainstream noch nicht. Statt Empathie gab es Spott für das Opfer. Über 20 Jahre später sagte Hilton vor dem US-Kongress: „Man nannte es einen Skandal. Das war es nicht. Es war Missbrauch.“
Für Trauma oder Rückzug blieb keine Zeit, denn fast zeitgleich startete „The Simple Life“. Paris Hilton und Nicole Richie gaben sich in der Doku-Soap als verwöhnte Millionärstöchter auf dem Land, die demonstrativ an einfachsten Jobs scheiterten. Hilton perfektionierte die Rolle der tumben Blondine: Sie stolperte in High Heels durch Kuhställe und sagte mit Babyvoice: „That’s hot“.
Das Dummchen ist Performance
Was viele ihr nicht zutrauen: Das Dummchen ist Performance. Während man Hilton verspottete, baute sie ihr Imperium – Parfums, Mode, Accessoires, Bücher, Alben, DJ-Auftritte. Lange bevor es das Wort Influencerin überhaupt gab, verkaufte Paris Hilton sich und ihr Leben als Marke und erfand der Legende nach das Selfie, als sie einem Paparazzi aus einer Laune heraus die Kamera aus der Hand nahm und sich selbst fotografierte.
Mit Ende 20 erhielt sie eine ADHS-Diagnose. Plötzlich ergaben Schulprobleme und Rastlosigkeit Sinn. Heute spricht sie offen über Neurodivergenz und nennt sie ihre „Superkraft“.
Paris‘ lange Suche nach der Liebe
Natürlich wurde auch jede ihrer Romanzen zur Schlagzeile: Sie war Backstreet Boy Nick Carter liiert, mit dem griechischen Reedereierben Stavros Niarchos III., mit dem ebenfalls griechischen Milliardärs-Erbe Paris Latsis war sie 2005 verlobt. Hilton hatte zudem Affären mit Colin Farrell und Fred Durst. Einige ihrer Partnerschaften beschrieb sie später als traumatisch und missbräuchlich. In Interviews erklärte sie, dass sie sich aufgrund ihrer zuvor normalisierten Missbrauchserfahrungen in den Heimen mit „Dingen arrangiert“ habe, „die kein Mensch akzeptieren sollte“.
Das Y2K-Revival machte Hilton zur Ikone einer neuen Generation. Juicy-Couture-Anzüge und Glitzerkleider gelten heute nicht mehr als geschmacklos, sondern als Stilzitat. Gleichzeitig hat sich ihr Leben beruhigt: 2021 heiratete sie Unternehmer Carter Reum, mittlerweile ist das Paar Eltern zweier Kinder. Über die Freuden des Familienlebens schwärmt Paris in zahllosen Interviews. „Ich habe das schon lange geplant. Ich musste nur noch den richtigen Partner dafür finden. Es ist so schwer, Menschen zu vertrauen, und ich bin so dankbar, dass ich meinen Mann gefunden habe“, sagte sie 2023 der „Vogue“ und bezog sich dabei erneut auf ihre Missbrauchserfahrungen.
Wer hat sich gewandelt?
Der eigentliche Wandel liegt jedoch im Blick der Öffentlichkeit. In den 2000ern war das Interesse an jungen Frauen voyeuristisch. Trauma war Privatsache, Häme Unterhaltung. Heute sprechen wir über digitale Gewalt, Victim Blaming, Mental Health. Paris Hilton ist dafür ein Gradmesser. Vielleicht ist das die Pointe: Paris Hilton hat sich womöglich gar nicht so sehr verändert, die Gesellschaft hat es.
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Source: stern.de