Deutscher KI-Forscher: Was im Interview zu Epstein unerwähnt blieb

„Ich habe Schwierigkeiten, meinen Körper zu fühlen“, schrieb der deutsche KI-Forscher Joscha Bach im November bei Substack. Er sei Ziel eines medialen „Feuersturms“ und „traumatisiert“. Grund war die Berichterstattung über seine finanzielle und persönliche Beziehung zu dem verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Im November hatte der „Boston Globe“ berichtet, andere amerikanische Medien folgten. In den letzten Tagen gab es auch deutsche Beiträge, die aber nichts grundlegend Neues enthüllten.

Epstein hatte Bach von 2013 bis 2019 finanziell unterstützt, eine Forschungsstelle am MIT bezahlt. Bach hatte daneben Zugang zu Einrichtungen der Harvard Universität. Epstein übernahm die Schulgebühren für Bachs Kinder, Miete, Reisen. Wenn Bach in New York war, stellte Epstein ihm ein Apartment zur Verfügung, einmal besuchte er den Multimillionär auf dessen Privatinsel. Beide tauschten sich über Bachs Forschungsinteressen aus: Künstliche Intelligenz, Kognitionsforschung, Machine Learning.

Ein Großteil von Epsteins Zuwendungen wurde laut E-Mails über die Organisation „Humanity+“ abgewickelt, die auch die Denkrichtung des „Transhumanismus“ fördert. Bach nahm an Treffen Epsteins mit Wissenschaftlern teil, zum Beispiel mit Noam Chomsky oder der „Edge“-Gruppe von John Brockman. Der KI-Forscher hat sich strafrechtlich nichts zuschulden kommen lassen. Dass Epstein 2008 in Florida wegen Prostitution einer Minderjährigen verurteilt worden war, habe Bach gewusst, nicht aber, dass sein Förderer Frauen und Mädchen mutmaßlich weiterhin ausgebeutet und vergewaltigt hatte.

Keine Hilfe bei Aufklärung

Die Aufarbeitung der eigenen Ep­stein-Beziehungen, die sowohl das MIT als auch Harvard nach dessen Tod 2019 in Auftrag gaben, musste indessen ohne die Mithilfe des Deutschen auskommen: Beide Abschlussberichte vermerkten in Fußnoten, Bach habe die Zusammenarbeit abgelehnt. Nachdem die Recherchen amerikanischer Medien auch in Deutschland aufgegriffen worden waren, verschickte er dafür Pressemitteilungen an deutsche Zeitungen, beklagte einen Rufschaden durch die Medienaufmerksamkeit und gab nun ein Interview in der „Zeit“.

Joscha Bach im Jahr 2013
Joscha Bach im Jahr 2013Wikimedia Commons/Joi Ito

Dort konzentrierte man sich auf die Frage, was Epstein für ein Typ gewesen sei: Ein „Soziopath“ mit einem „dunklen Herzen“, meinte Bach, und ein Mann, der Leute mit unterschiedlichen politischen Ansichten um sich geschart habe. So weit, so bekannt. Kritische Fragen zu Bachs inhaltlichen Äußerungen im Austausch mit Epstein gab es nicht. Anders als amerikanische Medien griffen deutsche Journalisten den Gedankenaustausch der beiden nicht ausführlich auf. Nur die Äußerung Bachs, Epstein gehe respektlos mit Frauen um, fand den Weg in die Berichterstattung, aber verkürzt.

Epstein hatte Bach 2017 nach dessen Meinung über seine Wirkung auf andere Menschen gefragt, mit dem Zusatz, Bach könne offen reden, seine Finanzierung sei gesichert. Der Forscher schrieb eine lange E-Mail, in der er seine Loyalität bekräftigte. Die Allgemeinheit sehe seinen Gönner nur als „sex offender“, denn Epstein vereine „die offensichtlich verdächtige Eigenschaft des Reichseins mit der offensichtlich schrecklichen Eigenschaft, zu interessiert an zu jungen Mädchen zu sein“. Die meisten Menschen hätten keine Ahnung, dass Moral dazu gedacht sei, sie „unter Kontrolle zu halten“, und könnten daher „nicht gerade gucken“, so Bach.

Wer in der Lage sei, außerhalb „moralistischer Begriffe“ zu denken, sähe Epstein vermutlich als einen „Ephebophilen mit ein paar Macken“. Um wieder sozial anerkannt zu werden, müsse sein Gönner angesichts der kulturellen Verhältnisse aber aufhören, sich öffentlich als „Connaisseur unreifer Mädchen“ zu präsentieren. Er selbst, Bach, habe eine schwere Zeit hinter sich, aber das sei natürlich nichts gegen das, was Epstein erlebt habe.

Rassismus im Wissenschaftler-Jargon

Ein Jahr zuvor äußerte Bach Epstein gegenüber, Schwarze hätten geringere kognitive Fähigkeiten als Weiße, seien dafür aber „motorisch“ begabter. Diese Meinung habe er geändert, er sei gegen Rassismus und Sexismus, beteuerte Bach letztes Jahr bei Substack. Er habe damals eine Dokumentation gesehen, die die „These“ zu stützen schien. Ansichten über Frauen erklärte Bach nicht weiter – er hatte 2016 auch geschrieben, dass diese tendenziell von abstrakten Konzepten „gelangweilt“ seien.

Epstein, ein Fan eugenischen Denkens, merkte an anderer Stelle an, man müsse eine Gesellschaft so organisieren wie einen Organismus, der kranke Zellen zerstöre. Diese „radikale Idee“ sei „natürlich Faschismus“, meinte Bach dazu, und: Faschismus sei „wahrscheinlich die effizienteste und rational stringenteste Regierungsform, wenn es jemandem gelänge, ihn auf eine nachhaltige Weise umzusetzen“. Doch wenn der Faschismus aggressiv und expansiv sei, „dann macht ihn seine Effizienz zum Virus, den jeder ausmerzen wollen würde“. Weiter schrieb der Wissenschaftler, dass sich „romantische Gutmenschen wie ich“ sehr unwohl mit dem Faschismus fühlten – schließlich habe er als Deutscher die KZ-Gedenkstätte Buchenwald mehrmals besucht –, „und die allgemeine Bevölkerung wäre nicht bereit, ihn zu erwägen“.

Es ist nicht so ungewöhnlich, solche Gedanken von Menschen zu lesen, die als Teil einer „Silicon-Valley-Elite“ gelten. Vermutlich hätten die Mails in der Flut der Enthüllungen auch keine weitere Aufmerksamkeit erzeugt. Bach, der heute am California Institute for Machine Consciousness (CIMC) arbeitet, hat aber eine PR-Kampagne zur Rettung des eigenen Rufs gestartet. Aus journalistischer Sicht hätte das eine Chance sein können, aber nicht wegen der Frage, was Epstein eigentlich für ein Mensch war. Das war bekannt, bislang gab es nur keinen Deutschen, der es erzählte.

Wenn ein Interview mit Bach mehr hätte sein sollen als eine Gefälligkeit für ihn, dann gäbe es viele Fragen, die man hätte stellen können. Wie sieht Bach seine damaligen Einlassungen heute? Falls er seine Ansichten geändert hat, wie kam es dazu? Wie schätzt er die Verbreitung sozialdarwinistischer und eugenischer Gedanken im Techsektor ein? Wie geht er heute damit um? Wer ein Interview gibt, kann die eigenen Antworten gegenlesen und freigeben. Wenn aber kritische Fragen ausgeschlossen sind oder nicht gestellt werden, dann sind solche Gespräche reine PR.

Source: faz.net