Indonesien hinaus dieser Berlinale: Mittelmächte, Geister und Vulkane

Als Alexander von Humboldt im Jahr 1799 nach Amerika aufbrach, traf er dort auch auf ein Phänomen, das in Deutschland kaum von Belang ist: rumorende Berge. In Mexiko rund um den Jorullo, später in Ecuador, wo er eine ganze „Allee von Vulkanen“ entdeckte, überall stieß der Forscher auf lebendige Unterwelten. Wäre Humboldt damals nicht nach Westen, sondern nach Osten gereist, hätte er vergleichbare Erkenntnisse im heutigen Indonesien gewinnen können. Dort befindet sich auf der Insel Sumbawa, östlich von Java, der Vulkan Tambora, der 1815 weltweit für ein „Jahr ohne Sommer“ sorgte, weil er bei einem heftigen Ausbruch so viel Asche in die Atmosphäre entlud. Für den Filmemacher Riar Rizaldi steckt in der Vorstellung, Humboldt nach Osten zu schicken, eine reizvolle, alternativhistorische Idee, die er in seinem Kurzfilm „Fanfictie: Volcanology“ zumindest als Andeutung platziert: Humboldt „fürchtete“ sich vor dem Tambora, heißt es da.

Rizaldi wurde in den vergangenen Jahren zu einem Star auf Festivals und auch in der Kunst, indem er das wissenschaftliche Gebiet der Vulkanologie zu einer Mythologie erweiterte, die es ihm erlaubt, essayistisch-spekulativ von der politischen Gegenwart Indonesiens zu erzählen. In seinem Langfilm „Monisme“ (2023) ging es um eine Vermessung der Aktivitäten eines weiteren Vulkans, des Merapi, aber auch um die brutale Durchsetzung von Schürfrechten auf Java. In „Fanfictie: Volcanology“, der in der Berlinale-Sektion Forum Expanded läuft, deutet schon der Begriff „Fanfiktion“ an, dass erzählerische Freiheiten ausgekostet werden: Einem Sarg in einem Berginneren entsteigt ein (deutscher) Ghul namens Doktor Junghuhn, der durch die Höhlenwelt irrt, begleitet von einer Geisterstimme: Gott ist Natur, und Natur ist vulkanisch.

Ein Kino, das als Wirtschaftsgut zu Wachstum beiträgt

Dass die Erdkruste in Indonesien an vielen Stellen noch nicht zur Ruhe gekommen ist, kann man auch als Bild für eine allgemeinere Dynamik nehmen. Der Staat mit fast 300 Millionen Einwohnern spielt zunehmend eine Rolle in einer Geopolitik der Mittelmächte, wie sie der kanadische Premierminister Mark Carney neulich in Davos skizziert hat. Die EU hat mit Indonesien ein Handelsabkommen geschlossen und erhofft sich neue Exportmärkte, im Gegenzug Rohstoffe. Von Filmen oder allgemeiner audiovisuellen Gütern war in den Präliminarien nicht ausdrücklich die Rede.

Auf der 76. Berlinale ist Indonesien nicht von ungefähr mehrfach vertreten, davon zweimal mit Filmen, die auch geläufige Logiken von Festivalkino ein wenig durcheinanderbringen: „Monster Pabrik Rambut“ von Edwin in der Sektion Special und „Ghost in the Cell“ von Joko Anwar im Forum sind nämlich potentiell Blockbuster. Beide Filme können als Beispiele dafür dienen, dass ein Höchstmaß an Kreativität sich mit den Ansprüchen eines Kinos verträgt, das als Wirtschaftsgut zu Wachstum beiträgt. Ironisch, dass Joko Anwar im Forum vertreten ist, in einer Sektion, die kleine Filme aus unbekannteren Bereichen aufspürt. Anwar ist in seiner Welt ein Superstar und federführend an dem Projekt beteiligt, ein Bumilangit Cinematic Universe zu etablieren, mit indonesischen Superhelden.

Die Effizienzdiktate der Moderne

„Ghost in the Cell“ gehört nicht direkt in diesen Kontext, sondern erzählt von einem Männergefängnis. Tatsächlich besteht die Gruppe, die Anwar in den Mittelpunkt stellt, aus weitgehend sympathischen Männern – womit auch angedeutet ist, dass die Justiz in Indonesien noch besser arbeiten könnte, als es derzeit der Fall ist. Einer der Insassen wird ermordet und endet als eine grauenerregende Installation, ein Zerrbild moderner Kunst. Bald häufen sich die Fälle. Es muss jemand dahinterstecken, der zu dem abgeschlossenen Kosmos des Gefängnisses gehört.

Die Ritualmorde könnten aber auch auf einen Geist zurückzuführen sein. Damit hat Joko Anwar einerseits erzählerisch alle Freiheiten, andererseits kann er sich mit Lust der ästhetischen Ausgestaltung seiner makabren Prämisse widmen. „Ghost in the Cell“ bleibt dabei Gesellschaftsbild. Während sich allmählich Indizien zur Entschlüsselung der Heimsuchung ergeben, erzählt Anwar auch von den Kontexten, aus denen die Häftlinge kommen. Religiöse und soziale Unterschiede werden deutlich, Annahmen von einer fast durchwegs muslimisch geprägten Welt werden korrigiert.

Mystik der Vulkane: „Fanfictie: Volcanology“ von Riar Rizaldi
Mystik der Vulkane: „Fanfictie: Volcanology“ von Riar RizaldiBerlinale/New Pessimism Studio

Im Kern handelt „Ghost in the Cell“ von dem Großthema, das auch bei Riar Rizaldi auftaucht: Korruption. In „Monster Pabrik Rambut“ („Sleep No More“) werden hingegen eher die sozialen Folgen des wirtschaftlichen Aufschwungs in Indonesien verarbeitet – auch hier in Form einer Geistergeschichte. Zwei Schwestern suchen Aufklärung über den Tod ihrer Mutter, die in einer Fabrik beschäftigt war, die Perücken herstellt. Nach allem, was man vermuten kann, ist sie an Erschöpfung gestorben – ausgebeutet von einer sinistren Chefin, die ihren Betrieb führt wie ein Gefängnis. Das Monster ist Allegorie der Fron, Überbau von Produktionsverhältnissen. Und die Frauen leben unter den Bedingungen eines „sweat shops“, der den Effizienzdiktaten der Moderne unterliegt.

Das Beispiel Indonesien zeigt, dass das Kino durchaus ein Faktor in einer Geopolitik von Mittelmächten sein kann. Neben einer digitalen Souveränität gibt es eine audiovisuelle. Das kommerzielle Kino Indiens war für eine Weile auch ein veritables Exportgut und präsentierte sich auch mehrfach mit seinen Stars auf der Berlinale. Indonesien hat seither Riesenschritte aus früheren Kolonisierungen gemacht. Für die deutsche Politik und Wirtschaft sollten also nicht nur Seltene Erden und tropische Naturgüter von Interesse sein, sondern es lohnt sich auch ein Blick darauf, wie sich eine Gesellschaft in Form von Geistergeschichten ein Bild von ihren Konflikten und von ihrer Position in der Welt macht. Eine Wiederbelebung des Geistes von Humboldt wäre schon einmal ein Anfang, um auch in Deutschland ein „cinematic universe“ denkbar zu machen.

Source: faz.net