Politischer Karneval in Rio: Lula-Hommage im Sambodrom

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Auftritte der Sambaschulen am Karneval von Rio de Janeiro eine politische Note haben. Doch die Verehrung eines amtierenden Präsidenten, noch dazu in einem Wahljahr, geht für viele Brasilianer über die Narrenfreiheit hinaus.
Genau das tat jedoch die Sambaschule Acadêmicos de Niterói, die sich das Leben von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva als Thema ausgesucht hatte. Und so zogen am Sonntagabend mehrere Meter hohe Lula-Statuen und andere thematische Wagen durch den Sambodrom von Rio, begleitet von Sambarhythmen und Hunderten bunten Tänzern. Aus den Fernsehern des Landes klang das Echo millionenfach.
Schon Tage vor dem Beginn der Defilees im Sambodrom sorgte der Auftritt der Acadêmicos de Niterói für hitzige Diskussionen. Oppositionspolitiker sprachen von verfrühtem und deshalb illegalem Wahlkampf zugunsten Lulas. Während einige einen Finanzierungsstopp der Sambaschulen mit öffentlichen Geldern forderten, versuchten andere gar, eine einstweilige Verfügung zu erwirken, um das Defilee zu verhindern.
„Das könnte alles nach hinten losgehen“
Brasiliens oberstes Wahlgericht wies die Beschwerden am Donnerstag zurück, wobei die Richter argumentierten, dass sie eine Sambaschule nicht vor der Parade zensieren könnten. Gleichzeitig wiesen sie jedoch darauf hin, dass sie den Fall überprüfen könnten, wenn es während der Aufführung eine Aktion gebe, die gegen das Wahlrecht verstoße.
Von den rechtlichen Risiken eingeschüchtert, hielt sich Lula im Sambodrom zurück, gab keine Interviews und verließ die Loge nur kurz, um der Sambaschule aus der Nähe die Ehre zu erweisen. Auch Lulas Gattin Rosângela, die auf dem letzten Wagen hätte auftreten sollen, verzichtete auf das Rampenlicht.
Derweil hielt die Sambaschule ihre Mitglieder dazu an, keine direkten Anspielungen auf die Wahl zu machen. Beobachter bewerten die Präsenz Lulas auf der Parade dennoch als unvorsichtig. João Santana beispielsweise, ein erfolgreicher brasilianischer Kampagnenmanager, der auch schon für Lula arbeitete, sagte am Donnerstag in einem Video, dass die Hommage Lula keine Vorteile verschaffe. Der Präsident und die First Lady hätten sich dieser Parade gefährlich angenähert. „Das könnte alles nach hinten losgehen.“
Wenngleich ein Ausschluss Lulas von der Wahl im Oktober eher unrealistisch ist, könnte das Wahlgericht im Defilee und Lulas Anwesenheit einen Verstoß gegen das Wahlrecht erkennen und eine Buße gegen ihn aussprechen, die auch in Form einer Verkürzung der freien Wahlwerbezeit im Rundfunk ausgesprochen werden könnte. In einem knappen Wahlkampf kann das entscheidend sein. Derzeit deutet alles auf einen Zweikampf zwischen dem 80 Jahre alten Lula da Silva und dem rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro hin. Der Senator und Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro hat zuletzt in den Umfragen zugelegt, was ein enges Rennen vorhersehen lässt.
Source: faz.net