Endlich Freitag: Merz, Ostdeutschland, Olympia
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Hallo,
immer wenn ich Friedrich Merz sehe, fällt mir die Geschichte von dem Mann ein, der zum Arzt geht und sagt: „Herr Doktor, Herr Doktor, mein Auge tut so weh! Kaum trinke ich Kaffee, piekst es mich ganz fürchterlich.“ Worauf der Arzt sagt: „Dann nehmen Sie doch einfach den Löffel aus der Tasse, dann gibt sich das.“
Friedrich Merz hat eine sonderbare Begabung, dass er Probleme verschlimmert, anstatt sie zu lösen. Er wollte die AfD halbieren, und hat sie verdoppelt; meine These wäre, dass der Grund dafür darin liegt, dass Merz das Problem falsch versteht. Er denkt, die AfD sei stark wegen der großen Zahl von Flüchtlingen, also kriegt man sie damit klein, dass man die Grenzen dichtmacht und Abschiebeflüge organisiert. Will aber partout nicht funktionieren. Ich würde sagen: Der Löffel in der Kaffeetasse sind nicht die Flüchtlinge, sondern die ökonomische Unsicherheit, die Angst um den Arbeitsplatz, um die Existenz.
Am Wochenende nun hat Friedrich Merz, der von deutschen Leitmedien wie dem Spiegel oder der Zeit immer noch auffällig wohlwollend betrachtet wird, eine Rede gehalten, wie sich Europa von den USA emanzipieren könne. Wenn man das weniger wohlwollend sieht, könnte man auch sagen: Er hat, einen Monat nach der Rede von Mark Carney in Davos, einen zweiten Carney-Aufguss präsentiert. Und einen Weg aufgezeigt, wie Europa, und Deutschland, unabhängiger werden könnte. Bizarrerweise kam danach der x-te Aufguss des CDU-Programms: Weniger Bürokratie, mehr Standort, mehr Wettbewerb.
Etwas anderes ist Merz bis heute noch nicht eingefallen. Ok, möglicherweise sollte Deutschland an französischen Atombomben „teilhaben“. Aber sonst: Überrascht es einen, dass Merz genau so ist, wie wir immer dachten, dass er als Regierungschef sein würde? Der Kanzler der CDU-Mittelstandsunion hat auf jedes Problem dieselbe Antwort, aber den Löffel in der Tasse findet er nie.
1. Heute wichtig
2. Made My Day
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➜ Spiel & Ernst: Gestern sah ich, wie eine Frau durch den Wald rannte. Es war eine Art philosophischer Moment: Eine Frau rannte durch den Wald, auf Brettern, die rutschen, sie legte sich tierisch ins Zeug, als ginge es um die Wurst, sie schnaufte und strampelte, und hinter ihr ein ganzer Pulk von anderen Frauen, die auch auf Brettern durch den Wald rutschten, so schnell es ging, am Rücken trugen sie Schießgewehre.
Ok, Sie haben es wahrscheinlich durchschaut: Ich hab Biathlon geguckt.
Aber auf einmal musste ich darüber nachdenken, was für komische Wesen wir Menschen doch sind. Wir krabbeln eilen robben rennen, wir strampeln uns ab und üben jahrelang dafür, nur damit wir am Ende drei Sekunden schneller als unser Nebenmensch ins Ziel kommen. Es ist ein völlig sinnloses Spiel (Biathlon!), aber wir betreiben es mit so viel Hingabe und Leidenschaft und Ernst, dass eine Schönheit darin liegt.
Ja, auf einmal hatte ich Schiller im Ohr: „Um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Anders ist doch zum Beispiel auch Curling nicht zu erklären, oder?
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu hören: Ich bin ja ein leidenschaftlicher Geschichts-Podcast-Hörer. Der beste Geschichts-Podcast bleibt für mich immer noch The rest is history. Weil da zwei britische Historiker der Vergangenheit mit britischem Humor zu Leibe rücken, dass man des Öfteren laut auflachen muss. Egal ob sie sich über das falsche Schuhwerk von Kaiser Wilhelm lustig machen, ob sie die 10 besten Affen der Weltgeschichte diskutieren, eine Weltmeisterschaft antiker Götter ausrichten oder in mindestens 12 Folgen die Geschichte von General Custer, Sitting Bull und der Schlacht am Little Bighorn ausbreiten.
Eine besonders aufschlussreiche Folge: Die Geschichte der Azteken, und was sie mit dem Proteingehalt von Bohnen zu tun hat. Wie überhaupt Sesshaftigkeit anscheinend überhaupt erst mit Bohnen möglich wird, oder besser: der richtigen Kombi aus Getreide und Bohnen, die es den Sumerern erlaubt, sich sesshaft niederzulassen, das Rad zu erfinden und was danach so alles kam. Der Rest … is history.
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4. Lese-Empfehlung
➜ Jana Hensel: „Der Osten kippt. Und der Westen will das nicht sehen“
Die Schriftstellerin und ehemalige stellvertretende Freitag-Chefredakteurin Jana Hensel fragt sich in ihrem neuen Buch „Es war einmal ein Land“, wann das Abdriften so vieler Landsleute nach rechts begann. Ihre These: Der Abschied von der Demokratie fing weit vor Angela Merkel an. Meine Kollegin Maxi Leinkauf hat ein sehr lesenswertes Gespräch mit ihr darüber geführt.
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Das Café in Prenzlauer Berg, unser Treffpunkt, hat zu. „Dann gehen wir in meine Küche“, sagt Jana Hensel, hell und geräumig ist sie, an der Wand hängt eine russische Grammatiktafel aus Schulzeiten. Jana Hensel wurde in Leipzig geboren, Ende der 90er-Jahre zog sie nach Berlin. Sie war stellvertretende Chefredakteurin des Freitag, weil wir Kolleginnen waren, duzen wir uns. Hensels neues Buch Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet ist gerade im Aufbau-Verlag erschienen.
der Freitag: Jana, dein neues Buch „Es war einmal ein Land“ hat mich überrascht. Du hast schon so oft den Osten erklärt. War noch nicht alles gesagt?
Jana Hensel: Ich habe mich in der letzten Zeit mit Bundespolitik und den Grünen beschäftigt, ehrlicherweise aus einem Fluchtimpuls heraus, weil mich Ostdeutschland und das AfD-Thema nicht so interessiert haben. Als ich dann in den Tagen nach der Bundestagswahl 2025 auf diese blau gefärbte Karte schauen musste und sah, dass so gut wie alle Wahlkreise an die AfD gefallen waren, hatte ich ein Schockerlebnis. Es waren nicht nur das Erzgebirge und Südthüringen, sondern auch halb Leipzig. Es gab – neben Potsdam und Erfurt – nur einen kleinen linksparteiroten Fleck im Leipziger Süden, dort, wo ich aufgewachsen bin. Und da wusste ich: Die Leute gehen jetzt. Die vertrauen diesem Land und der Demokratie nicht mehr. Aber was da im Osten passiert war, darüber wurde nach der Wahl kaum diskutiert.
Dieses Wahlergebnis war eine deutliche Botschaft.
Die Leute sagten: „Es reicht. Wir machen nicht mehr mit. It’s over.“ Und ich hatte dadurch einen konkreten Anlass, um noch mal vom Osten erzählen zu können. Ich führte in den Tagen danach ein Interview mit Bundestagsabgeordneten, die ihre Mandate verloren hatten, das waren Mario Czaja aus Berlin-Marzahn und Detlef Müller, ein ehemaliger Lokführer aus Chemnitz. Sie beide erzählten mir, dass die AfD-Kandidaten in ihrem Wahlkreis gewonnen hatten, obwohl sie an keiner einzigen Wahlkampfveranstaltung teilgenommen hatten. Die waren gar nicht anwesend und haben trotzdem die Wahlkreise für sich geholt. Das zeigte mir, dass wir es nicht mehr mit einem nur politischen Phänomen zu tun haben. Sondern mit viel mehr.
Du nennst das im Buch eine „Drift“, die Züge eines Umsturzes trägt.
Ja, Wahlentscheidungen scheinen ja nicht mehr an konkreten Personen und kaum mehr an politischen Programmen zu liegen. Der Weg nach rechts ist ein langer und setzte viele Jahre vor 2015 ein. Deshalb wusste ich, dass ich die ostdeutsche Geschichte noch einmal von vorn erzählen, bis in das Jahr 1990 zurückgehen muss. Diese Anfangsjahre erlangen jetzt, durch die heraufziehende Tragödie, durchaus neue Relevanz.
Feedback
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Damit sind wir auch schon am Ende dieser ersten Ausgabe unseres Newsletters. Endlich Freitag! „Captain, it’s monday!“ Sie kennen das… Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche – vielleicht finden Sie ja auch noch eine Olympiadisziplin, die Sie über uns Menschen nachdenken lässt.
Viele Grüße,
Ihr Pepe Egger
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