Verner Panton: „Das Gewöhnliche langweilte ihn“
An diesem Freitag wäre Verner Panton 100 Jahre alt geworden. Und auch 28 Jahre nach seinem Tod wirkt das Werk des dänischen Designers und Architekten als andere als museal. Im Interview erklärt seine Tochter Carin Panton von Halem, was ihren Vater als Gestalter ausmachte und warum seine Leuchten und Möbel bis heute relevant sind.
Frau Panton von Halem, was können wir vom Vermächtnis Ihres Vaters für die Gegenwart lernen?
Sein Mut zum Experimentieren ist heute genauso relevant wie damals. Viele seiner Entwürfe waren ihrer Zeit weit voraus. Das Ziel meines Vaters war immer, Menschen zum kreativen Denken anzuregen und sie zu ermutigen, Neues auszuprobieren und die Konvention infrage zu stellen. Es erfüllt mich mit großem Stolz, dass seine Kreativität auch 28 Jahre nach seinem Tod weiterlebt. Zugegeben: Der Gedanke, dass er dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, fühlt sich etwas surreal an. In meiner Erinnerung bleibt er der kreative, jugendliche, unendlich neugierige Mensch, der er immer war.
Farben spielten für ihren Vater eine große Rolle. Warum?
Ob man nun an die Energie glaubt, die Farben ausstrahlen, oder an die Emotionen, die sie hervorrufen. Tatsache bleibt, dass Farben uns beeinflussen, insbesondere wenn wir vollständig von ihnen umgeben sind. Unser Zuhause war ein besonderer Ort, ganz so, wie er ihn sich vorgestellt hatte – einladend, warm und voller Farben. Jede Ecke und jede Fläche war mit seinem künstlerischen Sinn gestaltet, ein Gesamtkunstwerk. Mein Zimmer war sonnenblumengelb – es schien also immer die Sonne! Das Aufwachsen umgeben von seiner Welt voller Farben und ständiger Experimente hat natürlich meine Lebenssicht geprägt. Ich glaube, ich gehe anders in die Welt hinaus.
Viele Entwürfe Ihres Vaters sind noch immer in Produktion. Wie erklären Sie sich ihre Popularität?
Die Welt aus Farbe, Licht und Form, die mein Vater schuf, bietet noch immer etwas Beflügelndes. Eine Erinnerung daran, dass Kunst und Design Optimismus wecken und unsere Stimmung beeinflussen können. Sie haben sich als zeitlos erwiesen, sind genauso futuristisch wie damals. Dabei war das nie sein Ziel, etwas Zeitloses zu entwerfen. Verner folgte keinen bestimmten Designstil oder Trend. Er ging immer seine eigenen Wege.
Was, glauben Sie, gefällt den Menschen an seinen Möbeln und Leuchten?
Ich denke, die Faszination für die Arbeit meines Vaters rührt von der skulpturalen Qualität und dem extravaganten Erscheinungsbild her. Seine Entwürfe waren sehr auffällig und heben sich auch heute immer noch deutlich von dem ab, was wir gewohnt sind. Er ging sogar so weit, in seinen Installationen wie der „Fantasy Landscape“ und „Living Sculpture“ die klassischen Innenräume vollständig aufzulösen. Er hatte einen dreidimensionalen Ansatz in allem, was er tat, und verstand es, den Raum auf eine Weise zu nutzen, die mit Konventionen brach.

Welches ist Ihr persönliches Panton-Lieblingsstück?
Als Tochter habe ich viele Lieblingsobjekte. Aber ich würde vielleicht die Leuchte „Flowerpot“ nennen. Die Einheit von Form, Funktion und Farbe waren bei meinem Vater von zentraler Bedeutung, und ich finde, bei diesem Entwurf ist es ihm gut gelungen, alle drei Aspekte zu vereinen. Zum „Wire“-Hocker wiederum gibt es eine ganz witzige Geschichte. Wir hatten wirklich viele Sitzmöglichkeiten zu Hause. Trotzdem beschwerte sich meine Mutter einmal bei meinem Vater, dass es bei einer Party einfach nicht genug Stühle gab, auf die sich die Leute spontan hinsetzen konnten. Er solle doch bitte etwas entwerfen. Also entstand 1981 dieser leichte und stapelbare Hocker. Als Kind liebte ich auch besonders die „Living Sculpture“, die mitten in unserem Wohnzimmer stand. Sie war mein Lieblingsplatz, ich kletterte hinauf und hinein und schaute auf die Erwachsenen hinab.
Wenn Sie sich an Ihren Vater erinnern, was machte seine Persönlichkeit aus?
Mein Vater war ein liebevoller und warmherziger Mann. Er war bescheiden und hatte einen wunderbaren Sinn für Humor, einen leisen, hintergründigen Humor. Und er konnte wirklich in allem Inspiration finden. In einem Moment war er von der Schönheit der Natur beeindruckt, im nächsten war es ein neues Material oder eine neue Technologie. Das Gewöhnliche langweilte ihn. Er konnte sehr enthusiastisch sein. Er sagte einmal, dass er seine besten Ideen habe, wenn er eigentlich gar nicht arbeite, also im Urlaub, im Theater oder in einer Bar bei einem Bier.
Gemeinsam mit Ihrer Mutter verwalten Sie den Nachlass Verner Pantons. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Wir widmen einen großen Teil unserer Zeit dem Schutz der Originalität und Authentizität seiner Ideen und sorgen zugleich dafür, dass sein Werk lebendig bleibt. Im Zentrum steht dabei die Zusammenarbeit mit unseren Lizenzpartnern. Wir ermöglichen durch diese Kooperationen, dass auch heute noch viele der Originalentwürfe auf der ganzen Welt verfügbar sind. Und natürlich ist der Kampf gegen Kopien und Fälschungen ein Teil unserer Arbeit.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Herstellerfirmen wie &Tradition, Vitra oder Montana?
Wir arbeiten insgesamt mit 14 Unternehmen zusammen. Einige davon stellen die Produkte meines Vaters schon sehr lange her, denken Sie an den „Panton“-Stuhl von Vitra oder die Leuchte „Panthella“ von Louis Poulsen. Die Zusammenarbeit ist konstruktiv und von gegenseitigem Respekt geprägt. Als Erben aller Rechte nehmen wir seine Entwürfe stark in Schutz. Die Designs selbst würden wir niemals verändern. Nur Farbe oder Material. Oder wir erkunden neue Herstellungsmethoden, die technisch möglich werden. Wenn wir beispielsweise über eine neue Farbe für die „Flowerpot“ nachdenken, stellen wir uns immer die Frage: Was hätte Verner getan? So versuchen wir stets, in seinem Sinne zu handeln. Mein Vater sagte oft, dass ein Designer seine Ideen niemals verwirklichen könnte, wenn er nicht einen Produzenten fände, der an ihn glaubt – jemanden mit Mut und den Mitteln, um in seine oft ambitionierten und manchmal auch kostspieligen Konzepte zu investieren.

Sofasystem „Welle“
Gegen alle Sofakonventionen entwarf Panton 1969 die organisch-geschwungenen „Welle“-Elemente, die sich zu einer Sitzlandschaft zusammenstellen ließen. Lümmeln statt kerzengerade sitzen, das war der damalige Zeitgeist. Ein Jahr später waren die „Welle“-Module Teil seiner legendären „Visona-II“-Rauminstallation, organisiert vom Chemiekonzern Bayer zur Kölner Möbelmesse. Der auf Pantons Entwürfe spezialisierte Hersteller Verpan aus Dänemark nahm das System vor zwölf Jahren wieder in Produktion.
Regalsystem „Wire“
1971 kreierte Panton für den dänischen Möbelhersteller Montana das Regalsystem „Wire“ aus dem namensgebenden, fünf Millimeter dünnen Stahldraht. Die Module lassen sich stapeln, frei in den Raum stellen oder an die Wand hängen und ergeben so ein vergleichsweise leicht wirkendes Aufbewahrungsmöbel. Montana bietet das System mit der von Panton geschätzten Chromoberfläche an, zusätzlich in verschiedenen Farben.
Leuchte „Panthella“
Die „Panthella“ von 1971 gefällt auf den ersten Blick mit ihrer eingängigen, harmonischen Form. Auf den zweiten Blick erweist sie sich auch als funktional, weil sie sowohl direktes als auch indirekte Licht spendet. Pantons Idee hinter dem Entwurf: Auch der Fuß soll als Reflektor wirken. Erhältlich ist sie als Steh-, Tisch- und kabellose Leuchte in verschiedenen Größen und Farben beim dänischen Leuchtenhersteller Louis Poulsen.
Stuhl „Panton“
Dieser Stuhl ist der wohl bekannteste Entwurf Verner Pantons, auch weil er den Namen des Designers trägt. Bei der Markteinführung 1967 war er als erster hinterbeinloser Stuhl aus einem Stück Kunststoff eine echte Sensation. Die Idee beschäftigte Panton schon ab Mitte der 1950er-Jahre, doch erst in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Möbelhersteller Vitra gelang die Umsetzung, zunächst in glasfaserverstärktem Polyester. Heute stellt ihn Vitra aus durchgefärbtem Polypropylen her.
Leuchte „Flowerpot“
Zwei unterschiedlich große Halbkugeln miteinander kombiniert, fertig ist ein so einfaches wie funktionales Design: die „Flowerpot“-Leuchte aus dem Jahr 1968. Ebenso revolutionär wie die Zeit, in der sie entstand, waren damals der farbig emaillierte Schirm und das ebenso farbige Kabel der Leuchte. Heute im Portfolio der dänischen Marke &Tradition, gibt es die „Flowerpot“ in verschiedenen Versionen (und Farben) als Tisch-, Steh- und Pendelleuchte.