Private Equity: Wie Jared Kushner sein Geld vermehrt
Das Urteil der fünf Männer war hart und eindeutig: „unerfahrenes Management“, „exzessive“ Gebühren, „unzufriedenstellend in allen Aspekten“. In der Schule würde man wohl sagen: Da ist jemand mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Aber in diesem Fall geschah das genaue Gegenteil. Nur wenige Tage nachdem der fünfköpfige Investmentausschuss des saudi-arabischen Staatsfonds PIF – einer der größten und mächtigsten Staatsfonds der Welt – seine Ablehnung zum Ausdruck gebracht hatte, wurde er überstimmt. Und zwar von niemand Geringerem als von Kronprinz Muhammad Bin Salman, dessen Wort in Saudi-Arabien faktisch Gesetz ist. Zwei Milliarden Dollar, so entschied der Kronprinz im Sommer 2021, werde man in die Finanzfirma investieren, die seine eigenen Leute so harsch abgekanzelt hatten. Der Name der Firma, Affinity Partners, ist im Englischen vieldeutig, er kann sowohl „Affinität“ als auch „Verwandtschaft“ oder „Beziehung“ bedeuten. Hinter dem Unternehmen steckt ein guter Bekannter des Kronprinzen: Jared Kushner, Schwiegersohn von Donald Trump, und in dessen erster Amtszeit häufig in dessen Auftrag im Nahen Osten unterwegs.
Offengelegt hat dieses bemerkenswerte Investment vor einigen Jahren die „New York Times“, doch erst in diesen Tagen offenbart sich, was sich wirklich dahinter verbirgt. Denn der Name von Kushners Firma ist Programm: Der 45 Jahre alte Schwiegersohn des Präsidenten, der mit dessen Tochter Ivanka drei Kinder hat, macht die Beziehungen zu Geld, die er sich überall auf der Welt aufgebaut hat. Und zwar zu viel Geld: Auf eine Milliarde Dollar wird Kushners Vermögen mittlerweile geschätzt.
Dabei geht er geschickter und subtiler vor als andere Mitglieder der Trump-Familie, die sich in der zweiten Amtszeit des Präsidenten kaum noch die Mühe geben, ihre Geschäftsinteressen zu verheimlichen. Kushner hingegen betont gern, dass er ohne Bezahlung unterwegs sei, wenn ihn sein Schwiegervater wieder einmal zur Lösung eines Konfliktes in die Welt hinausschickt. Das kommt gar nicht so selten vor: Das Abkommen zwischen Israel und der Hamas hat Kushner mitverhandelt, auch im russischen Kreml war er bereits vorstellig. „Wir bringen Jared ins Spiel, wenn wir kurz vor dem Abschluss eines Deals stehen“, pflegt Trump gern zu sagen. Kushner hat in seinen wenigen Interviews immer wieder hervorgehoben: Er handele im Interesse Amerikas.
Mag sein, dass Kushner das selbst tatsächlich so sieht. Aber er handelt mindestens so sehr auch im eigenen Interesse und im Interesse seiner Geschäftspartner.
Spricht man mit Branchenkennern, fällt ihnen auf Anhieb keine Finanzfirma vergleichbarer Größe ein, die so potente Geldgeber hinter sich hat. Neben dem saudi-arabischen Staatsfonds haben auch die Staatsfonds aus Abu Dhabi und Qatar Geld in Affinity Partners investiert. Mehr als die Hälfte des verwalteten Vermögens von fast fünf Milliarden Dollar stammt aus dem Nahen Osten. Einen Grund für dieses enorme Zutrauen hat ebenfalls die „New York Times“ offengelegt. In einem internen Papier des saudischen Staatsfonds heißt es demzufolge: Man wolle Kushners „tiefes Verständnis von unterschiedlichen Regierungspolitiken und geopolitischen Systemen kapitalisieren“. Wer das Wort „Regierungsnähe“ kunstvoll vermeiden möchte, bekommt hier Anschauungsunterricht.
„Mein Freund“
Hilfreich war in dem Zusammenhang sicher auch, dass Kushner den saudischen Kronprinzen bis heute einen „Freund“ nennt – und die Ermordung des Regierungskritikers Jamal Khashoggi im Jahr 2018 nie erwähnt hat. Bin Salman selbst soll sie in Auftrag gegeben haben. Zimperlich ist Kushner in der Auswahl seiner Geschäftspartner also nicht. Die dürften sich gefreut haben, als gute drei Jahre nach ihrer ersten Investition Donald Trump tatsächlich wieder zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Kushner behauptet, trotzdem keine Vermengung zwischen öffentlichen und privaten Interessen zu erkennen. Der „Financial Times“ hat er dazu kürzlich gesagt: „Viele Leute sehen in allem einen Interessenkonflikt. Das soll mich nicht stoppen.“
Wie gut Kushner und seine Firma an den Geschäften verdienen, zeigt eine einfache Rechnung. Affinity Partners ist als Private-Equity-Fonds konzipiert. Das heißt: Es handelt sich um eine private Beteiligungsgesellschaft, die üblicherweise in Unternehmen investiert, die nicht an der Börse notiert sind. Es kann allerdings vorkommen, dass solche Firmen Aktiengesellschaften aufkaufen, um diese von der Börse zu nehmen. Private-Equity-Fonds haben den Nachteil, dass deren meist professionelle Investoren oft für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren nicht an ihr Geld kommen, weil das Kaufen und Verkaufen von Unternehmen ein langwieriges Geschäft sein kann. Im Gegenzug erhoffen sie sich eine höhere Rendite als am Aktienmarkt üblich. Für die Aussicht darauf zahlen sie der Private-Equity-Firma eine Gebühr.
Kushners Rechnung geht auf
Im Falle Kushners geht die Rechnung nun so: 1,25 Prozent Gebühr sollen laut „New York Times“ die Saudis an ihren amerikanischen Geschäftspartner zahlen. Das ist zwar immer noch ein Abschlag gegenüber der sonst üblichen Gebühr von 1,5 bis zwei Prozent, aber Branchenkenner versichern: Für einen neuen Fonds ohne jegliche Historie sei dies noch immer eine unüblich hohe Gebühr. Legt man nur die ursprünglich investierten zwei Milliarden Dollar zugrunde, kommt Kushners Firma bereits auf jährliche Einnahmen von 25 Millionen Dollar. Allein die Tatsache, dass die Saudis diese Kosten klaglos akzeptiert haben, deutet daraufhin: Sie erhoffen sich von der Liaison nicht nur gute Renditen, sondern auch Zugang in die höchsten Kreise der amerikanischen Politik.
Jared Kushner, so fair muss man sein, ist dabei längst nicht der Einzige, der seine politischen Kontakte mithilfe eines Private-Equity-Fonds zu Geld macht. Auch aufseiten der Demokratischen Partei ist das schon vorgekommen: Ausgerechnet der frühere Vizepräsident Al Gore ist Mitgründer des Fonds „Generation Investment Management“, der sich auf nachhaltige Investments spezialisiert hat. Die Geschäftspartner mögen andere sein als bei Kushner, aber völlig unterschiedlich ist die Methode nicht.
Wie aber geht Trumps Schwiegersohn nun konkret vor? Er selbst hat dem Magazin „Forbes“ einmal lapidar gesagt: „Wir suchen nach Wachstumsunternehmen.“ Allein das allerdings ist noch keine Erfolgsgarantie, zumal es Kushner an Erfahrung auf dem Feld mangelt. Wie man Geschäfte abwickelt, konnte er sich zwar als Junge vom eigenen Vater abschauen. Charles Kushner war wie Trump Immobilienentwickler in New York, und die Legende will es, dass er seinen Sohn im Teenageralter regelmäßig mit auf Baustellen nahm. Ein Vorbild ohne Makel war der Vater jedoch nicht: 2005 musste er unter anderem wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis. Gleichwohl stieg Kushner ungefähr zu diesem Zeitpunkt in die Immobilienfirma des Vaters ein. Der erste nennenswerte Deal, den er mitzuverantworten hatte, ging gründlich schief: Der Kauf eines Wolkenkratzers auf der New Yorker Fifth Avenue kurz vor dem Ausbruch der weltweiten Immobilienkrise 2008 geriet zum teuren Flop.
In Anbetracht dieser Vorgeschichte läuft es derzeit für Kushner geschäftlich erstaunlich gut. Besonders in Israel ist ihm etwas Erstaunliches gelungen: Sein Private-Equity-Fonds hält substanzielle Anteile an einem der wichtigsten Versicherungskonzerne des Landes, an Phoenix Financial. Man muss sich klarmachen, was das bedeutet: ein Fonds, dessen wichtigste Geldgeber aus dem arabischen Raum stammen, hält die Mehrheit an einem bedeutenden israelischen Unternehmen. Dies kann man als echtes diplomatisches Kunststück bezeichnen. Kushner hat es auch deswegen zustande gebracht, weil seine Familie schon immer enge Bande zu Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu unterhielt: Netanjahu und Kushners Vater Charles sind alte Freunde.
Lust auf mehr
Der Erfolg hat im Trump-Schwiegersohn augenscheinlich die Lust auf mehr geweckt. Affinity Partners gehört zu einer Bietergruppe, die den Computerspielekonzern Electronic Arts für 55 Milliarden Dollar von der Börse nehmen will. Auch das eine Liga, in der eine gerade erst gegründete Private-Equity-Firma normalerweise niemals spielen würde.
Dass Kushner darüber hinaus bereit ist, die Grenzen des politisch Möglichen auszutesten, zeigt der Versuch, sich an einer anderen Übernahmeschlacht zu beteiligen, die derzeit die USA bewegt: In der Auseinandersetzung um das Filmstudio Warner Bros. Discovery schloss sich Kushners Firma dem Angebot von Paramount an, das Studio für 108 Milliarden Dollar zu übernehmen. Hinter Paramount steckt ausgerechnet Donald Trumps Freund Larry Ellison. Der Aufschrei unter den Politikern der Demokratischen Partei war groß: Ein Trump-Freund, der im Verbund mit ausländischen Geldgebern die Kontrolle über einen wichtigen Medienkonzern übernehmen will? Das stieß in weiten Teilen der Öffentlichkeit auf Ablehnung. Unter diesem Druck zog Kushner die Beteiligung von Affinity Partners an der Offerte zurück. Es war das bislang einzige Mal, dass seine Ambitionen einen sichtbaren Dämpfer erlitten.
Im persönlichen Umgang gilt Kushner als das genaue Gegenteil des amerikanischen Präsidenten: Er höre mehr zu, als dass er selbst spreche, heißt es über ihn. Sogar ein deutsches Start-up hat er in seinem Portfolio, die Sportabo-Firma Egym. Kushner sei immer für ihn erreichbar, hat einer der Egym-Mitgründer vor einiger Zeit über seinen prominentesten Investor zu Protokoll gegeben.
Der zurückhaltende Herr Kushner kann allerdings auch ganz anders. So schwärmte er unlängst über die „erstaunlichen Investmentmöglichkeiten“ im Gazastreifen und nannte seine geschäftliche Bilanz im Nahen Osten „unvergleichlich“. Da klingt ein Ton durch, den die Welt mittlerweile gut kennt – die Wortwahl seines Schwiegervaters Donald Trump.
Source: faz.net